Niemals einen größeren Hit gehabt zu haben kann auch von Vorteil sein. Keiner, der einem auf der Straße hinterherbrüllt und ein Autogramm auf seinen Gipsarm haben möchte. Keiner, der bei Konzerten sehnenscheidenentzündungsfördernd das Feuerzeug schwenkt, weil er den ganzen Abend nur auf die Zugabe wartet. Statt Leuten genügen zu müssen, die immer nur das eine wollen, kann man weitestgehend unbelästigt seine Kreise ziehen. Und dabei sogar, wie die australischen Go-Betweens, richtig gute Musik machen.

Dass sie, nach Anfängen in den Achtzigern, für fast ein Jahrzehnt verschwunden waren, fällt selbst treuen Fans kaum mehr auf, so unaufdringlich wirkt ihre Präsenz seit der Reunion im Jahr 2000. Es ist, als seien sie nie weg gewesen, hätten immer schon irgendwo im Hintergrund unseres Lebens herumgestanden mit ihren akustischen Gitarren. Auch Oceans Apart, ihr jüngstes Album, erfindet die Rock-’n’-Roll-Geschichte nicht neu, sondern legt sie bloß für das laufende Kalenderjahr neu aus. Gleich im ersten Titel geht es mit Robert Forster, dem einen der beiden Songwriter, auf eine Zugfahrt von Regensburg nach Frankfurt, bei der die Stationen zu sanft ruckelnder Liedbegleitung vorübergleiten. Anschließend singt Grant McLennan: "Don’t know where I’m going, don’t know where it’s flowing". Man weiß nicht, wohin alles fließt, aber: Es fließt.

"The closest thing rock music has had to yin and yang", hat ein britischer Kritiker den Effekt einmal beschrieben. Dem ist insofern zuzustimmen, als Forster und McLennan dem ebenso traditionsreichen wie spannungsgeladenen Modell des male couple im Rock eine ausgeruhte, allenfalls von stark sublimierten Testosteron-Schüben heimgesuchte Arbeitsehe zur Seite stellen. Die beiden besuchen sich gegenseitig – nach Ausflügen ins alte Europa wohnen sie wieder in Brisbane, Australien –, trinken ein Glas, klampfen ein wenig und unterhalten sich über die wesentlichen Dinge des Lebens wie Filme und Bücher. Die Songs, die dabei entstehen, könnte man En-passant-Lieder nennen: zarte Episteln über vergängliche Stimmungen, bei denen Forster sich seinem Vorbild Marcel Proust immer stärker annähert und McLennan den sentimentalischen Part gibt.

An dem Album Oceans Apart lässt sich vieles loben: das Songwriting, die Fähigkeit, dem Augenblick nachzuspüren – alles Dinge, die die Go-Betweens besser beherrschen als die meisten Newcomer. Einzigartig aber wird das Ganze erst durch die Konsequenz, mit der über Zeiten, Distanzen und Familiengründungen hinweg an gemeinsamen Vorlieben festgehalten wird. Die Go-Betweens sind ein Langzeitprojekt, das von den winzigen Sedimentierungen lebt, die das Biografische mit sich bringt. Dazu gehört auch, dass zeitweilige Trennungen die Verbindung nicht gefährden, sondern gleichsam auf einer neuen Seinsebene weiterführen. Ach, ihr lärmigen Eighties-Bands da draußen, nähmt ihr euch doch ein Beispiel an diesen Meistern des Incognito-Comebacks! Forster schwebt, was den Gesamtverlauf der Bandhistorie anbelangt, ein Dreiakter vor, mit einem ersten Teil, der in den Achtzigern spielt, einem zweiten von 2000 bis heute und einem Finale in der Zukunft, "wenn wir 70 sind oder so". Go-Betweens-Fans nehmen dies als gutes Zeichen für das Jahr 2030: schon jetzt etwas, worauf man sich freuen kann.