Der Wandel von Zeiten und Sitten lässt sich ausgezeichnet an Unfallursachen studieren. Früher fielen die Kinder vom Fahrrad und schlugen sich die Köpfe auf, heute lassen sie sich von ihren Eltern zum Golf chauffieren und schlagen sich dann am Abschlagpunkt gegenseitig die 9er Eisen um die Ohren.

In der Märzausgabe des Journal of Neurosurgery stellte Neurochirurg Scott Rahimi fest, dass Kopfverletzungen durch ungelenkes Golfspiel in den USA mittlerweile zu den häufigsten Sportunfällen unter Kindern zählen. In der golf-fanatischen Region um Augusta belege diese Unglücksart Rang zwei, gleich nach dem traditionellen Fahrradsturz. Als Golf-Ass Tiger Woods 1997 sein erstes Masters-Turnier gewann und die Kinder dem Star nacheiferten, hatten die Schädel einiges auszuhalten. Innerhalb von drei Monaten nach dem Sieg mussten die Chirurgen im New York Medical Center gleich vier Schädelfrakturen behandeln.

Auch in Deutschland korreliert das Unfallgeschehen mit den Zeitläuften. In den kargen Aufbaujahren der Nachkriegszeit verloren Menschen noch häufig ihr Augenlicht durch herumfliegende Splitter beim Sägen und Hacken von Holz. Inzwischen wird bequem mit Öl geheizt. Sicher sind die Augen trotzdem nicht. Die Holzsplitter sind heutzutage durch quer schlagende Sektkorken, Squashbälle und Skistöcke ersetzt.

Den Verletzungstrend vom Arbeits- zum Freizeitunfall kann Arne Viestenz, Augenarzt von der Universitätsklinik Erlangen, mit Daten seines Okulären Contusions-Registers belegen. Unter 417 Augenverletzungen protokollierte Viestenz 45-mal als Ursache zurückschnellende Äste, 29-mal Squash-, Minigolf- und Golfbälle und 27-mal Sektkorken. Früher, da ist sich Viestenz sicher, waren Unfälle durch Holzsplitter wesentlich häufiger.

Die Korkenzwischenfälle stehen nicht nur für wirtschaftlichen Aufschwung, sie liefern auch noch Hinweise auf die Genussgewohnheiten und das Sicherheitsbewusstsein im internationalen Vergleich. Bei den Korkenunfällen, sagt Augenarzt Viestenz, belege Deutschland einen unrühmlichen Spitzenplatz. Diese Unfallart käme hier 100-mal so häufig vor wie in den USA und immer noch zehnmal so häufig wie in Ungarn. Mexiko hält eine Mittelposition.

Für Ungarn und Mexikaner ist das explosive Getränk offenbar zu teuer. Und in den USA wird der Stöpsel als potenzielles Geschoss ernster genommen. Immerhin steht die Flasche Champagner wie ein Lastwagenreifen unter einem Kohlendioxid-Druck von sechs Bar. Das reicht, um einen Korken von 30 Gramm 13 Meter weit zu schleudern. Bei einer Flugdistanz von durchschnittlich 60 Zentimetern benötigt das Geschoss 0,05 Sekunden bis zum Auge. Für ein schützendes Augenblinzeln ist die Zeit zu kurz. Die Hersteller in den USA drucken deshalb häufig den Warnhinweis "Prevent Eye Injury" auf den Korken. Außerdem wirbt in den Vereinigten Staaten die Firma K2 Development für ihren Sicherheitsöffner PerfectPop mit dem Slogan: "Die einzig zivilisierte Art, eine Champagnerflasche zu öffnen."

In Deutschland gehört das lustvolle, legale Korkenschießen inklusive "Plopp!" auf jede Feier, und dann trifft es vor allem Frauen. Bei Arbeitsunfällen hingegen fliegt zehnmal so häufig Männern etwas ins Auge wie den Frauen. Nur bei den knallenden Korken ist es anders: Auf vier getroffene Männer kommen sechs Frauen. "Man könnte den Verdacht haben", sagt Viestenz, "dass die Männer auf die Frauen zielen."

Augenverletzungen erzählen auch von regionalen Besonderheiten. Während in den Alpen gefährliche Sticheleien mit Skistöcken üblich seien, dominiere im hohen Norden der Gummischnapper-Unfall. "Wenn die Skipper ihre Segel mit einem Gummiband zusammenraffen", sagt Viestenz, "dann schnalzt es gern zurück."