Hochschule Protest ist Luxus
Die Studenten sind desillusioniert und haben andere Sorgen. Deshalb kommt es an den Hochschulen nicht zum Aufstand gegen die Studiengebühren
Das Sommersemester beginnt, und wieder wird die Bildung einiges aushalten müssen: Man wird sie zu Grabe tragen, mit ihr baden gehen, einige Flitzer werden wahrscheinlich ihr letztes Hemd für sie hergeben. Für den 1. Mai sind Studentendemonstrationen gegen Studiengebühren angekündigt, im Anschluss sollen bundesweite Aktionswochen beginnen.
Doch trotz der turnusmäßig wiederkehrenden Protestfolklore bleiben die Aktivisten in Asten und Fachschaften bislang weitgehend unter sich. Für den »heißen Sommer«, den sie in Aufrufen ankündigten, konnten sich die Kommilitonen bislang noch nicht so richtig erwärmen. »Ich halte es für unwahrscheinlich, dass sich eine breite Bewegung gegen Studiengebühren formieren wird«, sagt der Protestforscher Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Die Mehrheit der Studenten habe sich bereits damit abgefunden, dass sie künftig einen erhöhten Obolus entrichten müsse. »Viele betrachten die Schlacht als geschlagen, auch wenn sie es nicht offen aussprechen.«
Im Januar hat das Bundesverfassungsgericht den Weg für allgemeine Studiengebühren frei gemacht.
Die ersten Bundesländer wollen bald ihre Pläne umsetzen und Studenten zur Kasse bitten, Bayern beispielsweise schon von 2006 an. Und das ist unter Umständen erst der Auftakt zu weiteren Zumutungen: Wirtschaftsexperten und einzelne Politiker sehen die 500 Euro pro Semester, auf die sich die unionsgeführten Bundesländer im März verständigt haben, lediglich als Einstiegspreis und fordern wesentlich höhere Studienbeiträge. »Bildung wird nicht mehr als ein öffentliches Gut angesehen, dessen Nutzung als allgemeines Recht gilt«, analysieren studentische Gebührengegner auf der Internet-Seite kein-spiel-mit-bildung.de , »sondern als zu erwerbende und zu bezahlende Dienstleistung, mit der jedeR einzelne in sein/ihr ›Humankapital‹ investiert.« Ob das Geld tatsächlich, wie von den Gebührenbefürwortern versprochen, den Hochschulen zukommt, ist dagegen noch keineswegs gesichert. Das Deutsche Studentenwerk verweist darauf, dass auch die Verwaltungsgebühren, die einige Bundesländer in den neunziger Jahren drastisch erhöht hatten, keineswegs in die Universitätskassen, sondern direkt in die Länderhaushalte einflossen.
Eigentlich Gründe genug für Demonstrationen und Endlos-Vollversammlungen. Und doch verhalten sich die angehenden Akademiker ausnehmend zahm. Schon das Gebührenurteil nahmen sie vergleichsweise widerspruchslos hin. Einige Studentenvertreter vom Aktionsbündnis gegen Studiengebühren und dem Freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften (fzs) entrollten in Karlsruhe ihre Transparente, Anfang Februar gingen dann rund 25.000 Studenten mit Parolen wie »Lernen ist Luxus – Luxus für alle« auf die Straße. Doch der Unmut verebbte in den Semesterferien, die Bereitschaft, sich aufzulehnen, ist so gering wie selten zuvor.
Woher diese Zurückhaltung? Warum wehren sich die deutschen Studenten nicht auf breiter Front, wo sie in der Vergangenheit doch schon aus weit geringeren Anlässen den Lehrbetrieb wochenlang lahm legten, wie zuletzt während des bundesweiten Hochschulstreiks des Jahres 1997 oder den Berliner Protesten des Wintersemesters 2003/2004?
Unpolitisch, unkritisch und träge sei die heutige Studentengeneration, urteilen ältere Jahrgänge, für die eine – wenn auch meist diffuse – Protesthaltung noch untrennbar zur eigenen Studienerfahrung zählte. Dieser Vorwurf sei aber nicht gerechtfertigt und gehe an der studentischen Realität vorbei, hat der Protestforscher Rucht festgestellt. »Der Anteil politisch interessierter oder aktiver Studenten ist über die Jahre hinweg annähernd gleich geblieben.« Es fehlten im Unterschied zu früheren Protestbewegungen aber der klar fassbare Gegner, die beflügelnde Utopie und das Wir-Gefühl.
Gleichzeitig sei der Leistungsdruck gestiegen, weil viele Kommilitonen um eine begrenzte Zahl von Arbeitsplätzen konkurrierten, sagt Rucht. »Man weiß heutzutage, dass man sich platzieren und vermarkten muss, indem man etwa durch besondere Sprachkenntnisse oder andere Fähigkeiten auf sich aufmerksam macht.« Das sei beispielsweise bei der Protestbewegung von 1968 anders gewesen: »Da wusste jeder, dass er irgendwie seinen Platz findet.« Protest ist Luxus, Bildung dagegen unerlässlich, so ließe sich in Antwort auf den beliebten Bannerspruch überspitzt folgern. Einem studienfernen Anliegen wendet sich eher zu, wer es sich erlauben kann, das eigene Fortkommen zu vernachlässigen. Deshalb ist auch die Häme einer Generation unangebracht, die sich Protestexperimente genehmigen durfte, weil ihre Angehörigen ohne großes Zutun während der Bildungsexpansion der siebziger Jahre auf ihre Posten an Hochschulen, in Lehrerkollegien oder im öffentlichen Dienst gehoben wurden – sofern sie sich nicht in die Verfassungsfeindlichkeit oder die totale Arbeitsverweigerung manövriert hatten.
