Niemand hat sie mit Schreien des Hasses empfangen. Nur die Scheinwerfer der Fernsehkameras richten sich auf die Täter, und die Blitzlichter der Pressefotografen tauchen sie in grelles Licht. Sonst schweigen alle, als Mehmet Akul in Fußfesseln und Zaneta Copik auf High Heels von Polizeibeamten in den Verhandlungssaal des Memminger Landgerichts geführt werden.

Was sie getan haben, weiß das ganze Land. Im Januar 2004 haben sie ein dreijähriges Mädchen vier Tage lang zu Tode gequält und es sterbend in der Damentoilette des Krankenhauses im bayerisch-schwäbischen Weißenhorn abgelegt. Tagelang war das ins Erträgliche retuschierte Foto der kleinen, namenlosen und kahl geschorenen Leiche durch die Zeitungen und das Fernsehen gegangen: Wer kennt dieses Kind? Dann wurden die polnische Mutter und deren Freund auf ihrer Flucht in die Türkei in der italienischen Hafenstadt Brindisi festgenommen. Jetzt wusste man, das Kind hieß Karolina. Die Anklage gegen ihre Mutter und deren Liebhaber lautet auf Mord.

Zaneta Copik und Mehmet Akul lernen sich im November 2003 kennen und ziehen sofort zusammen. Beide sind gescheiterte Existenzen: Er schwer drogensüchtig, meistens auf Entzug oder wegen diverser Gewaltdelikte im Gefängnis, sie Table-Dancerin aus Polen, illegal in Deutschland, auf der ewigen Suche nach einem Mann, der sie aushält. Zuerst leben sie bei Zanetas Mutter, wo es bald Krach gibt, dann ziehen sie in ein abgelegenes Haus aufs Dorf zu einem Alkoholiker. Das Kind nehmen sie mit, drei Wochen später ist es tot.

Die beiden haben gestanden. Am langen ersten Verhandlungstag erzählt die 26-jährige Zaneta Copik von den letzten schrecklichen Tagen ihrer Tochter. Der Raum ächzt förmlich in allen Fugen, er kann das Ausmaß der Qual nicht fassen. Karolinas Existenz stört das Paar von Anfang an, sie wird geschlagen, wenn sie nicht schlafen will, sie wird geschlagen, wenn sie zu langsam isst. In den Garten darf sie nicht. Den Nachbarn fällt auf, dass man das Kind nie sieht. Im Inneren des Hauses steigern sich die "Erziehungsmaßnahmen" zur wahren Folterorgie. Karolina muss in einer "kalten Kammer" bei Minusgraden und aufgerissenem Fenster stundenlang auf einem Bein mit dem Gesicht zur Wand stehen. Die Haare werden ihr in Büscheln ausgerissen, weswegen die Mutter das geschundene Kleinkind irgendwann kahl rasiert.

Karolina wird mit Stöcken auf die Hände geschlagen, nachts allein in den eisigen Keller gesperrt oder auf einen hohen Schrank verbannt, mit Gürteln gepeitscht, bis sie nur noch robben kann, in heißes Wasser getaucht, mit dem Kopf an Wände und Möbel geschlagen, sie wird nachts nackt auf die winterliche Terrasse gestellt, ihre Finger werden mit dem Feuerzeug verbrannt und das Gesäß und die Beine mit glühenden Plastikschraubverschlüssen verschmort. 25 große und tiefe Brandwunden hat die Rechtsmedizin München auf dem kleinen Körper gezählt, noch nie hat man dort ein so zugerichtetes Kind auf den Seziertisch bekommen. An einem Faustschlag, der Blutgefäße im Gehirn platzen ließ, ist die Dreijährige schließlich gestorben. Karolinas Anblick war so entsetzlich, dass das Krankenhauspersonal der Klinik Weißenhorn, wo man sie noch zu retten versuchte, psychologisch betreut werden musste.

Der Haupttäter ist Zanetas Liebhaber, der Deutschtürke Mehmet Akul, ein Fleischberg von gut hundert Kilo, der manchmal kopfschüttelnd, aber sonst mit ungerührter Miene die Hauptverhandlung verfolgt. Er hat die Taten eingeräumt, besteht aber darauf, dass Zaneta – meistens betrunken – die Quälereien des Kindes geduldet, sich bisweilen sogar daran beteiligt habe, nur manchmal habe sie gemeint: "Es reicht jetzt." Für sie sei das uneheliche Kind, das sie sich von einem polnischen Zuhälter geholt habe, sowieso nur ein Klotz am Bein gewesen. Als sie der stark verschwollenen Kleinen den Kopf geschoren hatte, habe sich Frau Copik über die schwer verletzte Karolina noch lustig gemacht: "Guck mal, Bastard sieht aus wie Boxer." Man habe häufig Sex gehabt in jenen Tagen. "Jetzt weint sie, Euer Ehren", sagt Akul zum Vorsitzenden, "damals hat sie nicht geweint, sondern Witze gemacht."

Zaneta Copik – die in der Hauptverhandlung die tapfere kleine Frau gibt – will sich vergeblich schützend vor ihr Kind geworfen haben, sie wälzt alle Schuld auf Akul. Allerdings kann sie keine Erklärung dafür bieten, warum sie mit Karolina nicht das Weite gesucht hat, Gelegenheiten hätte es genug gegeben. Als Akuls Verteidiger, Georg Zengerle, sie fragt, warum sie Mehmet denn nicht mit einem Messer angegriffen, sondern beim Foltern ihres eigenen Kindes tatenlos zugesehen habe, ist es, als treffe der Zahnarzt den Nerv. Sie springt auf und kreischt: "Ich kann das alles nicht hören!"

Mehmet Akul ist das, was man früher einen Psychopathen nannte, heute spricht man von einem Mann mit gestörter Persönlichkeit. Der Kriminalpsychiater Norbert Nedopil diagnostiziert in seinem Gutachten mehrere Persönlichkeitsstörungen im Sinne einer "schweren seelischen Abartigkeit" mit sadistischen Elementen und einer chronischen Abhängigkeit von Betäubungsmitteln. Akul sei weitgehend unfähig zum Mitleid und zur Kontrolle seiner Affekte. Folgt das Gericht den Vorschlägen des Sachverständigen, so wird Akul für lange Zeit, vielleicht für immer, im Maßregelvollzug verschwinden.