Aldi Alles muss raus
Weil immer mehr Sonderangebote liegen bleiben, eröffnet Aldi in Mannheim einen Restpostenmarkt
In Mannheim-Waldhof stehen viele Mietskasernen, wenige alte Backsteinhäuser und neuerdings auch ein schmuckloser Flachdachbau mit dem Schild »1001 Gelegenheiten«. Seit Ende vergangener Woche wird hier das Billigste vom Billigsten aus dem ganzen Umland verramscht – all jene Ware, die nicht einmal der Discounter Aldi zu seinen normalen Kampfpreisen losgeworden ist. Willkommen in Aldis Reste-Rampe, dem spannendsten Einzelhandelsprojekt seit Erfindung des Grabbeltischs.
Dass ausgerechnet Aldi mit 1001 Gelegenheiten einen Billigableger aufmacht, hat sich herumgesprochen. Sogar ein Journalist aus Schweden ist zur Eröffnung nach Mannheim gereist, um das Gedränge zwischen Gummistiefeln, Modellautos und Flachbettscannern zu fotografieren. Mühsam kämpft er sich durch Gruppen von Schnäppchenjägern und einen Stau von sperrigen Einkaufwagen durch den Einkaufsmarkt. Einige Herren im Anzug, wahrscheinlich Aldi-Manager, beobachten den Trubel aus der Distanz. Kommentieren wollen sie ihn nicht. Denn 1001 Gelegenheiten ist ein Experiment. Hier testet Aldi Süd – die Aldi-Gründer Karl und Theo Albrecht haben sich die Republik brüderlich in zwei formell unabhängige Regionen aufgeteilt – auf 700 Quadratmetern ein neues Vertriebskonzept für seine Restposten: von der Damenunterwäsche bis zur Digitalkamera. Und alles noch mal 30 bis 50 Prozent billiger als in den regulären Märkten.
Die Reste-Rampe liegt mitten in einem sozialen Brennpunktviertel von Mannheim. Hier, so das Kalkül, werden ausreichend Kunden das neue Konzept zu schätzen wissen. Aufwändige Werbung konnte sich Aldi daher sparen. Lediglich mit Handzetteln in umliegenden Filialen hat das Handelsunternehmen für 1001 Gelegenheiten geworben. Das hat schon gereicht. Parkplatzanweiser können kaum noch Stellplätze zuteilen, eine Warteschlange hat sich vor der Eingangstür gebildet. Wer wieder herauskommt, trägt pralle Einkaufstüten in der Hand, schultert einen Webteppich oder eine Leiter.
Viele Frauen mit Kopftuch sind unter den Kunden. Eine Irakerin beispielsweise erklärt in gebrochenem Deutsch, dass sie diesen Aldi wirklich gut findet. »Vier Euro nur« sagt sie, zeigt dabei erst auf eine Jacke, dann auf eine Hose – die Kombination war bisher ihr bestes Schnäppchen. Eine ältere Dame mit roter Bluse ist 60 Kilometer vom Odenwald bis nach Mannheim-Waldhof gefahren, um bei 1001 einzukaufen. Sie sei berufstätig und komme daher erst abends zum Einkaufen, sagt sie. »Aber dann sind die interessanten Angebote aus der Aldi-Anzeige meistens schon weg.« Hier fahndet sie nach ihren verpassten Gelegenheiten.
Besonders viele Hände durchwühlen einen orange ausgeleuchteten Tisch, die Angebotsecke, die mit weiteren Extrarabatten lockt. Das gefällt offenbar nicht allen Kunden. »Man sieht schon, dass das hier nur Restposten sind«, sagt eine Mannheimer Lehrerin verächtlich. Trotzdem will sie noch einmal herkommen, wenn weniger los ist.
Jogginganzüge, Gartenbänke und Pizzateller – aber keine Lebensmittel
Bei 1001 Gelegenheiten gibt es nur glatte Beträge, dann geht es an der Kasse schneller mit dem Wechselgeld. 90 Euro kostet die Digitalkamera in der Glasvitrine, drei Euro das Handtuchset. Damit die Kundschaft sieht, was sie spart, stehen auch immer die alten Preise dabei. 229,90 Euro wollte Aldi einmal für die Dampfbügelstation haben – jetzt sind es nur noch 150 Euro. Auch Holzosterhasen werden gekauft, bei zwei Euro pro Stück ist es egal, dass Ostern gerade vorbei ist.
