DIE ZEIT: Frau Dienel, Ihre Forschungen zur Abwanderung zeigen, dass Frauen in Ostdeutschland deutlich zahlreicher als Männer ihr Land gen Westen verlassen. Wer ist die typische Frau, die geht?

Christiane Dienel: Typischerweise ist sie 22 Jahre alt, hat eine Ausbildung abgeschlossen oder auch Arbeit, erfährt in dieser Arbeit aber nicht genug Wertschätzung. Sie erlebt, dass Männer bevorzugt werden, und ist davon überzeugt, dass sie rausfliegt, wenn sie ein Kind bekommt. Die Angst, trotz guter Qualifikation keiner angemessenen Arbeit nachgehen zu können, wird durch die ökonomische Krise des Ostens genährt, in der Frauen am Arbeitsmarkt nachweislich benachteiligt sind.

ZEIT: Sie haben die Motive beider Geschlechter für die Abwanderung erforscht. Wandern Männer und Frauen aus unterschiedlichen Gründen ab?

Dienel: Die Motive der Frauen wirken auf den ersten Blick paradox. Denn diese gut qualifizierten Frauen nennen deutlich öfter private Gründe als Männer. 21Prozent der Befragten geben an, aus privaten Gründen zu gehen. Sie folgen ihrem Partner.

ZEIT: Das passt nicht ganz zum Bild der ostdeutschen Frau, die unbedingt ihren Beruf ausüben will. Setzen die jungen Frauen, als Töchter ostdeutscher berufstätiger Mütter, wieder auf den traditionellen männlichen Familienernährer – im Westen?

Dienel: Nein, die Verbindung von Partnerschaft und Beruf ist ihr Ziel. Aber in der Entscheidung, zu gehen, kommt eine tiefe innere Ambivalenz zum Ausdruck. Diese Frauen sehen in der Familiengründung realistischerweise ein Lebensrisiko und neigen deshalb der so genannten modernisierten Ernährerfamilie zu, die im Westen sozial akzeptierter ist als im Osten. In diesem Modell ist weibliche Teilzeitarbeit möglich, auch die vorübergehende alleinige Finanzierung durch den Mann. Der westliche Wohlstand trägt zur Bevorzugung dieses Modells auch bei: Eine Familie im Westen kann von anderthalb Einkommen leben, im Osten sind zwei Einkommen nötig.

ZEIT: Die gute Kinderbetreuung im Osten reicht also nicht als Anreiz, um zu bleiben?