Kriegsende Schrecken ohne Ende
Hubertus Knabes Buch über die Exzesse der Roten Armee 1945 fügt sich ein in die neue Sicht der Deutschen als Opfer
Angekündigt war das Buch mit einem Titel ohne Fragezeichen: Dieses apodiktische Urteil schien nun offenbar doch zu brisant. Der Autor, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, liebt zwar provokante Thesen (so wurde aus den Westaktivitäten der Stasi die »unterwanderte Republik«), er gehört jedoch nicht zu denen, die mit Hinweisen auf sowjetische Verbrechen bei Kriegsende die deutsche Besatzungspolitik in Osteuropa relativieren wollen. Als die NPD verlauten ließ, sie plane am 8. Mai 2005 eine Demonstration gegen die »Befreiungslüge«, kamen ihm sogar Zweifel, ob man das Buchprojekt nicht doch besser ad acta legen solle. Aber gerade wer den Rechtsradikalismus bekämpfen will, so sein durchaus überzeugendes Gegenargument, darf ein solches Thema nicht der politischen Instrumentalisierung durch Ewiggestrige überlassen. Dieser moralische Impuls ist der Leitfaden des Buches: »Tote und Gefangene lassen sich nun einmal nicht miteinander verrechnen, sondern lediglich zusammenzählen.« Das ist einleuchtend und zugleich problematisch. Denn eine sorgfältige historische Interpretation kann nicht von elementaren Kausalzusammenhängen absehen. Diese bleiben aber völlig blass.
Sind nur die Westdeutschen befreit worden, die Ostdeutschen nicht?
Die Art und Weise, wie Knabe die Einordnung des Kriegsendes vornimmt, kann nicht unwidersprochen bleiben. Den geschichtspolitischen Hintergrund dafür bietet Richard von Weizsäckers große Rede zum 8. Mai von 1985, die gleich im zweiten Satz des Vorworts ins Visier genommen wird. Ihre zentrale Botschaft lautete: »Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.« Für Ostdeutschland galt das nicht, schreibt der Autor, denn es begann eine neue Diktatur, an deren Anfang bereits Schrecken und Brutalität standen. An diese Ursprünge der SED-Diktatur zu erinnern ist das Ziel des Buches. Befreit wurden somit nur die Westdeutschen, denen die Westmächte die parlamentarische Demokratie brachten, während die Stunde der Freiheit im Osten erst 1989 schlug. Das ist zumindest eine sehr verkürzte Sicht. Denn befreit fühlen sich auch im Westen zunächst nur wenige.
Wer wie Knabe die Opferperspektive und die Erfahrungsgeschichte der Deutschen im Osten so ausschließlich ins Zentrum rückt, wird dem weltgeschichtlichen Datum 1945 nicht gerecht. Auch Weizsäcker hat nie von einer ausschließlichen Befreiung gesprochen. Das war die verbindliche SED-Interpretation, die keine Ambivalenzen kannte. Das elende Paradoxon, dass eben auch oder sogar vorrangig die Rote Armee Deutschland und Europa von der Naziherrschaft befreit hat, lässt sich nicht auflösen. Freilich ist das eine späte Erkenntnis. Denn jahrzehntelang dominierte auch in Westdeutschland allein die Vorstellung von Niederlage, Katastrophe und Kapitulation. Vor diesem Hintergrund nehmen sich Knabes gewundene Erörterungen zum Begriff der Befreiung seltsam aus. Das westdeutsche Bild der Rolle der Sowjetunion bei Kriegsende deckte sich in den fünfziger Jahren weitgehend mit dem, was Knabe jetzt als historisch-politisches Lernziel vor allem den Westdeutschen verordnen möchte. Denn sie haben – diesen Eindruck vermittelt suggestiv die Lektüre des Buches – eine völlig unzureichende Vorstellung von der sowjetischen Gewaltherrschaft. Weizsäckers Rede gilt dafür als prominentes Beispiel.
Die Darstellung ist in einer nüchternen und gut lesbaren Sprache geschrieben. Was Knabe auf der Basis der mittlerweile umfangreichen Quellen und Literatur über die Rolle der Roten Armee und des NKWD zusammengetragen hat, ist eine wahrhaft beklemmende Lektüre. In drei großen Kapiteln werden die Schrecken der Eroberung, die Säuberung der Ostgebiete und der Weg in die SED-Diktatur thematisiert. Dazu gehören insbesondere die hemmungslosen Plünderungen und Zerstörungen vor und nach dem Ende der Kriegshandlungen, das Elend der Flüchtlinge und Vertriebenen und die entsetzlichen Massenvergewaltigungen, die polnischen Gewalttaten etwa im berüchtigten Lager Lamsdorf/Lambinowice, das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen, aber auch der repatriierten sowjetischen Zwangsarbeiter, der Terror des NKWD, die oft in früheren KZs errichteten Speziallager und die grotesk-terroristischen Praktiken der Militärtribunale. Unbekannt ist das alles nicht, aber eine so geballte Wiedergabe der Schreckensgeschichte auf der Basis genauer Recherchen findet man anderswo schwerlich.
Der Autor will zwar keine Geschichte der SBZ schreiben, dennoch erweitert er sein Thema und greift in langen Passagen über Repressalien gegen Regimegegner der SED zeitlich weit in die Jahre nach Kriegsende aus. Mit dieser Fokussierung verschieben sich – und das ist offensichtlich gewollt – die Koordinaten. Widersprüche und Ambivalenzen tauchen nicht auf, aber sie gehören nun einmal zu einer Geschichtsschreibung, die sich um Erklärung und kritische Historisierung bemüht und sich nicht auf politisch-moralische Anklage beschränkt. Ebendiese Anklage, gemessen an einer Vorstellung von politischer Befreiung, die häufig aus dem historischen Kontext herausgelöst wird, grundiert jedoch die gesamte Darstellung. Die Verselbstständigung von Gewalt und der elementare Wunsch nach Rache am Ende eines Krieges, den die Deutschen im Osten so fanatisch und total geführt hatten, wie ihn sich Goebbels wünschte, lassen sich mit moralischen Kategorien allein nicht erfassen.
Auch im Inferno des Kriegsendes gab es Gesten der Menschlichkeit
Die frühe Nachkriegsgeschichte Ostdeutschlands geht in der terroristischen Dimension nicht auf. Norman Naimarks umfassende kritische Geschichte der Russen in Deutschland ist ein Beispiel für einen sehr viel angemesseneren, weil komplexeren Zugriff. Dass sich die brutalen sowjetischen Exzesse nicht gleichmäßig über alle Gebiete ergossen, dass auch die Rote Armee die besiegten Deutschen mit Lebensmitteln versorgt hat, dass es im Inferno des Kriegsendes immer auch Gesten der Menschlichkeit gab, dass Entscheidungen an der Spitze nicht ohne Weiteres wie gewünscht befolgt wurden, dass die mehrfach versuchte Wiederherstellung der Disziplin in der Roten Armee scheiterte und lokale Kommandanten erheblichen Handlungsspielraum besaßen – diese und andere Aspekte, die eben auch zur Geschichte des Kriegsendes und des Neuanfangs gehören, tauchen bei Knabe gar nicht oder nur marginal auf. Zudem widerspricht die Vorstellung, Stalin habe bereits 1945 genaue Vorstellungen über die Errichtung einer SED-Diktatur gehabt, den Befunden der Osteuropaforschung.
- Datum 21.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
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