War unser Garten damals größer? Fünfzehn Schritte brauche ich heute von der Terrassentür bis hinüber zur Blutpflaume, dann habe ich das Grundstück meiner Eltern durchquert. Eins, zwei, drei, vier, fünf … dreizehn, vierzehn, fünfzehn. Ich drehe mich um und sehe meine Eltern hinterm Fenster beim Kaffee sitzen. Wie nah sie sind.

Früher lag zwischen diesen fünfzehn Schritten eine ganze Welt. Tief im Garten wir Kinder, barfuß, in Badehose, versunken in Winnetou-Fantasien, auf der Wiese das Lichtspiel der Blätter und erst weit in der Ferne, fast außer Rufweite, die Eltern auf der Terrasse, die für uns wie eine entlegene Insel war, überspannt von einer orange-braunen Markise. Manchmal liefen wir hin, um einen Schluck Wasser zu trinken, das wir damals "Sprudel" nannten. Oder es gab Tupper-Eis, eingefrorenen Apfelsaft.

30 Jahre ist das her. Jetzt stehe ich wieder im Garten. Es ist kalt, es riecht nach Moos, der Wind greift in die Bäume, gleich wird es regnen. Doch immer, wenn ich an früher denke, an zu Hause, ist dort Sommer. Ein größeres Kompliment kann die Erinnerung der Heimat nicht machen.

Wobei "Heimat" ein komisches Wort ist. "Heimat" klingt nach knorrigen Obstbäumen. Nach weißen Wolken über weiter, grüner Landschaft. Mein Zuhause war das Gegenteil davon. In den sechziger Jahren waren Bagger gekommen, hatten knorrige Obstbäume entwurzelt und eine Menge weiter, grüner Landschaft beiseite geschoben. Am Südrand des Ruhrgebietes sollte eine "Universitätsrahmenstadt" für 5000 Menschen entstehen.

Es war eine Zeit voller Zuversicht, da wurden schon mal Berge versetzt. Bochum, die Stadt der Zechen und des Opel Kadett, sollte eine Hochschule bekommen! Da mussten moderne Häuser für moderne Menschen her! Akademiker hatte es bis dahin in Bochum kaum gegeben, doch jetzt zeichneten die Stadtplaner ihnen eine Trabantenstadt mit Tiefgaragen, drei Kindergärten, einer Grundschule, zwei Kirchen und zwei Supermärkten, alle Häuser streng geometrisch im Bauhaus-Stil, mit großen, quadratischen Fenstern nach Südosten. Innerhalb weniger Jahre wuchs die nach einer weggerissenen Straße benannte "Hustadt" heran, ein riesiges Beton-Ensemble, in Terrassen gestaffelt. Im Tal fast 50 Bungalows für Professoren, dahinter Reihenhäuser für Doktoren, Beamte, Angestellte nicht nur der Universität, und dann, als Abschluss, ein Hochhausriegel, bis zu 14 Stockwerke hoch. Dort sollte sich der moderne Mensch über Jahre (mit gutem Willen und dem sanften Druck einer "Fehlbelegeabgabe") mit sozial Schwachen verbrüdern.

Was war die Hustadt? Eine linke Utopie in rechten Winkeln? Sie war nicht bürgerlich-bewahrend, aber auch nicht sozialistisch-gleichmachend wie die Plattenbauviertel in der DDR. Sie war sozialdemokratisch. Die Planer behielten ja die Drei-Klassen-Gesellschaft bei, aber bitte ohne Berührungsängste bei gemeinsamer Nutzung "öffentlicher und privater Versorgungseinrichtungen (Kaufhaus, Kirchen, Bürgerhaus u.a.)", wie das damals hieß. Die Hustadt war gewissermaßen ein Erziehungsprojekt, eine Gesamtschule für Erwachsene.

Meine Eltern, Lehrer an Haupt- und Realschule, kauften damals sozialdemokratisch korrekt ein Reihenhaus der Gemeinnützigen Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten in der Albert-Schweitzer-Straße, die zum Mittelschichtsgürtel des neuen Stadtteils gehörte, in dem die Straßen nach Ärzten benannt waren. Virchow, Sauerbruch, Pettenkofer. Am Tag der Schlüsselübergabe, dem 17.Mai 1972, billigte der Bundestag in Bonn die Ostverträge, in derselben Woche explodierte im Hamburger Springer-Haus eine Bombe, der amerikanische Präsident Nixon reiste nach Moskau, um mit Breschnew über Vietnam zu sprechen, und die Westdeutsche Allgemeine Zeitung druckte Fotos von Raketenparaden auf dem Roten Platz. Meine Mutter trug Schlaghosen mit breiten Ledergürteln, mein Vater enge Hemden. Meine große Schwester Katja war drei Jahre alt, ich vier Monate. Einen ausgeprägten Sinn für Utopien hatte ich noch nicht.

Dafür entwickelte sich schnell ein ausgeprägter Sinn fürs Spielen. In die zwölf Reihenhäuser, die wie ein Hufeisen angelegt waren, zogen wie bestellt junge Zwei-Kinder-Familien ein, die, ganz im Sinne des Miteinanders, auf Zäune verzichteten. Das ergab einen riesigen Spielplatz für uns Kinder, für Simone und Bert, Markus und Thomas, Birgit und Jörn, Jürgen und Karsten, Christian und Bettina, Katja und mich. "Eckstein, Dreckstein, alles muss versteckt sein … eins, zwei, drei, ich komme!"