In der Handelsbranche hat Aldis Testfiliale für Aufsehen gesorgt. Zum einen, weil das brüderliche Discountimperium mit seinen geschätzten 22 Milliarden Euro Jahresumsatz in Deutschland (Aldi Süd plus Aldi Nord) erstmals aus seinem klassischen Filialkonzept ausbricht: Lebensmittel suchen Kunden hier vergeblich. Zum anderen, weil Aldi mit 1001 Gelegenheiten möglicherweise die Lösung für ein Problem gefunden hat, unter dem auch andere Discounter leiden. Jede Woche füllen heftig beworbene Aktionsangebote die Filialen, doch schon nach wenigen Tagen muss wieder Platz gemacht werden für neue Schnäppchen. Weil aber immer mehr Jogginganzüge, Gartenbänke und Pizzateller liegen bleiben, steigen die Lagerkosten. Aldi selbst will sich dazu nicht äußern, aber die Lebensmittelzeitung hat ausgerechnet, dass der Warenbestand bei Aldi Süd 2003 gegenüber dem Vorjahr um fast 50 Prozent gestiegen ist.
Aktionsware ist längst kein Selbstläufer mehr, zumal sie nichts Besonderes mehr ist. Neben Aldi buhlen die Discountkonkurrenten Lidl und Penny ein- oder sogar zweimal die Woche um die Aufmerksamkeit ihrer Kunden. Nicht zu vergessen Tchibo, der mit seinen Gebrauchsartikeln für Küche, Garten oder Sport »Jede Woche eine neue Welt« verspricht. Diese Artikel bringen der Kaffeeröster-Kette aus Hamburg inzwischen mehr als die Hälfte des gesamten Umsatzes – und Tchibo kennt die Probleme mit den Restbeständen. Mit seinen bundesweit 20 Tchibo-Prozente-Geschäften gilt das Unternehmen als eigentlicher Erfinder des Reste-Rampen-Prinzips, das von Aldi mit 1001 jetzt nachgeahmt wird. Andere Handelsunternehmen wollen offenbar erst einmal abwarten, wie sich Konkurrent Aldi schlägt, und halten sich vorerst bedeckt.
Fest steht aber: Der Bedarf an billigen Gießkannen, Kochtöpfen und Walking-Stöcken stößt an seine Grenzen. Bei der Saisonware kommt es vor allem darauf an, sie als Erster im Laden zu haben. Denn wer bei Lidl bereits seine Gartenstühle gekauft hat, den interessiert das ähnliche Aldi-Angebot zwei Wochen später nicht mehr. Experten schätzen den Anteil der nicht verkauften Ware mittlerweile auf knapp 30 Prozent. Weil aber Aktionsware bis zu einem Jahr im Voraus beim Lieferanten bestellt werden muss, um entsprechende Einkaufsrabatte zu erzielen, gehen die Handelsketten ein großes Risiko ein.
1001 Gelegenheiten soll laut Aldi endlich ein »professionelles Ventil« für die Restposten bieten. 120 Filialen im Umland beliefern den neuen Test-Markt im Wochentakt mit Ware. Das Angebot bleibt freilich eine Überraschung: Ob Sportschuhe oder Gartenhäcksler, DVD-Spieler oder Unterhosen reinkommen, lässt sich nicht vorhersagen und deshalb auch nicht konkret bewerben.
Konkurrenz für die traditionellen Aldi-Märkte fürchtet man deshalb kaum. In Mannheim-Waldhof findet sich nur ein paar Häuserblocks weiter eine klassische Aldi-Filiale. Wer gezielt einen Artikel sucht, muss diesen nach wie vor dort kaufen, wo die Aktionsware zuerst hinkommt. Bei 1001 Gelegenheiten gibt es nur eine einzige Garantie: Was man dort findet, ist noch billiger.
Läuft der Testmarkt, wird Aldi weitere 1001-Filialen aufmachen
Wird 1001 Gelegenheiten ein Erfolg, soll Aldis Restposten-Klon zu einer eigenständigen Marke im Aldi-Imperium ausgebaut werden. Die Firmenfarben Orange, Blau und Weiß sind auch im Logo des Billigablegers zu erkennen, nur etwas dezenter. »Es ist Aldi und doch nicht Aldi«, kommentiert eine Kundin das Konzept. An den Discounter erinnern der braune Fliesenboden und die schnell arbeitenden Kassiererinnen. Ungewohnt sind für Aldi-Stammkunden dagegen die Hintergrundmusik mit ständigen Durchsagen und natürlich die Auswahl der Waren. Konsequent durchgestylt ist der Auftritt von 1001 allemal – von den strahlend weißen Pullis des Personals bis zum Logo auf dem Griff der Einkaufswagen. Die Botschaft: Wenn das Experiment in Mannheim ankommt, wird man bald schon weitere 1001-Märkte eröffnen. Wie man erfolgreich und effizient eine Filialkette aufbaut, darin haben die Brüder Albrecht schließlich ausreichend Übung.
- Datum 21.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
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