Hochschule Protest ist LuxusSeite 2/2
In ihrer Ablehnung von Studiengebühren vom ersten Semester an sind sich die Studenten keinesfalls einig. »Wer hört, dass er etwas zusätzlich bezahlen soll, sagt zunächst einmal verständlicherweise nein«, sagt René Hinkfoth, 23-jähriger Student der Wirtschaftsinformatik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. »Doch selbst Gebührengegner zeigen sich für unsere Argumente offen.« Hinkfoth hat mit seiner Kommilitonin Juliane Pilster, 20, die Initiative »Ja zu Studiengebühren gegründet«, um den Mitstudenten mögliche Vorteile der Campus-Maut nahe zu bringen. Die beiden gehören dem Studentenrat der Universität Magdeburg an, Pilster, die Volkswirtschaft studiert, für die liberale Hochschulgruppe, Hinkfoth für die parteiunabhängige Initiative »Stura für alle«. In dem studentischen Gremium seien die Lager von Befürwortern und Gegnern nahezu gleich groß, berichten sie. »Mit Studiengebühren könnten wir endlich selbstbewusster Forderungen stellen, zum Beispiel ›Ich will einen Sitzplatz im Hörsaal‹«, sagt Pilster. Wenn jeder Mitstudent 500 Euro pro Semester bezahle, könnten an ihrer Fakultät vier komplette Lehrstühle finanziert werden. Mehrheitsfähig sind solche Pro-Gebühren-Positionen nicht. In einer Umfrage des AStA der Uni München sprachen sich über 50 Prozent der Befragten strikt gegen Gebühren aus. Zwei Drittel gaben an, dass sie nebenbei verstärkt jobben müssten, sollten Studiengebühren von 500 Euro eingeführt werden. Über 13 Prozent sagten, sie würden bei Gebühren in dieser Höhe ihr Studium nicht fortsetzen.
Als existenzielle Bedrohung empfänden viele seiner Kommilitonen die Studiengebühren, sagt Danny Walther, ehemaliger Sprecher des Studentenrates der Uni Leipzig und Mitglied des Konzils seiner Universität. »In Deutschland, inbesondere in Ostdeutschland, ist die Angst vor Verschuldung groß genug, um Studierwillige von den Hochschulen abzuhalten.« Trotzdem, eine gemeinsame Front gegen Gebühren ist nicht in Sicht. Überhaupt scheinen hochschulpolitische Themen schwer vermittelbar zu sein. Die Mehrheit der Studenten hat anderes im Kopf, legt eine Studentenbefragung der Firma Continental nahe. Vier von fünf befragten Studenten können etwa mit dem Stichwort »Bologna-Erklärung«, in der die europäischen Staaten ihren Willen zur Umstellung der Studienabschlüsse auf das Bachelor/Master-System festhalten, nichts anfangen. Unter den bildungspolitischen Dauerbrennern haben Studiengebühren noch das größte Aufreger-Potenzial: Die Diskussion wird von immerhin knapp 60 Prozent der Befragten wahrgenommen. Befürworter hoffen, dass die Gebühren auch zum Reformhebel werden – indem sie die Einsicht fördern, dass ein Studium immer auch eine Investition in die eigene Zukunft ist, sowohl finanziell als auch durch geleistete Arbeit. Solche Bereitschaft zur Eigenleistung, in angelsächsischen Ländern und in Fernost weit verbreitet, blieb hier bislang vor allem Handwerkern vorbehalten, die für ihren Meisterbrief erhebliche finanzielle Aufwendungen auf sich nehmen.
»Ich verspreche mir von Studiengebühren, dass die Leute sehen, dass ihr Studium etwas wert ist und etwas kostet«, sagt René Hinkfoth. »Dadurch überlegen sie sich genauer, was sie studieren wollen. Ich bezahle lieber für eine begrenzte Zeit 500 Euro pro Semester, wenn ich so eine bessere Betreuung und ein besseres Lehrangebot bekomme.« Dass sich ein Studium finanziell für den Einzelnen trotz eines späteren Berufseinstiegs und höherer Steuersätze lohnt, wurde mehrfach errechnet, etwa von den Wirtschaftsweisen im Sachverständigenrat. Das erschwert Argumentation und Aktion für jene organisierten Gebührengegner, die ihre Kommilitonen zur gesellschaftlichen Opfergruppe stilisieren: Wer will schon vor potenziellen Arbeitgebern als Billigheimer dastehen, der sich eine geldwerte Ausbildung nicht einige hundert Euro pro Semester kosten lässt? Und wer lässt sich von überengagierten Fachschaftsvertretern wochenlang aus der Bibliothek aussperren, wenn er dadurch wertvolle Studienzeit und bares Geld verliert?
- Datum 21.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
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