Philipp-Christian Wachs
Ein deutscher Lehrer muss alles können. Er muss erziehen, sein Fach mit Leidenschaft und Fachkunde unterrichten und soziale Konflikte schlichten. Er muss mit immer größeren Leistungsunterschieden in immer größeren Klassen klar kommen, Schulbetrieb und Klassenfahrten organisieren, den Kontakt mit Betrieben und Jugendeinrichtungen des Umfeldes pflegen. Dazu muss er eigene Defizite und die seiner Kollegen aufzeigen, mit Eltern über Erziehungsaufgaben reden, jedes Kind individuell fördern, Nachhilfe geben, immer ansprechbar und natürlich freundlich sein – so weit die Bewertung.

Sie steht im krassen Gegensatz zu dem tatsächlichen Bild, das die Gesellschaft von ihren Lehrern hat. Die mangelnde Anerkennung in der Öffentlichkeit ist nicht erst seit PISA ein gravierendes Problem. Der Bundeskanzler hat mit seinem viel zitierten von den faulen Säcken der Zunft sicher keinen Gefallen getan. Bestimmt ist diese Verachtung ungerecht gegenüber einem Job, dem an manchen Schulen selbst ein gewiefter Manager oder ein nervenstarker Unternehmer kaum einen Morgen lang durchstehen würde, ohne an Flucht zu denken.

Aber – Hand aufs Herz – woran denken wir eigentlich bei Lehrern? Denken wir an Leidenschaft, natürliche Autorität und Vorbild? Denken wir an Führung durch das Reich der Erkenntnis? Oder denken wir an staubige Studienräte, an Didaktiker und lebensferne Akademiker? Denken wir an Faust oder denken wir an seinen Famulus Wagner, den Goethe als trockenen Schleicher beschrieb?

Natürlich gibt es sie, die Lehrer, die sich voller Enthusiasmus und mit vielen Ideen für ihren Beruf einsetzen, die humorvoll sind, natürliche Autorität besitzen und für ihre Schüler ein offenes Ohr haben. Und es gibt Schüler, bei denen dies auf äußerst fruchtbaren Boden fällt. Dass beides zusammenkommt, ist sicher das Geheimnis des Gelingens. Doch offenkundig geschieht das so selten, dass sich zwei Fragen stellen.

Erstens: Wer wird in Deutschland eigentlich Lehrer und warum? Wer immer den Lehrberuf anstrebt, reflektiert in seiner Ausbildung weder seinen künftigen Beruf, noch kann er prüfen, ob er eine persönliche Eignung zum Umgang mit Kindern besitzt. Ist dem nicht so, ist der Weg in die Verzweiflung kurz. Der Praxisschock, ein hoher Selbstanspruch und ein idealisiertes Lernbild tragen dazu bei.

Zweitens: Wie werden angehende Pädagogen eigentlich auf die Praxis in der Schule vorbereitet? Offenkundig sind Studium und Referendariat verschiedene Welten. Der Schüler, das unbekannte Wesen, beschert vielen jungen Pädagogen den erwähnten Praxisschock, wenn sie das erste Mal vor einer Klasse stehen, mit dem Ergebnis, dass nur einer von zehn Lehrern es bis zur Rente schafft.

In der Ausbildung schwadronieren Fachleiter über Habermas, Adorno und französische Literatur, während Referendare lieber wüssten, wie sie Ruhe in die Klasse bringen, den Unterschied zwischen starken und schwachen Verben erklären und die chronische Rechtschreibschwäche ihrer Schüler in den Griff bekommen. Handwerk statt Habermas möchte man den Erziehungswissenschaften zurufen.