Auf den ersten Blick wirkt Ranma Saotome wie ein ganz normaler Teenager. Süß sieht er aus mit seinem Wuschelkopf und den großen verträumten Augen, finden die Mädchen. Außerdem ist er an »Tendos Kampfsportschule für Schlägereien aller Art« der Primus. Aber da ist noch etwas. Denn seit Ranma in eine verwunschene Quelle fiel, verwandelt er sich jedes Mal, wenn er mit kühlem Wasser in Berührung kommt, in ein Mädchen. Das ist ziemlich lästig, weil er dann etliche Jungs auf Distanz halten muss, die in die vermeintliche Martial-Arts-Schülerin verliebt sind. Und dumm natürlich auch, wenn es ausgerechnet inmitten eines Flirts mit der bezaubernden Akane zu regnen beginnt.

Bizarre Geschichten wie diese sind eine Spezialität japanischer Comic-Zeichner. Und sie sind erstaunlich strapazierfähig. 38 Bände hat Rumiko Takahashi mit Liebelei, Intrigen und Raufereien gefüllt, fast 7.000 Seiten. Ihr Manga-Epos diente als Vorlage für 166 Zeichentrick-Episoden und drei Kinofilme. Auch in Europa ist Ranma 1/2 längst ein Bestseller, in Deutschland hat der Kölner Egmont Verlag über zwei Millionen Exemplare der Endlos-Saga verkauft. Der Weg ist dabei das Ziel: Als Ranma und Akane am Schluss den Bund der Ehe schlossen, waren viele Fans, die die Romanze über Jahre verfolgt hatten, verzweifelt. »Nichts kann den genialen Slapstick, die originellen Charaktere und die ganze Stimmung von Ranma 1/2 ersetzen«, schrieb eine Leserin. »Da helfen höchstens nur andere Takahashi-Drogen.«

Kein Problem. Inu Yasha heißt der neue Held der 48-jährigen Starzeichnerin, der sich auf der Suche nach den verstreuten Splittern eines »Juwels der vier Seelen« bereits durch zwei Dutzend Taschenbücher balgt. Auch er – halb Mensch, halb Hundedämon – verkörpert in seiner Ambivalenz die Gefühlsstürme der Pubertät und muss lernen, mit seinen Schwächen klarzukommen. Nicht nur, dass Inu Yasha in Neumondnächten seine magischen Kräfte verliert, vor allem Mädchentränen lassen den cholerischen Kauz regelmäßig ausflippen.

Seltsame Bücher sind das, die seit einigen Jahren unaufhaltsam die Kinderzimmer erobern und so kryptische Titel tragen wie Peach Girl , RG Veda , 3x3 Augen oder Berserk. Schlägt man sie auf, wird man umgehend gebremst. »Halt!«, ruft auf der ersten Seite dem Nichteingeweihten ein Zeichenwesen mit Augen, groß wie Suppentassen, entgegen. »Dies ist ein japanischer Comic, der wie im Original von rechts nach links gelesen wird. Also fangt einfach von der anderen Seite des Buches an.« Diese Erwachsenen-Sicherung erklärt einen Teil des Erfolgs der Nippon-Comics. Denn Jugendkultur ist immer auch Distanzierungskultur. Sich allerdings von Eltern abzugrenzen, die selbst mit Micky Maus und Asterix aufwuchsen, Jeans und lange Haare tragen und Eminem nicht für »Negermusik« halten, erfordert heute drastische Maßnahmen.

Eine weitere Hürde, die ungebetenen Gästen den Zugang zu den Manga-Welten versperrt, ist die dynamische, oft konfus wirkende Seiten-Architektur. Während europäische und amerikanische Zeichner möglichst viel an Information in einem Bild verdichten, ist die Erzähltechnik der Mangas stark vom Film beeinflusst, was bei Tim und Struppi oder Prinz Eisenherz in einem Panel dargestellt wird, erstreckt sich leicht über etliche Seiten. So entsteht, unbehindert durch ausladende Dialoge und überflüssige Details, ein Bilderstrom, der die Illusion rasanter Bewegung erzeugt. Im Schnitt 3,75 Sekunden, hat der Experte Frederik L. Schodt ermittelt, benötigen japanische Leser für eine Seite. Das macht den Manga in einer Zeit allgemeiner Beschleunigung zu einer überlegen modernen Form des Comics.

Und tatsächlich sind Superman und die Schlümpfe gegenüber Figuren wie Inu Yasha oder Ranma längst auf dem Rückzug. Drei Viertel ihres Umsatzes erwirtschaften die Comic-Verlage in Deutschland mittlerweile mit Manga-Taschenbüchern, Tendenz steigend. Allein der Hamburger Carlsen Verlag, der sich 1991 auf noch unbekanntes Terrain wagte und mit Akira die erste Serie veröffentlichte, bringt jeden Monat 16 Taschenbücher auf den Markt. Dazu die Magazine Banzai! und Daisuki – das eine für Jungs, das andere für Mädchen und beide wie ihre japanischen Vorbilder dick wie das Telefonbuch einer mittleren Großstadt.

Dabei glaubte anfangs kaum jemand an einen Erfolg der Nippon-Zeichenware. Erst als Carlsen 1998 auf Drängeln des Zeichners Akira Toriyama mit Dragon Ball auch die japanische Leserichtung übernahm, gelang der Durchbruch. Zunächst gegen den Widerstand des Handels, der mit den schrägen Abenteuern des affenschwänzigen Kampfsport-Gnoms Son-Goku, der für sein Leben gern an getragenen Mädchenschlüpfern schnuppert, nichts anzufangen wusste. Doch plötzlich stürmten nach Schulschluss Pulks von Knirpsen in XXL-Baggys und mit Baseballcaps und Wollmützen auf den Köpfen in die Buchhandlungen, Wesen, die die Verkäuferinnen noch nie zuvor in ihren Läden gesehen hatten. Mit über sechs Millionen verkauften Exemplaren machte Dragon Ball selbst Harry Potter Konkurrenz.

Kaum noch eine größere Buchhandlung ohne Manga-Abteilung, lieferbar sind aktuell rund 1800 Bände. Auf einen sogar noch höheren Titelausstoß als Carlsen bringt es der Egmont Verlag, der seinen Hauptumsatz bisher mit Disney-Comics machte. Ende vergangenen Jahres gründete zudem Tokyopop, ein Unternehmen, das in den USA bis zu zehn Titel wöchentlich produziert, einen Ableger in Hamburg. Wenn im Juni dann noch der Taschenbuchverlag Heyne einsteigt, wächst das Angebot auf 70 Neuerscheinungen im Monat. Ein Klacks, verglichen mit Japan, wo Mangas mittlerweile 40 Prozent aller Druckerzeugnisse ausmachen. Lediglich ein Gut, formulierte die Süddeutsche Zeitung, sei dort weiter verbreitet: Luft. Rund 130 Verlage setzen im Jahr über zwei Milliarden Taschenbücher und Magazine ab. Eine Erfolgsstory, die nach dem Zweiten Weltkrieg begann und als deren Initiator die Japaner den Zeichner Osamu Tezuka verehren. Der war nicht nur der Begründer einer modernen Manga-Tradition, sondern setzte Comics wie Astro Boy oder Kimba, der weiße Löwe auch in etlichen Zeichentrickserien für das aufkommende Fernsehen um.