vatikan Der neue Ratzinger

Warum Papst Benedikt XVI. kein unerbittlicher Zuchtmeister mehr sein kann

Nun ist es ausgerechnet jener Kardinal geworden, der noch vor kurzem gehofft hatte, es werde endlich ein Afrikaner zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt: HabemusPapam Joseph Ratzinger.

Nein, es ist wieder kein Mann aus dem Süden der Weltgesellschaft, kein Papst der jungen Kirche, keiner aus Lateinamerika, dem Kontinent, wo über die Hälfte aller Katholiken lebt. Nach kurzem Konklave und ohne Machtkampf hat sich das Weltepiskopat für einen römischen Zentralisten entschieden, für den ersten deutschen Papst seit fünf Jahrhunderten.

Eine Epoche lang war Ratzinger unerbittlicher Zuchtmeister der katholischen Kirche, ihr Cheftheologe und oberster Glaubenswächter. Seine Lehrverbote, seine inquisitorische Strenge trieben sogar Katholiken die Schamesröte ins Gesicht. Auch die Mehrheit deutscher Bischöfe ging zu ihm auf Distanz. Ratzinger, beim 2. Vatikanischen Konzil noch ein großherziger Reformer, bekämpfte das Priesteramt für Frauen, und die Laien in den Gemeinden fürchten ihn. Dass die Ökumene unter ihm Fortschritte machte, ist nicht überliefert. Eine innere Demokratisierung der Kirche lehnte Ratzinger ab. Die Vorstellung, es müsse eine Balance zwischen römischem Zentrum und katholischer Peripherie geben, blieb ihm fremd. Auch die Freiheit der Ortskirchen war nichts, was Ratzinger am Herzen lag. Römische Machtbehauptung triumphierte über die Gemeinschaft der Gläubigen.

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Die Wahl Ratzingers, eines der brillantesten Intellektuellen, den die Kirche im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, ist für liberale Katholiken eine Enttäuschung. Dafür haben sie gute Gründe. Allerdings rührt ihre Erbitterung vor allem aus den Erfahrungen der siebziger Jahre, aus den lichtlosen Zeiten des konservativen Kulturkampfes, als Ratzinger dem Irrglauben anhing, Befreiungstheologen, Marxisten und die Frankfurter Schule würden seiner römischen Zentrale das Wasser abgraben.

Das ist vorbei. Für Ratzinger stellt sich die »Wahrheitsfrage« ganz anders. Als Leiter der Glaubenskongregation hat er erfahren, dass Europa nicht mehr der Nabel der katholischen Welt ist. Seit langem wandert der Stern in den Süden zu den »jungen« und lebendigen Gemeinden nach Afrika, nach Lateinamerika und Asien – in die harte Realität der Weltgesellschaft.

Niemand weiß besser, dass seine Institution auf dem Weg zu einer globalen Kirche mit vielen Zentren ist, als Joseph Ratzinger selbst. Sie entwickelt sich zu einer machtlosen Gegenmacht auf der internationalen Bühne, zu einer Stimme im Widerstreit der Nationen – inmitten einer friedlos globalisierten und schreiend ungerechten Moderne.

Auf die neue Rolle der polyzentrischen Weltkirche hat Ratzinger mit Sätzen reagiert, die selbst säkulare Ohren als Sensation empfanden. Zu Recht kritisierte er eine »ungebändigte Weltgesellschaft«, in der politische Macht und kapitalistischer Markt zu einer Art Pseudoreligion werden, die Fragen nach Sinn und Gerechtigkeit für obsolet erklärt. Und kurz nach dem Irak-Krieg, den er als verwerflich empfand, forderte Ratzinger, politische Macht müsse unter das Maß des Rechts gestellt werden. »Nicht das Recht des Stärkeren muss gelten, sondern die Stärke des Rechts.«

In diesen Worten steckt nichts Geringeres als der Anspruch, die Kirche solle auf eine Weltordnung hinwirken, in der internationales Recht »das Vehikel der Gerechtigkeit« ist und nicht das »Privileg derer, die die Macht haben, das Recht zu setzen.«

