tanz Barfuß aus der Unterwelt
»Rhythm is it!«, Teil 3 – In einem Tanzprojekt mit Kiezkindern wollen die Berliner Philharmoniker beweisen, dass Kunst für alle da ist
Jeder Orthopäde würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: so viele Problemfüße auf einmal! Plattfüße, Senk- und Spreizfüße, Schweißfüße, Hühneraugen, Hammerzehen. Fußsohlen, die in ihrem jungen Leben nie eine Wiese geschmeckt haben, nie das Pieksen kleiner spitzer Kieselsteine. Und Ballen, Fersen, andererseits, die sich hart gemacht haben gegen die Last des Lebens, unter der Last des Alterns. Wir pflegen, so lehrt dieser flüchtige Blick, kein sonderlich entspanntes Verhältnis zu unseren Füßen. Weder als Kinder noch als Erwachsene. Und wir zeigen sie nicht gern her. Vielleicht sieht es in der Arena in Berlin-Treptow an diesem Nachmittag deshalb so aus, als würden die 200 Paar Schuhe und Socken am Rande des Tanzteppichs ihr ganz eigenes Ballett aufführen: verlassen, jäh erschrocken, sich ängstlich aneinander schmiegend. Strawinsky jedenfalls hat mit seinem die richtige Musik dazu geschrieben. Im Märchen vom standhaften Zarewitsch und der schönen Zarewna nämlich gewinnen am Ende die Guten, kommt der Zarewitsch mit Hilfe des Feuervogels schließlich über den bösen Zauberer Kaschtschej.
Das Barfußtanzen, sagt Henrike Grohs, koste die meisten große Überwindung: »Mit den Schuhen legen die Jugendlichen ein Stück ihrer Identität ab.« Dass diese Identität geborgt ist, weil in erster Linie an Nike und Puma orientiert, versteht sich von selbst. Aber muss das Nackte, Ungeschützte zwangsläufig auch das Authentische, Wahre sein? Grohs ist die Projektleiterin des Feuervogels und als solche, wie alle hier im Team, von einem mächtigen pädagogisch-messianischen Eifer beseelt. Nichts bleibt unkommentiert, jeder T-Shirt-Aufdruck, jedes verstohlen gekaute Kaugummi, jede kindliche Miene wird interpretiert, und wenn sich ein asiatischer Knirps von der Bruno-Bettelheim-Grundschule aus Marzahn bei der Probe weh tut und gar nicht mehr aufhören will zu weinen, dann ist nicht nur der Schmerz daran schuld, sondern vor allem die Tatsache, dass seine Eltern, die in einem Restaurant arbeiten, nicht zur Aufführung kommen können – »beide nicht«.
Das Problemkiezkind unter der Kunstglasglocke. Für fünf Wochen im Jahr, sechs Stunden pro Woche. So lange hat sie gedauert, die Probenphase für das dritte große Tanzprojekt der Berliner Philharmoniker im Rahmen ihres Education-Programms. Die beiden Aufführungen am 22. und 23. April sind seit Monaten hoffnungslos ausverkauft. Die kleinen Rotzlöffel von der Straße sind Sendboten aus einer gesellschaftlichen Unterwelt, mit der Simon Rattle, die Philharmoniker und deren Abonnenten normalerweise keine Berührung haben. Und umgekehrt. Wenn die Menschen nicht zum Orchester kommen, sagt Sir Simon, dann kommt das Orchester eben zu den Menschen. Und dann stanzt er mindestens einen jener Sätze in die Luft, die von »Schönheit« handeln und von »Saat ausbringen« und die in ihrer britischen Idiomatik gewiss unschlagbar sind. Und moralisch astrein.
