Durch die schmale deutsche Optik betrachtet, gleicht der Nahe Osten einer Provinzbühne, die seit fünfzig Jahren nur ein einziges Stück aufführt. Es heißt "Der Nahostkonflikt" und wird bevölkert von einem langweilig-vertrauten Ensemble: Israelis, Palästinensern, Amerikanern, Ölscheichs, Diktatoren und Terroristen. Was Wunder, dass abermals eine jener Volten übersehen wurde, die dem Drama eine gänzlich neue Wendung verleihen könnte.

Es ist der dritte Arab Human Development Report (AHDR). Warum die 250 Seiten so viel Aufmerksamkeit verdient hätten wie etwa das Bush-Scharon-Treffen im texanischen Crawford? Weil auch dieser Bericht, unter der Ägide der UN verfasst, ein Fenster zu einem dunklen Raum aufstößt: dem kulturellen wie politischen Versagen der arabischen Welt. Zum Zweiten, weil das Verdikt nicht von westlichen "Orientalisten", sondern von arabischen Intellektuellen und Akademikern niedergeschrieben worden ist. Zum Dritten, weil es zum dritten Mal vom Bewusstseinswandel einer Region zeugt, der man derlei Fähigkeit reflexartig abstreitet – etwa: "Überall stürzen seit dem Mauerfall auch die Diktaturen, nur nicht in Arabien…"

Das ist zwar richtig, gibt es doch nirgendwo weniger Demokratie als zwischen Algerien und Saudi-Arabien, zwischen Levante und Golf. Es gibt auch nirgendwo so wenig Selbstanalyse, geschweige denn -kritik wie in dieser Gegend. Aber umso bemerkenswerter sind die Arab Human Development Reports, die – so die Autoren – auf "ernsthafter Selbstkritik" basieren und sich auf die "Kardinal-Defizite" konzentrieren. Der jüngste AHDR von 2004 beschäftigt sich mit der ärgsten Unwucht von allen: dem "Freiheitsdefizit".

Nicht, dass diese "Selbstkritik" gänzlich auf klassische Muster der Schuldabweisung verzichtet. Die üblichen Verdächtigen sind Israel und Amerika. Ohne nur einmal das Wörtchen "Terror" zu erwähnen, führt der Bericht akribisch die Sünden der Israelis auf, um ein schlichtes Fazit ziehen zu können: "Die Besatzung bremst weiter Entwicklung und Freiheit." Ebenso ungnädig verfährt der Report mit den USA: Zwar seien die Iraker einem "despotischen Regime" entkommen – "aber nur, um in die Hände einer fremden Okkupation zu fallen, die das menschliche Leiden erhöht hat". Wiederum kein Wort vom Terror, der Tausende Iraker auf dem Gewissen hat – und kein Wort vom Fortschritt, der dem Irak inzwischen eine demokratisch gewählte Regierung verschafft hat. Mag sein, dass die arabischen Autoren hier den Kotau vor jenen Regimen in ihren Heimatländern tun mussten, die sie auf den nächsten 230 Seiten geißeln. Die Conclusio zu Beginn: "Eine neue Renaissance der arabischen Welt hängt davon ab, dass die Tyrannei beendet wird und Grundrechte und -freiheiten gesichert werden."

Auch die Boshaftigkeiten des "Großen" und "Kleinen Satans" werden relativiert. "Fremde Intervention hin oder her – die Freiheit wird von zwei Sorten (innerer) Machtausübung bedroht: von undemokratischen Regimen sowie von Tradition und Tribalismus, die im Gewande des Glaubens auftreten." Die zentrale Metapher ist eine astronomische – die vom "schwarzen Loch", in dem die Materie so unsäglich stark verdichtet ist, dass sie alles um sich herum auffrisst. Ähnlich der "moderne arabische Staat" im gesellschaftlichen Umfeld: Nichts "kann ihm entfliehen", um ihn herum "bewegt sich nichts".

Dieser Staat habe zwar einiges geleistet, insbesondere bei der Eindämmung von Krankheit und Sterblichkeit. Bloß, gemessen an den "Standards des 21. Jahrhunderts", habe er keinesfalls den Wunsch der arabischen Nation nach "Entwicklung, Sicherheit und Befreiung befriedigt".