ostasienChinas hässliche Seite

Hinter der Glitzerfassade staut sich die Wut. Die Regierung lenkt sie auf einen äußeren Feind

Trunken vor Euphorie, nehmen viele im Westen, Manager wie Politiker, seit Jahren allein ihr Wunschbild von China wahr: die schillernden Metropolen, die hektischen Börsen, den Konsumhunger und den Wissensdurst. Sie sehen nur die Werkbank der globalisierten Wirtschaft; den grenzenlosen Markt; den unerschöpflichen Quell von Talent, Kreativität, Fleiß und Aufstiegswillen.

Es gibt leider auch das hässliche China; die antijapanischen Krawalle dieser Tage führen es uns auf dramatische Weise vor Augen. Das China der Aggressivität, Gewaltbereitschaft, Gesetzlosigkeit und Fremdenfeindlichkeit. Weil Japans Schulbehörde ein Geschichtsbuch zugelassen hat, das die Kriegsverbrechen der kaiserlichen Armee verharmlost, fliegen Steine auf die japanische Botschaft in Peking, auf Geschäfte und Restaurants. Die Polizei steht untätig daneben. Riefen die Demonstranten nach Demokratie, sie säßen längst hinter Gittern.

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Einen Teil der Schuld an den wachsenden Spannungen in Ostasien trägt gewiss die rechtslastige Regierung Koizumi in Tokyo, die ihrerseits China nach Kräften provoziert. Aber die Duldung von Gewalt durch die Pekinger Führung ist von anderem Kaliber. Hier will die Weltmacht von morgen dem Aggressor von gestern seine Grenzen aufzeigen. Japan hat nach dem Krieg, ähnlich wie Deutschland, alle Energien in den wirtschaftlichen Wiederaufbau gesteckt; unter Amerikas nuklearem Schirm suchte es sein Glück im stillen Winkel. Aber wie Deutschland ist es politisch selbstbewusster geworden. Fordernd pocht es an die Tür des UN-Sicherheitsrats.

Doch China duldet Japan nicht als Gleichen neben sich. Über alle Dynastiewechsel, Revolutionen und Bürgerkriege hinweg ist der Stolz auf eine einzigartige, 5000 Jahre alte Kultur lebendig geblieben – und die Erinnerung an die Demütigungen durch westlichen Imperialismus und japanischen Militarismus. Die Moderne brach gewaltsam von außen in das Reich der Mitte. Und das Gefühl nationaler Schmach entlud sich ein ums andere Mal in Fremdenhass: in der Taiping-Revolte Mitte des 19. Jahrhunderts, im Boxer-Aufstand, zuletzt in den antiwestlichen Konvulsionen der Kulturrevolution.

Die Regierung in Peking spielt also mit dem Feuer, wenn sie jetzt die antijapanischen Proteste duldet. Sie setzt nicht nur das Vertrauen ausländischer Investoren aufs Spiel. Die Unruhen könnten sich leicht gegen sie selbst wenden. Unter der Oberfläche des Wirtschaftswunders gärt es. 58000 kleine und größere Zwischenfälle wurden im Jahr 2004 gezählt: Proteste entlassener Industriearbeiter oder kujonierter Bauern. Ein Land ohne legale Opposition, freie Presse und unabhängige Justiz tut sich schwer mit der friedlichen Lösung von Konflikten.

Das China von heute sei nicht mehr das China von 1989, sagt der Bundeskanzler, der partout das EU-Waffenembargo aufheben will. Was die Wirtschaft betrifft, so hat Gerhard Schröder Recht; auch genießen die Chinesen heute viele kleine Freiheiten, die sie damals entbehren mussten. Aber an der großen politischen Unfreiheit hat sich wenig geändert, an den Arbeitslagern, an der Religionsverfolgung, am maßlosen Einsatz der Todesstrafe (laut amnesty international entfielen im vergangenen Jahr von weltweit 3797 registrierten Hinrichtungen 3400 auf die Volksrepublik).

Kann es ohne diese massenhaften Exekutionen wirklich keine »Stabilität« geben, wie das Zauberwort des Regimes lautet? Anders gefragt: Was ist eine Stabilität wert, die nicht ohne die Drohungen gegen Taiwan auskommt, ohne antijapanischen und, bei Gelegenheit, antiamerikanischen Chauvinismus? Eine Stabilität, die nur funktioniert, wenn die Regierung dem Affen Zucker gibt?

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