Archäologie Die »Akte T«
Wer brach dem Pharao Tutanchamun die Knochen? Unter Verdacht stehen mögliche Mörder, schlampige Einbalsamierer oder rücksichtslose Archäologen. Der antike Kriminalfall wird neu aufgerollt
Die Legenden um seinen Tod lesen sich wie ein Abenteuerroman. Er sei gemeuchelt und hastig in einer Gerümpelkammer verscharrt worden. Priester hätten seine Leiche mit einem Fluch belegt, der Grabschänder und Ruhestörer ins Jenseits befördere. Doch wie starb Tutanchamun im Jahr 1323 vor Christus wirklich? Und was passierte dann mit dem Körper des Kindkönigs der 18. Dynastie?
Um dies zu klären, machten sich Anfang des Jahres Forensiker, Anatomen und Radiologen auf ins Tal der Könige und holten den Leichnam aus der Grabkammer mit der Nummer KV 62. Die Reise der Mumie war kurz, direkt neben dem Aufgang der Kammer wartete in einem Container ein Computertomograf. 15 Minuten und 1700 Aufnahmen später durfte sie schon wieder zurück ins Grab.
Frank Rühli, Anatom an der Universität Zürich, gehörte zu den Experten, die für die ägyptische Altertümerverwaltung die Bilder begutachteten. »Es waren Aufnahmen von hervorragender Qualität«, lobt der Schweizer die Felddiagnostik aus dem Wüstensand. Der Abenteuerroman als Bilderbuch: In den Aufnahmen lässt sich vieles über Leben und Tod des Kindkönigs nachlesen.
Seit der britische Ägyptologe Howard Carter 1925 die Mumie erstmals untersuchte, nahm sich jede Wissenschaftlergeneration den Leichnam erneut vor, jede auf ihre Weise mit den jeweils modernsten technischen Mitteln. Carter und sein Team hatten vor allem eines im Sinn: Gold. Eine Totenmaske, ein prächtiger Brustschmuck (Pektorale) und Amulette schmückten den Toten. Da müsse noch mehr im Innern der Mumie stecken, dachten die Forscher. Was sie mit Tutanchamun anstellten, verdient den Namen Leichenfledderei. Der Pharao war durch verlaufene und ausgehärtete Balsamierungsflüssigkeit fest mit dem Sarkophag verkleistert. Auch die Maske klebte zäh am königlichen Kopf. »Die Einbalsamierer haben es etwas zu gut gemeint«, kommentiert Rühli die Anhänglichkeit des Pharaos an sein Ruhebett. »Überschüssige Flüssigkeit ist ausgelaufen und hat die Mumie im Sarg festzementiert.« Als Ganzes konnten Carters Goldsucher den Körper nicht lösen. Also zerstückelten sie den einstigen Herrscher über Ober- und Unterägypten in handlichere Teile. Den Rumpf hackten sie in der Mitte durch, sägten die Beine ab, auch die Arme. Sie liegen heute nicht mehr gefaltet auf der Brust des Toten, sondern neben ihm. Der Kopf schließlich ließ sich nur mit erhitzten Messern aus der Totenmaske hebeln.
Schonender waren die Methoden der nächsten, eher an Erkenntnissen denn an Gold interessierten Generation. 1968 rückte Ronald G. Harrison von der University of Liverpool mit einem Röntgengerät im Tal der Könige an, zehn Jahre später noch einmal sein Kollege James E. Harris von der University of Michigan. Die Röntgenbilder erlaubten einen ersten Blick auf die königlichen Knochen. Schon damals fielen Knochensplitter auf, die lose im Inneren des Schädels lagen. Sie gaben Anlass zu Spekulationen, man munkelte von Königsmord durch einen Schlag auf den Hinterkopf.
Es war eine Art Haufen von Lumpen und Körperresten, den die Wissenschaftler jetzt durchleuchten durften. Zunächst ging es ihnen darum, die verschiedenen Verletzungen zu datieren, um mehr über das Leben und Sterben Tutanchamuns zu erfahren. Danach galt es festzustellen, welcher Knochen von wem gebrochen wurde, ob tatsächlich eine schwere Verletzung zum Tod des jungen Königs führte, ob die Einbalsamierer unachtsam mit ihm umgegangen waren und welche Brüche auf das Konto von Carter und Kollegen gingen.
Einige Verletzungen lassen sich nun leicht erklären. Das Fehlen der Nasenscheidewand ist mit einiger Sicherheit auf die Einbalsamierer zurückzuführen. Sie entfernten das Gehirn durch die Nase und flößten auf diesem Weg Konservierungsflüssigkeit ein. Dabei störte die Nasenscheidewand, sie fehlt bei den meisten Mumien.
Schwieriger wird die Deutung der Verletzungen an den Nackenwirbeln und am Foramen magnum , dem Loch an der Schädelunterseite. Vielleicht haben auch hier die Balsamierer mit Gewalt natürliche Körperöffnungen geweitet. Einige der Wissenschaftler glauben, dass die Präparatoren neben der Nase auch den einfacheren Weg durch den Schädelboden nutzten, um das verflüssigte Gehirn austropfen zu lassen und anschließend die Höhle mit Harz auszugießen. Oder zerhackten erst rund dreitausend Jahre später Carters Messer Wirbel und Schädel, um die Goldmaske abzunehmen? Die neuen Aufnahmen zeigen, dass die Splitter von den Nackenverletzungen stammen. Damit verfällt die Mordtheorie. Der Schädel ist noch intakt. Ein tödlicher Schlag auf den Hinterkopf, der Knochen zersplittert hätte, fand nie statt.
- Datum 21.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
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