DIE ZEIT: Ausgerechnet in Deutschland gibt es viel Kritik an der Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst. Sind Sie auch enttäuscht?

Bernd Jochen Hilberath: Ich hatte einen anderen Wunschkandidaten, keinen speziellen Namen, aber ein Kardinal aus Lateinamerika wäre gut gewesen. Dort kann man studieren, vor welchen Problemen die katholische Weltkirche insgesamt steht – das Verhältnis zwischen Ortskirche und Weltkirche, die Frage der Ökumene oder auch der Umgang mit neureligiösen, charismatischen Strömungen. Doch nun müssen wir mit dem Papst leben, den wir haben.

ZEIT: Haben die Kardinäle eine Chance verpasst?

Hilberath: Das könnte sein. Aber es gibt ja bereits Spekulationen, die Kardinäle hätten mit Ratzinger nur eine Übergangsfigur gewählt. Ich frage mich ernsthaft, ob ausgerechnet in dieser Situation ein Deutscher und ein Europäer Papst werden musste. Die deutschen Tugenden sind zwar nur ein Klischee. Aber vielleicht haben sich die zwei Drittel der Kardinäle, die Ratzinger gewählt haben, genau das gewünscht: Sicherheit, Recht, Ordnung, Standfestigkeit.

ZEIT: Sie hätten sich eine mutigere Wahl gewünscht?

Hilberath: Wenn man auf den Weg Ratzingers zurückschaut, muss ich Hoffnung investieren, dass sich die Kirche unter seiner Führung tatsächlich öffnet. Natürlich verkündet jeder Papst die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Aber man kann die Wahrheit auf unterschiedliche Weise suchen.

ZEIT: Trauen Sie ihm überhaupt zu, Reformen in Angriff zu nehmen?

Hilberath: Ich bin sehr gespannt, wie er die Schlüsselpositionen in der Römischen Kurie besetzt. Man wird daran erkennen können, ob er es schafft, von seiner Überbetonung der Universalkirche wegzukommen, und bereit ist, den Ortskirchen mehr Selbstständigkeit einzuräumen. Eine entscheidende Rolle kommt dabei auch den Bischöfen zu. Ihre Stellung ist durch das 2. Vatikanische Konzil aufgewertet worden. Nun stellt sich die Frage, ob sie – pathetisch gesprochen – notfalls bereit sind, den Aufstand zu proben. Ob sie in Rom vorstellig werden und etwa sagen: Wir brauchen Frauen als Diakone, wir müssen mit wiederverheirateten Geschiedenen anders umgehen. Die Bischöfe müssen jetzt mit Papst Benedikt XVI. um ein gesundes Verhältnis zwischen Ortskirche und Universalkirche ringen.