Seltsam, wie der Himmel sich weitet, wie die Welt entrückt. Wie beim Blick hinab, aus 52 Gipfelmetern, ganz München nur noch Tal ist. Wunderbare Aussicht hier auf dem Olympiaberg, unsere Augen wandern kreuz und quer, und nicht lange, da sehen wir sie, beide Rivalen auf einen Blick. Gleich unten, am Fuße des Hügels, das gute alte Stadion, die Zipfel- und Zeltlandschaft von Günter Behnisch und Frei Otto, so beschwingt und geschmeidig. Weiter hinten in der Ferne die neue Arena, ein glitzernd weißer Fremdling, gewaltig groß und bedrohlich. Was für Gegensätze – sanft das Gestern, elefantös das Heute. Doch ist das nur Gipfelsicht; unten wartet eine andere Wahrheit.

Unten, das ist im Norden der Stadt, in Fröttmaning, wo sich Autobahnen kreuzen, wo Müllberge gen Himmel wachsen, die Kläranlage vor sich hin müffelt, wo das Ungeliebte seinen Ort hat und kommende Woche das neue WM-Stadion der Weltpresse vorgeführt wird. Ganz freiwillig sind sie hier nicht gelandet, die beiden Vereine, die Bayern und die 1860er. Gern wären sie in der Stadt geblieben, nur eben partout nicht im alten Olympiastadion. Franz Beckenbauer träumte von Terroristen, die es wegsprengten, damit endlich ein Hexenkessel entstehe, eine Stimmungs- und Geld-Arena wie in Amsterdam, mit großem Dach, teuren Logen, mit Sitzplätzen direkt am Spielfeld. Die Mehrheit der Münchner aber wollte davon nichts wissen. Per Volksentscheid wiesen sie die mächtigen Fußballer ab, hinaus ins gar nicht grüne Umland.

Wenn dort eine der üblichen Beton- und Stahlburgen entstanden wäre, ein technisch hochgerüstetes, teures, hässliches Stadion – niemand hätte sich gewundert. So war es fast immer während der letzten Jahrzehnte: Fußball brauchte keine Architektur, Fußball brauchte Geld. Was zählte, war auf dem Platz, war in den Fernsehstudios und war niemals so wie das, was die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron nun im Auftrag der beiden Vereine gebaut haben, für 280 Millionen Euro.

Schon von der U-Bahn aus sehen wir ihn, diesen weißen weichen Körper, der gar nicht monströs ist, nicht monumental, ganz anders als er uns aus der Ferne vorkam. Glitzernd in der Sonne, drall und verlockend schwebt er über der Landschaft, ein Kringelwesen, das dem Auge keine Ruhe lässt, so anders und ungewohnt ist es. Unwillkürlich beginnen wir darauf zuzugehen, fast ein Kilometer liegt zwischen Bahn und Stadion. Doch merkwürdig, je näher wir kommen, desto weiter scheint es sich zu entfernen. Verschwindet halb hinter dem leicht ansteigenden Gelände, einer Esplanade, unter der 11000 Autos parken können. Oben drauf viele verschlungene Wege, fast wie im alten Olympiapark. Auch dort müssen die Besucher erst über ein Wirrwarr von Pfaden gehen, werden nicht auf einer Zentralachse vereint, sondern breit gestreut. Ähnlich zudem die Inszenierung der fließenden Landschaft: Geschickt verbergen Herzog und de Meuron das versprengte Drumherum der Autobahnen und Sondermüllcontainer hinter Betonbändern, und so fühlt man sich auf der Esplanade fast so, als wüchse die Fröttmaninger Heide frei herüber.

Dann aber liegt es plötzlich vor uns, das Stadion in voller Pracht. Wo sich Behnischs Olympiagefilde auflöst in ein Gewirr aus Masten und Takelage, herrscht hier Geschlossenheit und Perfektion. Eine fast erhabene Form, wäre ihr Material nicht so leicht und billig. Es sind lauter aufgepumpte Kissen aus Kunststoff, schmale Trapeze, die sich über den Bau ziehen und die falsche Ehrfurcht verfliegen lassen. Am liebsten würde man dies Gebilde aus Luft und Licht packen, es knuffen, ein wenig herumwirbeln.

Schon nennen manche das Stadion ein Riesenschlauchboot oder einen Riesenreifen. So plump ist die Konstruktion aber keineswegs. Die geblähten Kissen und die tiefen Kerben dazwischen entwickeln in der Sonne ein rasantes Spiel aus Schatten und Glanz, aus Reflexen und seltsamen Durchleuchtungen, sodass die Hülle sich überall ein wenig anders zu wölben, anders zu falten, sich manchmal sogar aufzulösen scheint. Der Körper lebt, so meint man, er ist in Bewegung – und plötzlich sehen wir in ihm nicht nur die schiere, schöne Form, sondern auch lauter Metaphern. Als wäre sein Drängen und Gleißen ein Aufruf, ein Plädoyer für einen Fußball voller Eleganz und Leichtigkeit und schwebender Kraft. Was eben noch als typisch deutsch galt, das Immer-vorne-Reingehen eines Uwe Seeler, beginnt sich aufzulösen. Hier ist das Spielen keine Arbeit, es gibt kein Tragen und Lasten, und keine Konstruktion wird gezeigt, die sich entschlüsseln ließe. Und so wirkt die Architektur fast wie ein Versprechen: darauf, dass sich der Fußball bei allem Marktgeschiebe und Mediengepoker doch etwas Unkalkulierbares bewahrt, etwas, das so artistisch und sprühend ist wie dieser Bau. Das Stadion raubt uns nicht die Illusionen, es macht uns welche. Es inszeniert das Spiel als etwas Geheimnisvolles.

Sicher, manche werde das als billiges Showgehabe kritisieren, als Kulissengeschiebe. Doch sind die Luftkissen kein aufgeklatschtes Dekor, sondern bringen den Körper erst in seine Ringelform. Und anders als eine Blendfassade dies tun würde, schotten die Polster Außen- und Innenwelt nicht völlig voneinander ab, denn hinter ihnen zeichnen sich milchig Rohre und Fenster ab. Ähnlich fließt in dieser Architektur vieles ineinander, und so wird selbst für den Besucher ohne Eintrittskarte ein kleiner Blick auf den Rasen möglich. Vom hässlichen Sicherheitszaun aus kann er hinüberäugen aufs Grün.

Im Vergleich mit dem Olympiastadion ist die neue Arena dennoch ein geschlossenes System. Hier gibt es Ränge, drei sogar, dazu viele hundert Ehrenplätze und Sonderlogen für alle, die das Fußballspielen vor allem als Kulisse für die eigene Geschäftemacherei begreifen. Nur sieht man diese Vielklassengesellschaft zum Glück nicht auf den ersten Blick. Die Architekten drängen alle Plätze zusammen, stauchen Deckenhöhen, stellen die Ränge so steil, dass am Ende die Körper der Zuschauer zu einem großen Corpus verschmelzen dürften.