Die ZEIT an Robert Menasse: "Wir bestellen: 1 x Kapitalismuskritik, in maximal zehntausend Zeichen, inklusive Leerzeichen."

Menasse an die ZEIT: "Hier meine Kapitalismuskritik: ›Dass sich Kapitalismuskritik in zehntausend Zeichen erschöpft, hätte der Kapitalismus gerne. Alleine dies begründet die Notwendigkeit, ihn im Fortschritt des Bewusstseins von Freiheit (auch der Kritik) zu überwinden.‹ Den Rest der Seite bitte auffüllen mit Leerzeichen! Im Anhang meine Kontonummer für das Honorar."

Die ZEIT an Robert Menasse: "Ihre Grundidee ist natürlich überzeugend. Schlagen aber vor, Ihre Kritik vom Kopf auf die Füße zu stellen: Wir ersetzen Ihren Satz durch Leerzeichen und die Leerzeichen durch Zeichen, die wir von Ihnen bis übermorgen 17 Uhr gerne erwarten."

Robert Menasse an die ZEIT: "Dass Kapitalismuskritik Zeichen setzen soll, die gleichbedeutend und austauschbar mit Leerzeichen sind, begründet einmal mehr die Notwendigkeit, den Kapitalismus zu überwinden. Im Übrigen beneide ich Sie um Ihr Vertrauen in übermorgen und dass Sie gerne erwarten, was kommen soll. Ich bin kein Prophet. Aber ich sehe schwarz."

Die ZEIT an Robert Menasse: "›Ich bin kein Prophet. Aber ich sehe schwarz‹ ist ein sehr guter Anfang. Sie haben noch 9058 Zeichen frei!"

Ich bin kein Prophet. Aber ich sehe schwarz. Seit ich die Frau mit den schwarzen Augen gesehen habe, die Prophetin, während meines Urlaubs im vergangenen Sommer in Griechenland, just als die Olympischen Spiele stattfanden. Ich hatte in Athen ein Zimmer in einer kleinen Pension gefunden, die hieß: "Pension Klytemnestra. Zimmer mit Bad". Die Nachmittagshitze war unerträglich, ich lag mit einem Buch, mehr dösend als lesend, in meinem Zimmer auf dem Bett, neben einem großen Ventilator, immer wieder blätterte der Wind die Seiten um, so kam ich mit dem Buch weiter, auch wenn ich gerade nicht las. Am I A Liberal? von John Maynard Keynes. "Meine Tragik besteht darin, dass meine Thesen immer dann ignoriert werden, wenn sie am dringendsten nötig wären." Der Ventilator schlug die Seite um. Ich ging ins Bad. Ich bekam Beklemmungen: Plötzlich färbte sich alles rot, der Wasserstrahl, der Duschvorhang, die Duschtasse – Die Sonne ging unter.

Ich lief hinaus, durch die Stadt. So viele Zeichen. Aus Stein. Sie erzählen Geschichten aus der Geschichte. Aber ich konnte sie nicht lesen. Trümmer, als hätte eine unfassbare Macht all diese behauenen Steine fliegen und durcheinander stürzen lassen. Was war das? Ein zerstörter Tempel, ein verwüsteter Friedhof?