Der Streit ist beigelegt, die Gewerkschaften und die demokratische Partei haben sich durchgesetzt. Im amerikanischen Bundesstaat New Jersey wird der staatliche Mindestlohn über die kommenden zwei Jahre um zwei Dollar auf 7,15 Dollar die Stunde angehoben – so haben es die Abgeordnetenkammer und der Senat beschlossen. Rund 250000 Arbeitnehmer sind davon betroffen und können sich auf eine Lohnerhöhung freuen. Wie jedes Mal war der Anhebung in New Jersey ein erbitterter Streit vorausgegangen zwischen links und rechts, Demokraten und Republikanern, Gewerkschaften und Arbeitgebern.

Mindestlöhne gibt es in den USA seit 1912. Vorreiter war Massachusetts, weitere Staaten folgten, und 1938 wurde mit dem Fair Labor Standards Act sogar ein USA-weiter Mindestlohn eingeführt. Den gibt es bis heute – obwohl die einzelnen Bundesstaaten, wie etwa New Jersey, auch höhere Löhne festlegen dürfen. 14 Staaten und der Disctrict of Columbia haben das getan.

Der bundesweite Mindestlohn von 5,15 Dollar pro Stunde ist so niedrig, dass er kaum eine Familie ernähren kann. Das liegt daran, dass Erhöhungen stets vom Kongress in Washington abgesegnet werden müssen – was selten geschieht. So kommt es, dass der reale Mindestlohn – wenn man also die Inflation herausrechnet – heute 40 Prozent niedriger ist als im Jahr 1968. Ein Vollzeitarbeiter mit einer vierköpfigen Familie, der für Mindestlohn arbeitet und keinen Urlaub nimmt, würde etwa die Hälfte der Summe verdienen, die in den USA offiziell als Armutsgrenze gilt. Knapp 50 Prozent aller Niedriglohnarbeiter arbeiten Vollzeit, ein weiteres Drittel arbeitet immerhin 20 bis 34 Stunden pro Woche, meist im Einzelhandel oder im Hotel- und Gaststättengewerbe.

Ein einziges Mindestlohneinkommen konnte 1968 eine Familie über der Armutsschwelle halten, heute kann sie davon nicht mehr leben. Deshalb füllt der amerikanische Staat die Kassen armer Familien auf mit dem so genannten Earned Income Tax Credit (EITC), einer Art negativen Einkommensteuer, und mit Sozialhilfe.

Wohlfahrtsverbände und Sozialforschungsinstitute berechnen regelmäßig Mindestlöhne, die "minimal notwendig" wären, um Armut abzuwenden – und die je nach Region und Methodik zwischen acht und 14 Dollar schwanken. Allerdings haben einige Niedriglohnarbeiter heute mehr als einen Job, zudem arbeiten meist mehrere Familienmitglieder.

Dass ein höherer Mindestlohn bei der Armutsbekämpfung hilft, gilt inzwischen als nachgewiesen. Ein altes Argument der Kritiker, nach dem die meisten Billigjobber Teenager aus Familien der Mittelschichten seien und nur etwas Taschengeld verdienten, ist falsch: Ende der neunziger Jahre ergaben Studien, dass ein Niedriglohnarbeiter durchschnittlich die Hälfte seines Familieneinkommens aufbringt.

Aber kosten höhere Mindestlöhne womöglich Arbeitsplätze? In den Vereinigten Staaten sorgte zu Beginn der neunziger Jahre eine Studie für Aufsehen, die nach einer Mindestlohnerhöhung in New Jersey keine Jobverluste feststellen konnte. Seither sind zahlreiche Untersuchungen mit ähnlichem Ergebnis erschienen. Manche Forscher mutmaßen nun, dass die besseren Löhne durch eine höhere Arbeitsmoral, geringere Fehlzeiten und geringere Rekrutierungskosten wettgemacht werden.