Medizin Erst waschen
In deutschen Kliniken grassieren gefährliche Keime. Sie töten jedes Jahr 1500 Menschen
Als Klaus-Dieter Zastrow endlich von den Ärzten einer Berliner Klinik zu Hilfe gerufen wurde, war es schon zu spät. Zuerst hatten die Kollegen ihrem Patienten wegen einer hartnäckigen Entzündung einen Zeh amputiert – der Routine-Eingriff gelang. Doch dann eiterte die Wunde, sie hatte sich infiziert. Die verabreichten Antibiotika waren falsch, die Chirurgen hatten den Infektionsexperten nicht hinzugezogen. Der Erreger griff auf das ganze Bein über. Erst nach Monaten und immer neuen Teilamputationen, berichtet Zastrow, habe der Mann die Klinik endlich verlassen können – als Einbeiniger.
Arbeitsüberlastung, Ignoranz und Inkompetenz gefährden die Patienten
Ursache des Unglücks war eine Infektion mit einem berüchtigten Krankenhauskeim: Staphylococcus aureus; es war obendrein eine Antibiotika-resistente Variante der Mikrobe. Ein tragischer Einzelfall? Keineswegs, versichert Zastrow. Solche und minder schwere Vorfälle gehören inzwischen zum Alltag in deutschen Kliniken – und das bringt den Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin am Berliner Vivantes Klinikum Spandau auf die Palme. Seit Jahren zieht der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene gegen gravierende Hygienemängel in deutschen Krankenhäusern zu Felde. Manch einer hat dem Funktionär daher schon vorgeworfen, Lobbyismus für seine Gesellschaft zu betreiben.
Doch glaubt man den Statistiken, dann sind Deutschlands Kliniken längst zu gefährlichen Bakteriennestern geworden. Schlamperei, Schlendrian trotz bestehender Hygienevorschriften, Inkompetenz, Ignoranz und Arbeitsüberlastung gefährden Leib und Leben der Patienten in den Kliniken. Über eine halbe Million Deutscher ziehen sich dort jedes Jahr verschiedene gefährliche Hospitalismus-Erreger zu. Dabei sei das eher zu tief gegriffen, betont Zastrow. »Ich sage, es sind eher 800000.«
Neuerdings, das zeigen jüngste Berichte von Forschern in Deutschland, Europa und den USA, breiten sich Antibiotika-resistente Keime nicht nur in den Zimmern und Fluren von Krankenhäusern aus. Nach aktuellen Studien im Fachblatt New England Journal of Medicine sind Infektionen mit den fatalen Erregern auch außerhalb von Kliniken auf dem Vormarsch. Erstmals sind US-Mediziner jetzt auf einen Typ von Krankenhauskeimen gestoßen, der viel aggressivere Entzündungen hervorruft, als man sie bislang gesehen hat. Von Fleisch fressenden Superbakterien ist die Rede, die in Deutschland aber noch nicht aufgetreten sind.
Seit neuestem hat Zastrow Rückendeckung von höchster Stelle. Auch die Seuchenwächter beim Robert-Koch-Institut (RKI) schlagen Alarm. Sorge bereitet der Berliner Behörde, die bundesweit für die Überwachung übertragbarer Krankheiten zuständig ist, vor allem die drastische Zunahme Methicillin-resistenter Stämme von Staphylococcus aureus, im Fachjargon MRSA genannt. Methicillin ist ein Antibiotikum. Wenn eine Staphylokokke gegen dieses Mittel immun ist, greifen auch fast alle anderen Antibiotika nicht mehr. »Noch vor 15 Jahren waren in Deutschland weniger als zwei Prozent dieser Keime in den Krankenhäusern gegen herkömmliche Antibiotika resistent«, sagt Wolfgang Witte, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Staphylokokken, einer Außenstelle des RKI in Wernigerode. Inzwischen, versichert der Experte, seien es mehr als 20 Prozent. »MRSA ist in Deutschland ein infektiologisches Problem ersten Ranges.«
Bereits heute, schätzen Forscher, ziehen sich hierzulande 40000 bis 50000 Patienten pro Jahr MRSA-Infektionen zu, 1500 von ihnen kostet die Bazille das Leben. Und selbst das, meint Zastrow, sei wohl zu wenig. »Viele Schwerkranke oder Sterbende werden ja gar nicht als MRSA-Patienten wahrgenommen. Welche Klinik will derartige Fälle denn schon freiwillig melden?«
Dabei ist das Problem lange bekannt: Staphylococcus aureus hat seit Jahrzehnten als eine der Hauptursachen von nosokomialen, also im Krankenhaus erworbenen Infektionen einen sehr schlechten Ruf. Das Bakterium ist bei vielen Gesunden als harmloser Parasit auf der Haut und in der Nase zu finden. Einem intakten Immunsystem kann es nichts anhaben.
- Datum 21.04.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