In ihrer Ablehnung von Studiengebühren vom ersten Semester an sind sich die Studenten keinesfalls einig. »Wer hört, dass er etwas zusätzlich bezahlen soll, sagt zunächst einmal verständlicherweise nein«, sagt René Hinkfoth, 23-jähriger Student der Wirtschaftsinformatik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. »Doch selbst Gebührengegner zeigen sich für unsere Argumente offen.« Hinkfoth hat mit seiner Kommilitonin Juliane Pilster, 20, die Initiative »Ja zu Studiengebühren gegründet«, um den Mitstudenten mögliche Vorteile der Campus-Maut nahe zu bringen. Die beiden gehören dem Studentenrat der Universität Magdeburg an, Pilster, die Volkswirtschaft studiert, für die liberale Hochschulgruppe, Hinkfoth für die parteiunabhängige Initiative »Stura für alle«. In dem studentischen Gremium seien die Lager von Befürwortern und Gegnern nahezu gleich groß, berichten sie. »Mit Studiengebühren könnten wir endlich selbstbewusster Forderungen stellen, zum Beispiel ›Ich will einen Sitzplatz im Hörsaal‹«, sagt Pilster. Wenn jeder Mitstudent 500 Euro pro Semester bezahle, könnten an ihrer Fakultät vier komplette Lehrstühle finanziert werden. Mehrheitsfähig sind solche Pro-Gebühren-Positionen nicht. In einer Umfrage des AStA der Uni München sprachen sich über 50 Prozent der Befragten strikt gegen Gebühren aus. Zwei Drittel gaben an, dass sie nebenbei verstärkt jobben müssten, sollten Studiengebühren von 500 Euro eingeführt werden. Über 13 Prozent sagten, sie würden bei Gebühren in dieser Höhe ihr Studium nicht fortsetzen.
Als existenzielle Bedrohung empfänden viele seiner Kommilitonen die Studiengebühren, sagt Danny Walther, ehemaliger Sprecher des Studentenrates der Uni Leipzig und Mitglied des Konzils seiner Universität. »In Deutschland, inbesondere in Ostdeutschland, ist die Angst vor Verschuldung groß genug, um Studierwillige von den Hochschulen abzuhalten.« Trotzdem, eine gemeinsame Front gegen Gebühren ist nicht in Sicht. Überhaupt scheinen hochschulpolitische Themen schwer vermittelbar zu sein. Die Mehrheit der Studenten hat anderes im Kopf, legt eine Studentenbefragung der Firma Continental nahe. Vier von fünf befragten Studenten können etwa mit dem Stichwort »Bologna-Erklärung«, in der die europäischen Staaten ihren Willen zur Umstellung der Studienabschlüsse auf das Bachelor/Master-System festhalten, nichts anfangen. Unter den bildungspolitischen Dauerbrennern haben Studiengebühren noch das größte Aufreger-Potenzial: Die Diskussion wird von immerhin knapp 60 Prozent der Befragten wahrgenommen. Befürworter hoffen, dass die Gebühren auch zum Reformhebel werden – indem sie die Einsicht fördern, dass ein Studium immer auch eine Investition in die eigene Zukunft ist, sowohl finanziell als auch durch geleistete Arbeit. Solche Bereitschaft zur Eigenleistung, in angelsächsischen Ländern und in Fernost weit verbreitet, blieb hier bislang vor allem Handwerkern vorbehalten, die für ihren Meisterbrief erhebliche finanzielle Aufwendungen auf sich nehmen.
»Ich verspreche mir von Studiengebühren, dass die Leute sehen, dass ihr Studium etwas wert ist und etwas kostet«, sagt René Hinkfoth. »Dadurch überlegen sie sich genauer, was sie studieren wollen. Ich bezahle lieber für eine begrenzte Zeit 500 Euro pro Semester, wenn ich so eine bessere Betreuung und ein besseres Lehrangebot bekomme.« Dass sich ein Studium finanziell für den Einzelnen trotz eines späteren Berufseinstiegs und höherer Steuersätze lohnt, wurde mehrfach errechnet, etwa von den Wirtschaftsweisen im Sachverständigenrat. Das erschwert Argumentation und Aktion für jene organisierten Gebührengegner, die ihre Kommilitonen zur gesellschaftlichen Opfergruppe stilisieren: Wer will schon vor potenziellen Arbeitgebern als Billigheimer dastehen, der sich eine geldwerte Ausbildung nicht einige hundert Euro pro Semester kosten lässt? Und wer lässt sich von überengagierten Fachschaftsvertretern wochenlang aus der Bibliothek aussperren, wenn er dadurch wertvolle Studienzeit und bares Geld verliert?
- Datum 21.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
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