Damit nicht genug. Ein Irrlauf der Vernunft und ein Missbrauch menschlicher Macht droht für Ratzinger auch durch den unbelehrbaren Naturalismus der Lebenswissenschaften. Sie verstünden den Menschen als manipulierbare Biomasse. Damit aber mache er sich selbst zum Produkt. »Der Mensch ist in die Brunnenstube der Macht hinuntergestiegen. Die Versuchung, nun erst den rechten Menschen zu konstruieren, die Versuchung, Menschen als Müll anzusehen, ist kein Hirngespinst fortschrittsfeindlicher Moralisten.« Deshalb sei es an der Zeit, dass die Religion die Vernunft in die Schranken weist. So wie es umgekehrt das Recht der Vernunft sei, einer gewalttätigen Religion den Spiegel vorzuhalten.

Ratzingers Kritik am Missbrauch politischer und wissenschaftlicher Macht war kein geschmeidiges Zugeständnis an den Zeitgeist. Sie folgte keinem Kalkül, sondern theologischer Einsicht. Ratzinger bestimmt nämlich die Aufgabe der katholischen Kirche inzwischen anders, als manchem seiner konservativen Getreuen lieb sein kann. Im Gegensatz zu früher versteht er sie nicht mehr bloß als Bollwerk gegen Liberalismus und Aufklärung. Er betrachtet Rom nicht mehr bloß als »Aufhalter« – als Hort der Orthodoxie, deren Macht und Herrlichkeit das trübe Licht irdischer Dekadenz überstrahlt, je autoritärer, desto besser.

Ratzinger setzt seine theologischen Akzente inzwischen anders. Auch wenn er an die ungebrochene Kontinuität des »Abendlandes« glaubt, so weiß er, dass auf einer doktrinären Kirche kein Segen liegt. Ebenso wenig auf einer Theologie, die unter Aufbietung von Nötigung und Gewissenszwang ihren Gläubigen nur eine Botschaft verkündet: Der Mensch sei zum Leiden verurteilt und müsse sein Kreuz tragen bis zum Jüngsten Gericht. Alles andere, jede innerweltliche Verbesserung seiner Lebensumstände, sei Selbsterlösung und somit ein Werk des Teufels.

Seinen theologischen Gegnern, den Reformern, schenkte Ratzinger mehr Gehör als früher, auch wenn er ihnen in zentralen Fragen keinen Fingerbreit entgegenkam. Diese Reformer kritisieren eine Kirche, die der Erlösung der Schuldigen mehr Aufmerksamkeit widmet als dem Mitgefühl mit den Unschuldigen. Sie wollen kein halbiertes Christentum, kein Christentum ohne Bergpredigt. Sie wollen keine spirituelle Esoterik, die den monotheistischen Kern und den jüdischen Ursprung der Bibel aufweicht. Vielmehr sollen die Menschen verstehen, dass der Gottesgedanke elementar ein Friedens- und Gerechtigkeitsgedanke ist, der mit Freund-Feind-Unterscheidungen nicht leben will. Kurzum, für die Reformer bleibt Hiobs Frage der größte theologische Skandal, das wahrhaft »Unglaubliche« ihrer Religion: Warum gibt es trotz Gottes Güte Leiden und Unrecht?

Es bedarf keiner prophetischen Gabe zu behaupten, dass Papst Benedikt XVI. nicht umhinkann, sich den theologischen Reformern zu öffnen. Ratzinger ist das Oberhaupt einer Weltkirche, und der innerdeutsche Kulturkampf, in dem er seine Instrumente schärfte, ist vorbei.

Die Zeit für ihn ist günstig. Die halbe Welt spricht von der Wiederkehr der Religion, selbst jene machthabenden »Realpolitiker«, in deren Tun und Trachten das Christliche nicht zu erkennen ist. Doch in der Springflut religiöser Gefühle, in der überwältigenden Aufmerksamkeit für die Papstkirche steckt nicht nur die Sehnsucht nach Trost und Transzendenz. Aus ihnen spricht auch die profane Hoffnung auf Frieden in einem Zeitalter von Angst und politischer Verwerfung.

Diese Hoffnungen teilen Gläubige wie Ungläubige. Sie zu befördern, darin liegt die symbolische Autorität des neuen Papstes einer katholischen Weltkirche. Doch was immer sie tut: »Nur an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.«

 
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