Kindesmisshandlungen Die feindlichen ElternSeite 7/7

»Alle Formen von Gewalt beginnen mit der Entgleisung von Beziehungen, lange bevor die Gewalt selbst auftritt«, sagt Gerhard Suess. Deshalb hat er das Säuglingsprojekt »0 bis 3« gegründet, in dem versucht wird, gestörte Mutter-Kind-Beziehungen im Anfangsstadium zu erkennen und zu heilen. Jetzt will Suess in seinem neuen Frühinterventionsprogramm Steep nach amerikanischem Muster Hochrisikomütter mit Hilfe von Hebammen und Klinikpersonal schon in der Schwangerschaft oder kurz nach der Entbindung aufspüren und mit Videotherapie zu einem feinfühligen Umgang mit dem Säugling bewegen. Das Zusammensein von Mutter und Kind wird über einen langen Zeitraum aufgezeichnet. So kann die Mutter später ihr eigenes Verhalten von außen betrachten und lernen, die Signale ihres Kindes zu lesen und besser zu verstehen.

Auch in städtischen oder privaten Projekten versuchen Jugendhelfer, an diese Frauengruppe heranzukommen, am besten noch vor der Geburt des Kindes. Adoleszente Mütter werden angesprochen, psychisch belastete Mütter, Mütter mit geringer Bildung oder solche, die gerade von einer Frühgeburt entbunden sind. Die ausgeklügeltste präventive Maßnahme scheitert indessen, wenn die betroffene Frau nicht will. Glaubt sie, ihrer neuen Aufgabe ganz allein gewachsen zu sein, kann die Jugendhilfe auch nichts machen und muss sie mit ihrem gefährdeten Säugling ziehen lassen.

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Ende vergangenen Jahres beantragte die CDU-Fraktion des Berliner Abgeordentenhauses, zur Vorbeugung gegen Kindesmisshandlung die zehn freiwilligen Vorsorgeuntersuchungen in den ersten sechs Lebensjahren aller Kinder, die so genannten U-Untersuchungen, für Eltern zur Pflicht zu erheben. In Berlin ist die Teilnahme an diesem Gesundheitsangebot – zu dem auch die Impfungen gehören – rapide gesunken, und gerade sozial randständige Eltern mit Multiproblemfamilien schwänzen die Termine. Der Vorschlag wurde im Innenausschuss abgelehnt. Die Begründung: Eltern zu zwingen, ihre Kinder regelmäßig einem Arzt vorzustellen, greife unvertretbar in deren Freiheitsrechte ein. Dabei wäre eine solche Maßnahme über die Krankenkassen oder die Gesundheitsämter durchaus zu organisieren gewesen und hätte vielen Kindern, deren Not nun unbekannt bleiben wird, helfen können. Dem vertrockneten Lukas, der verhungerten Jessica, der totgemarterten Anette hätte eine solche kleine staatliche Zuwendung jedenfalls das Leben gerettet.

In der Nachkriegszeit gab es derart verpflichtende Fürsorgetermine für die Eltern noch. Die Babys wurden von Vertreterinnen des Gesundheitsamtes gewogen und untersucht, um die Säuglingssterblichkeit in dem noch von Armut gezeichneten Deutschland zu senken. Mit wachsendem Wohlstand und der aufkommenden Liberalisierung wurden die Familien solcher Kontrollmaßnahmen überdrüssig. Das sozialdemokratische Menschenbild vom mündigen Bürger setzte sich durch, der sich von Vater Staat nicht länger kujonieren lässt, der für eigene Bedürfnisse und die seiner Kinder selbstverantwortlich sorgt. Die Fürsorge erschien den emanzipierten Müttern nun als antiquierte Bevormundung und wurde abgeschafft. Die Betreuung von Säuglingen und kleinen Kindern ging damit von staatlichen Stellen auf die niedergelassenen Ärzte über. Seither zeigen die Mütter ihre Kinder freiwillig.

Oder auch nicht. Die Armut ist nach Deutschland zurückgekehrt und hat inzwischen ganze Stadtteile fest im Griff. Eine Million Kinder leben heute von der Sozialhilfe. Ihre Eltern und Großeltern sind beschäftigungslos und sitzen vor dem Programm von RTL2. Der wirtschaftliche Niedergang des Landes hat Parallelgesellschaften der Ausgegrenzten und Chancenlosen entstehen lassen. Sie nehmen am öffentlichen Leben nicht mehr teil, sind auch für die staatlichen Hilfsangebote nicht mehr erreichbar. Aber sie haben Kinder. Und wer diese Kinder schützen will, wird sich vom Menschenbild des mündigen Bürgers, der Herr des eigenen Lebens ist und nur das beste für sein Kind will, irgendwann verabschieden müssen.

 
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