vatikan Der neue RatzingerSeite 2/2

Ratzingers Kritik am Missbrauch politischer und wissenschaftlicher Macht war kein geschmeidiges Zugeständnis an den Zeitgeist. Sie folgte keinem Kalkül, sondern theologischer Einsicht. Ratzinger bestimmt nämlich die Aufgabe der katholischen Kirche inzwischen anders, als manchem seiner konservativen Getreuen lieb sein kann. Im Gegensatz zu früher versteht er sie nicht mehr bloß als Bollwerk gegen Liberalismus und Aufklärung. Er betrachtet Rom nicht mehr bloß als »Aufhalter« – als Hort der Orthodoxie, deren Macht und Herrlichkeit das trübe Licht irdischer Dekadenz überstrahlt, je autoritärer, desto besser.

Ratzinger setzt seine theologischen Akzente inzwischen anders. Auch wenn er an die ungebrochene Kontinuität des »Abendlandes« glaubt, so weiß er, dass auf einer doktrinären Kirche kein Segen liegt. Ebenso wenig auf einer Theologie, die unter Aufbietung von Nötigung und Gewissenszwang ihren Gläubigen nur eine Botschaft verkündet: Der Mensch sei zum Leiden verurteilt und müsse sein Kreuz tragen bis zum Jüngsten Gericht. Alles andere, jede innerweltliche Verbesserung seiner Lebensumstände, sei Selbsterlösung und somit ein Werk des Teufels.

Seinen theologischen Gegnern, den Reformern, schenkte Ratzinger mehr Gehör als früher, auch wenn er ihnen in zentralen Fragen keinen Fingerbreit entgegenkam. Diese Reformer kritisieren eine Kirche, die der Erlösung der Schuldigen mehr Aufmerksamkeit widmet als dem Mitgefühl mit den Unschuldigen. Sie wollen kein halbiertes Christentum, kein Christentum ohne Bergpredigt. Sie wollen keine spirituelle Esoterik, die den monotheistischen Kern und den jüdischen Ursprung der Bibel aufweicht. Vielmehr sollen die Menschen verstehen, dass der Gottesgedanke elementar ein Friedens- und Gerechtigkeitsgedanke ist, der mit Freund-Feind-Unterscheidungen nicht leben will. Kurzum, für die Reformer bleibt Hiobs Frage der größte theologische Skandal, das wahrhaft »Unglaubliche« ihrer Religion: Warum gibt es trotz Gottes Güte Leiden und Unrecht?

Es bedarf keiner prophetischen Gabe zu behaupten, dass Papst Benedikt XVI. nicht umhinkann, sich den theologischen Reformern zu öffnen. Ratzinger ist das Oberhaupt einer Weltkirche, und der innerdeutsche Kulturkampf, in dem er seine Instrumente schärfte, ist vorbei.

Die Zeit für ihn ist günstig. Die halbe Welt spricht von der Wiederkehr der Religion, selbst jene machthabenden »Realpolitiker«, in deren Tun und Trachten das Christliche nicht zu erkennen ist. Doch in der Springflut religiöser Gefühle, in der überwältigenden Aufmerksamkeit für die Papstkirche steckt nicht nur die Sehnsucht nach Trost und Transzendenz. Aus ihnen spricht auch die profane Hoffnung auf Frieden in einem Zeitalter von Angst und politischer Verwerfung.

Diese Hoffnungen teilen Gläubige wie Ungläubige. Sie zu befördern, darin liegt die symbolische Autorität des neuen Papstes einer katholischen Weltkirche. Doch was immer sie tut: »Nur an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.«

 
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