RÜBERMACHEN Nichts wie weg

Warum mehr junge Frauen als Männer den Osten verlassen

Ihre Anoraks und Rucksäcke haben sie vor der Apothekentür gelassen, unter den schützenden Kolonnaden. Acht, neun junge Männer stehen im Nieselregen auf dem leeren Marktplatz von Pasewalk, vor der Sparkasse, in dunklen Sweatshirts, die Kapuzen über den Kopf gezogen. Sie trinken Bier. Ältere Frauen, die gerade ihre Einkäufe erledigen, machen einen Bogen um die Gruppe. Dabei wirken die Männer gar nicht so, als wollten sie irgendwem Gewalt antun. Sie sind einfach nur da. Wer sich ihnen nähert, den schweigen sie an.

Zwei Straßen weiter, in der Kreisbibliothek, verweilt ein junger Mann vor dem Regal mit Militaria. Zögernd zieht er ein Buch über Hitlers U-Boot-Flotte heraus, schaut auf das Titelbild und schiebt es wieder zurück. Dann nimmt er ein anderes Buch in die Hand, mit Abbildungen von deutschen Panzern. Nein, doch das Buch über U-Boote. Langsam, Seite für Seite, blättert er es durch. Als drei junge Frauen hereinkommen, lachend, legt er das Buch schnell wieder ins Regal. Doch die drei nehmen den Mann gar nicht wahr. Auch nicht, als er geht – wie sie auch die Punks auf dem Markt übersehen haben. Mit solchen Kerlen wollen Wiebke, Claudia und Susanne nichts zu tun haben. Links oder rechts, sagen sie, die machen doch nichts, die wollen nichts, die saufen nur und schlagen sich. Die drei Gymnasiastinnen schlendern an den Bücherreihen entlang, legen Buch um Buch aufeinander und suchen nach den CDs ihrer Lieblingsbands.

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Pasewalk im Uecker-Randow-Kreis, Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Hier ist es nicht schwer, Vorstellungen ostdeutscher Tristesse bestätigt zu bekommen. Der Landkreis an der Grenze zu Polen gilt als der ärmste in Deutschland; es gibt wenig Arbeit, wenig Zukunft, die Frauen wandern ab.

»Von uns bleibt keine hier«, sagt Susanne. In einem Jahr machen die drei Abitur, dann sind sie weg. Grafikdesign, Theaterregie, Anglistik, in Berlin oder London, mal sehen. Werden sie zurückkommen? Kopfschütteln. »Eher kommt mein jüngerer Bruder nach und vielleicht sogar meine Mutter«, sagt Wiebke – wenn sie Arbeit findet. »Meine Eltern werden bleiben«, sagt Claudia, »wir haben ein Haus auf dem Dorf. Meine Mutter hätte es gern, wenn ich schnell Geld verdiente und auch hier bliebe. Aber wie soll das gehen?« Claudia hat erlebt, wie ihre Mutter mit Anfang vierzig gesagt bekam, sie sei zu alt für einen Job.

»Arbeitslos sein – das ist doch abschreckend«, sagt die Tochter. »Ich war immer stolz auf mein Dorf, aber da sind jetzt nur noch alte Leute.«

Claudia hat schon zweimal die Schulen wechseln müssen, weil sie wegen Schülermangels geschlossen wurden. Den Lehrern empfiehlt das Land Mecklenburg-Vorpommern, sich nach Rheinland-Pfalz zu bewerben, fünfzig sind schon gegangen. Hier könne man kein Geld verdienen, sagen die Mädchen, nicht mal, um sein Taschengeld aufzubessern. Schülerjobs gebe es zwar, aber nur als Praktikum und unbezahlt.

Wo es zu wenig Arbeit gibt, drängen die Männer in Frauenberufe

Kein Wunder, dass die jungen Frauen weggingen, sinniert die Aufsicht im Stadtmuseum. »Was sollen die hier auch machen? Hier ist nichts mehr. Und wer pflegt uns, wenn wir mal alt sind? Dann werden wir uns den Berg hinunterrollen müssen, um nach St. Spiritus zu kommen, ins Altersheim.« Vielleicht sind es dann junge Männer, die dort arbeiten werden. Ute Evers von der Gewerkschaft ver.di beobachtet, dass Frauen in diesen Zeiten großer Arbeitslosigkeit von Männern aus ihren einstigen Domänen wie dem Handel und der Pflege verdrängt werden. Man nimmt die Männer gern, mit dem klassischen Argument, dass sie seltener wegen erkrankter Kinder ausfielen. Und ehe Männer auf Hartz IV angewiesen seien, sagt die Gewerkschafterin, machten sie auch »Frauenarbeit«.

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