Endlich. Eine Technik verspricht Geschäfte in Milliardenhöhe – und Deutschland hat die Nase vorn. Dank Metro. Der Konzern setzte als erster Handelsriese weltweit auf Funkchips. Die elektronischen Winzlinge beschleunigen Warenströme, verhindern Diebstähle, legen Fälschern das Handwerk, dienen als Geldbörse oder Türöffner. Sie lassen Plakate mit Handys sprechen, markieren Rinderherden – und inzwischen auch Menschen (siehe unten). Von Radio Frequenz Identifizierung ist die Rede, kurz RFID.

Doch weil die Technik so viel kann, wird sie zugleich zum Albtraum von Daten- und Verbraucherschützern. Deren Sorge: Die ungeahnten Möglichkeiten könnten Staat und Wirtschaft dazu animieren, die Bürger im großen Stil auszuhorchen – und auszugrenzen. Und das völlig unbemerkt, weil die cleveren Chips maximal nur noch die Größe eines Reiskorns haben.

Bislang beherrschte die Technik nur die Debatten in exklusiven Zirkeln. Dort ist längst klar, dass RFID nur ein Teil einer Entwicklung ist, die Fachleute ubiquitous computing nennen: allgegenwärtige Datenverarbeitung.

Irgendwann stecken die Chips in und auf allen erdenklichen Alltagsdingen; kleinste Sensoren nehmen ihre Umgebung wahr; alles vernetzt sich spontan und kommuniziert drahtlos miteinander. "Sogar Arbeits- und Wohnräume werden intelligent auf die Gewohnheiten, Absichten und sogar Emotionen des Menschen reagieren", prophezeit Alois Ferscha, Professor an der Universität Linz. Die Technik sei omnipräsent, aber nicht mehr erkennbar.

Möglich wird das, weil Chips längst nicht mehr nur speichern und rechnen können. Ausgestattet mit Sensoren, bekommen sie auch noch Augen und Ohren. Und versehen mit Antennen, werden sie mitteilsam. Sie heißen dann Transponder. Die brauchen nicht einmal mehr eine eigene Energieversorgung. Sie werden aktiv, sobald sie eine bestimmte Frequenz anfunkt.

Neu ist das alles zwar nicht. Nur: In der Vernetzung mit riesigen Datenbanken entsteht eine Technologie, die "das Verhältnis zwischen Mensch und Technik fundamental verschieben wird", vermutet Diethard Schade, Vorstandsmitglied der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung, die zu diesem Thema ein ehrgeiziges Forschungsprojekt fördert.

"Die Dinge können wissen, wo sie sich befinden, welche anderen Gegenstände oder Personen in der Nähe sind und was in der Vergangenheit mit ihnen geschah", sagt Friedemann Mattern, Ordinarius für Informatik an der ETH Zürich, der unter anderem Einsatzfelder erforscht. Man stelle sich beispielsweise vor, dass der Chip auf einem Produkt eine spezifische Internet-Adresse enthält. Ein handyähnliches Gerät liest sie aus und stellt den Kontakt zur Homepage her, die jede Menge Fakten liefert. Für den Nutzer entsteht so der Eindruck, als habe ihm der Gegenstand selbst die Informationen zugefunkt. Was im Einzelnen angezeigt werde, so Mattern, könne unter anderem von einem bestimmten Kontext abhängen: also etwa davon, ob der Nutzer ein guter Kunde ist, ob er über 18 Jahre alt ist, welche Zeitung er abonniert hat oder welcher Partei er angehört.

Angesichts dieser Optionen glaubt Mattern denn auch nicht, dass es der Milch einkaufende Kühlschrank sein wird, der die Welt verändert. Ihn interessieren andere Fragen: Wird die Welt gerechter, weil Dienstleistungen viel genauer abgerechnet werden können? Werden wir alles Verlorene stets wiederfinden? Aber auch: Haben wir demnächst noch eine Privatsphäre? Mattern: "Es werden sich noch etliche politische Fragen mit einer gewissen Brisanz stellen."