Natürlich geht es hier nicht um Kunst. Es geht darum, die Welt zu verbessern. Die Kunst ist nur das Mittel. Das Erste, was Susannah Broughton, die Choreografin, in die Runde ruft, ist denn auch: »There’s enough food for everybody!« Jeder wird hier satt, verlasst euch drauf. Allgemeines Johlen. Vergangenes Jahr, bei Ravels Daphnis und Chloé, erzählt eine Lehrerin, hätten sich die lieben Kleinen in der Arena eine regelrechte Schlacht geliefert um die im Backstage-Bereich gestapelten Pausenbrötchenberge. Überhaupt sei es diesmal um die Disziplin wesentlich besser bestellt. Kein Wunder, lacht Henrike Grohs. Etliche Schüler sind bereits zum dritten Mal dabei, ein Drittel der Gruppe besteht ohnehin aus so genannten Profis (nämlich aus Mitgliedern zweier Berliner Tanzschulen), und außerdem beteiligt sich erstmals auch eine Seniorentanzgruppe an dem Projekt. Ältere Herrschaften zwischen 60 und 77 Jahren, für die als Aufnahmebedingung galt, dass sie sich mit der Hand über die Schulter an den Rücken fassen und selbstständig vom Boden aufstehen können. Ihre schlohweißen Kostüme, verspricht Susannah Broughton, werden sie in der Aufführung »schön und stark« aussehen lassen. Wie Felsen in einer Brandung aus sich buchstäblich überschlagenden Kinderkörpern. Ansonsten kennt man das Bewegungsrepertoire, spätestens aus dem Film Rhythm is it!. Es ist schmal und notgedrungen esoterisch. Noch kümmert das keinen. Der Ehrgeiz aber wächst, spürbar und auf allen Seiten. Wer etwas will, will eben mehr.
Education, sagt Grohs, und ihre Augen leuchten, meint mehr als Erziehung, Education meint alle und das Ganze. Mit Körperbehinderten haben die Philharmoniker in ihren 22 Projekten gearbeitet, mit Krebskranken, mit Taubblinden und mit echten Knackis. Fast hört sich das so an, als würde Grohs hier die Choreografin synchronisieren, die am anderen Ende der Arena gerade ihr kommunistisch-pädagogisches Manifest verkündet: »I don’t care where you’re from, how old you are and what your background is.« Das heißt: Alle sind hier gleich, gleich wichtig. Der Analphabet, der sich kaum zwei Schritte hintereinander merken kann, ebenso wie die Kopftuch tragenden Mädchen aus Kreuzberg, die sich anfangs partout nicht auf den Boden legen wollten, oder der rüstige Senior, der die Kommandos immer ein bisschen zu spät hört.
Nicht für die Bühne, sondern für ein sinnvolles Leben tanzen sie
Der professionelle Anspruch der Arbeit liegt darin, jeden an seine individuellen Grenzen zu führen – und, mit ein bisschen Glück, sogar darüber hinaus. Ein ehrenwertes Anliegen. Was aber lässt sich davon nach den fünf Wochen bewahren? Fühlt sich der Plattenbau in Marzahn mit Strawinsky im Ohr vielleicht heimeliger an, ist das eigene Selbstbewusstsein nach fünf Wochen stark genug, um in ein besseres, schöneres, sinnvolleres Leben aufzubrechen? Martin, der Gymnasiast aus Rhythm is it! , der sich von niemandem anfassen lassen wollte, studiert heute Bioinformatik; Olayinka, der Vollwaise aus Nigeria, spricht inzwischen gut Deutsch und will später ebenfalls Informatiker werden – oder Schauspieler; und Marie, die Hauptschülerin, das freche Biest, hat ein Kind gekriegt und die Schule abgebrochen. Drei Leben, an denen die Begegnung mit den Berliner Philharmonikern viel oder wenig geändert haben mag. Den Staat entlassen Projekte wie diese hierzulande noch lange nicht aus der Pflicht. Ganz so einfach wie im Märchen verhält es sich mit den Bösen und den Guten im richtigen Leben nämlich nicht. Das wissen in Berlin schon die ganz Kleinen.
- Datum 21.04.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
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