kunst Musik hilft immerSeite 2/2

Die Musik wird in beiden Filmen nicht wie einst den höheren Bürgerstöchtern zu Erbauung nahe gebracht, sondern explizit der Unterschicht, deren Zugangschancen zu den kulturellen Sphären in Zeiten von Hartz IV gewiss nicht steigen. Im Niedergang des Sozialstaates macht es sich eben besonders gut, die Bedeutung der Kunst für das Soziale zu betonen. Allerdings wird sie nicht mehr als gesamtgesellschaftliche Perspektive verhandelt (die ist viel zu teuer), sondern als private und gut gemeinte Empfehlung für jeden Einzelnen. Die schwungvoll aufgezogenen »Education«-Initiativen wirken so wie wärmende Kultur-Suppenküchen im kalten Winter der Wirtschaftskrise.

Mit der Schöpfkelle der konkreten guten Tat stehen dann aber auch die Sponsoren gerne bereit. Das Verantwortungsgefühl für das staatliche Allgemeinwohl mag bei der Deutschen Bank nicht besonders ausgeprägt sein, aber für das Zukunft@BPhil-Projekt der Berliner Philharmoniker stellt sie großzügig Schecks in Millionenhöhe aus. Überhaupt sind die Wirtschaftskapitäne ganz hingerissen von der »Du kannst durch die Musik alles erreichen«-Rhetorik von Rhythm is it!. Vielleicht, weil sich das ganze Projekt in der Wahrnehmung des Films so schön (und falsch) als flotte, schlanke, neoliberale Alternative zu den behäbigen, traditionellen Kulturbildungsapparaten rezipieren lässt. Die Deutsche Bank hat den Film auf ihrer Jahreshauptversammlung gezeigt. Das meldet stolz die Produktionsfirma von Rhythm is it!. Auch die BMW AG habe ihn ihren Managern vorgeführt (»Stichwort Motivation«), »die RWE-AG zeigt Rhythm is it! auf ihrem Ressorttreffen Personal (Thema Berufsbildung/Personalentwicklung)«, und »Daimler-Chrysler hat den Soundtrack an 1500 Kunden geschickt«.

Nach der Popularisierung der Klassik droht jetzt die Pädagogisierung

In den neunziger Jahren ist die so genannte Ernste Musik von einer Popularisierungswelle überrollt worden. Jedes Klassik-Open-Air-Konzert, jedes schale Crossover-Produkt, jede im Werbespot untergebrachte Opernarie wurde von den Verkaufsstrategen der Kulturindustrie als segensreicher Schritt auf dem Weg zur Demokratisierung der elitären Klassik gerechtfertigt: Man müsse Schwellenängste abbauen und der voraussetzungsreichen Kunstform neue Hörerschichten erschließen. Viel gebracht aber – außer schlechter Musik – hat die Aufbruchstimmung nicht. Nach der Popularisierung der Klassik droht nun auf ähnlichem Niveau eine Pädagogisierung der Klassik. An Workshops, Schnupperveranstaltungen und Klassik-für-Kinder-Produkten herrscht kein Mangel. Die »Education«-Projekte, die im angelsächsischen Raum von jeher (und in England besonders nach dem Kultur-Kahlschlag von Maggie Thatcher) für die Legitimation der Kulturinstitutionen eine wichtige Rolle spielen, nehmen zu und der große Zuspruch und die leuchtenden Augen der Teilnehmer scheinen ihnen Recht zu geben. Aber ob sie wirklich ein nachhaltiges Verständnis für die Kunst fördern, steht dahin. Marketinginteressen, Imagebildung und Eventgeklingel bilden nicht selten eine hohl tönende Begleitmusik.

Adorno hat schon in den fünfziger Jahren in seiner Einleitung in die Musiksoziologie gegen die Musikpädagogik polemisiert, damals mit viel Groll auf die vom Nationalsozialismus vereinnahmte Wandervogel- und Jugendbewegung. Nur »abstrakte Bildungsideale aus sechster Hand« würden mit der Pädagogik herangebracht. »Aus dem Dilemma von Bastelei und Leitbilderei führte heraus, wenn es gelänge, die gesuchte Vermittlung in der Sache selbst zu finden.« Der Appell ist nach wie vor triftig: Die Sache selbst, die Kunst, die Schwierige, selten zu Habende, die sich ganz und gar nicht tugendhaft in den Dienst der Gesellschaft stellt, kommt in der freudigen Erregung über die Wunderwirksamkeit der Musik allenfalls noch am Rande. »Musik als soziale Funktion«, schreibt Adorno, »ist dem Nepp verwandt, schwindelhaftes Versprechen von Glück, das anstelle des Glücks sich selber installiert.« In Bezug auf zwei Filme, die erst fünfzig Jahre später entstanden sind, ist das nicht schlecht beobachtet.

 
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