Pädagogik, Hirnforschung und Neurologie haben sich in den vergangenen Jahren zu wahren Musikwissenschaften entwickelt. Musik, vermuten die Forscher, hilft gegen Stress, Schmerz, Lähmung und geistige Schlaffheit. Eine Studie des Pädagogen Hans Günther Bastian scheint sogar zu belegen, dass sie den Menschen bessert. Von 1992 bis 1998 hat er zwei Schülergruppen in Berlin beobachtet. Die Schüler in der einen lernten ein Instrument, die anderen nicht. Am Ende schnitten die musikalisch geförderten Kinder nicht nur in Intelligenztests besser ab, sondern waren auch friedfertiger und sozial kompetenter.

Dass Musik das Gute im Menschen hervorbringe, hält allerdings auch Bastian selbst für Unsinn. Und so erweist sich inzwischen vieles, was Musikforscher euphorisch verkündeten, als fragwürdig – dass Musik die Intelligenz steigert etwa. Bei Musikern ist der Balken, der die Gehirnhälften verbindet, um bis zu 15 Prozent dicker, fanden Physiologen heraus. Dass dies die Denkleistung erhöht, wird heute bezweifelt. Mit neuen Messgeräten hat der Neurologe Gottfried Schlaug an der Harvard University nachgewiesen, dass in Musikergehirnen einzelne Strukturen zwar »aufgebläht« sind, diese aber nicht unbedingt mehr Nervenzellen enthalten.

Musik ist zu komplex, um ihre Wirkung physikalisch zu erfassen

Noch immer könne niemand genau erklären, wie Musik auf das Gehirn wirkt– weder beim Musizieren noch beim Hören, sagt Reinhardt Kopiez, Professor für Musikpsychologie in Hannover. Harmonie, Rhythmus, Melodie und Dynamik seien zu eng verwoben, um sie vollständig in »physikalischen Wirkungsparametern« zu beschreiben. Löse man einzelne Aspekte heraus, könne man zwar gewisse Reaktionen wissenschaftlich genau feststellen, in der Psychoakustik etwa, habe es dann aber nicht mehr mit Musik zu tun, sondern mit einzelnen Tönen oder bloßen Rhythmen.

Auch in Therapien, in denen musiziert wird, heilt meist nicht die Musik selbst. So lässt etwa der Neurologe Thomas Münte an der Universität Magdeburg teilgelähmte Patienten Melodien auf Drumpads nachspielen. Heilend wirkt dabei das Einüben komplexer Bewegungen. Die Klänge steigern lediglich Motivation und Lerntempo.

Hat die Musik selbst eine Wirkung, dann vor allem auf die Gefühle, denn die Hörzentren im Gehirn sind mit dem limbischen System verbunden, das die Emotionen steuert. Musik kann eine Gänsehaut auslösen, beruhigen oder aufputschen – und sie kann Erinnerungen wachrufen. So erinnern sich Alzheimerkranke, denen man Stücke aus ihrer Jugend vorspielt, zuweilen an Dinge, die längst vergessen schienen. Wie genau solche Prozesse funktionieren, liegt noch immer im Dunkeln. Eindeutige Belege für medizinische Wirkungen von Musik sind deshalb rar.

Umso mehr Raum bleibt für pseudowissenschaftliche Thesen, wie die von der heilenden Macht Mozarts. Die Amerikanerin Dorothy Retallack meinte sie bereits 1973 bewiesen zu haben, nachdem sie Pflanzen mit Musik beschallt hatte. Bei Mozart rankten sie sich um den Lautsprecher, bei Led Zeppelin gingen sie ein. »Noch heute«, sagt Reinhardt Kopiez, »dient die Studie dazu, Rockmusik und alles Disharmonische zu diskreditieren.« Als würden Menschen wie Geranien empfinden.