Die antijapanische Kampagne in China wirft die Frage auf, ob der Konflikt eines Tages heiß laufen könnte. Zwar scheint im Interessengegensatz der beiden Mächte nicht genug Zündstoff für eine Eskalation ins Kriegerische zu liegen; aber immerhin haben Japans Verteidigungspolitiker im November 2004 öffentlich über ein Szenario nachgedacht, in dem China eine Invasion Taiwans mit Angriffen auf die japanische Küste begleitet, um dort amerikanische Kräfte zu binden.

Chinas Aufrüstung ist beeindruckend. Offiziellen Angaben zufolge wächst sein Militärbudget seit 14 Jahren um jeweils zweistellige Prozentsätze, wenngleich bis 1995 nur nominell (wegen der Inflation). Die amtlichen Zahlen spiegeln freilich nicht wider, was dem Militär aus anderen Kassen zukommt; dazu zählen Aufwendungen für Forschung und Bauvorhaben, lokale und regionale Zahlungen an die Armee oder unbilanzierte Einnahmen aus Waffenverkäufen und anderen Geschäften. Vor allem können Chinas Militärs für ihr Geld dreimal so viel kaufen wie ihre Kollegen aus anderen Ländern. Sie zahlen lächerlichen Sold und der Industrie nur den Materialwert. Vor wenigen Wochen kündigte die Regierung an, das Militärbudget solle 2005 um 12,6 Prozent auf umgerechnet 29,9 Milliarden US-Dollar steigen. Multipliziert mit dem Schätzfaktor drei ergäbe das einen Militärhaushalt von knapp 60 Milliarden Dollar, der damit zehn Milliarden über dem japanischen läge.

Bis Ende 2005 soll die Stärke der chinesischen »Volksbefreiungsarmee« um 200000 auf 2,3 Millionen Soldaten sinken. Doch Abrüstung ist das mitnichten. Peking nutzt vielmehr seine wachsende Wirtschaftskraft, um die eigenen Streitkräfte zu modernisieren, die unlängst noch als das »größte Militärmuseum der Welt« verspottet wurden. Namentlich die Marine wird erneuert. Etliche der 21 Zerstörer und 42 Fregatten werden mit Marschflugkörpern (Cruise-Missiles) ausgerüstet und um neue Schiffe ergänzt, die mit Cruise-Missiles der wirkungsvolleren Überschall-Klasse bewaffnet sein werden; überdies wird die U-Boot-Flotte ausgewechselt, einschließlich des strategischen U-Boots, das Atomraketen interkontinentaler Reichweite trägt.

Besorgniserregend ist die wachsende Kapazität zur Invasion; die erreichte Zahl von 285 Landungsbooten und mindestens 59 Amphibienfahrzeugen ist wohl erst der Anfang. Westliche Fachleute schätzen, dass die Marine eine ganze Infanteriedivision nach Taiwan hinübersetzen könnte. Technisch allerdings ist die taiwanesische Flotte der chinesischen überlegen, die sich derzeit nur unzureichend gegen Angriffe mit Cruise-Missiles wehren kann. Chinas Marine hat im Übrigen das gleiche Problem wie die anderen Teilstreitkräfte: Sie verfügt nur über veraltete Kommunikationsmittel.

Cruise-Missiles erhält auch Chinas Luftwaffe. Sie ist mit 400000 Soldaten und gut 2000 Kampfflugzeugen die drittgrößte der Welt, gilt allerdings als veraltet und mangelhaft ausgebildet. Sie wird jetzt mit Tankflugzeugen, luftgestützten Radarsystemen, unbemannten Flugkörpern sowie moderner Computer- und Aufklärungstechnik versehen. Die Modernisierung erfasst erst recht die Raketentruppen der Atommacht China, die derzeit über 30 Interkontinentalraketen verfügen, außerdem über eine wachsende Zahl präziser Kurzstreckenraketen, die zu Hunderten nahe Taiwan aufgestellt sind. Die Bodentruppen wiederum, 1,6 Millionen Soldaten mit 7500 schweren Kampfpanzern, 2400 Raketenwerfern, 14000 Feldhaubitzen und 2200 Panzerhaubitzen, geben den Taiwanesen und Japanern zwar derzeit wenig Anlass zur Sorge, aber auch sie werden modernisiert.

Wie Taiwans Rüstung richtet sich auch diejenige Japans überwiegend darauf, chinesische Invasoren abzuschrecken oder abzuwehren. Zwar verzichtet die Verfassung »für immer auf das Recht jeder souveränen Nation, Krieg zu führen«, doch schon seit dem Koreakrieg wird das so absolut nicht mehr verstanden. Mit umgerechnet 50 Milliarden US-Dollar ist Japans Militärbudget größer als das britische. Dabei besitzt das Land weder Atomwaffen noch Atom-U-Boote, Langstreckenbomber, Mittel- oder Langstreckenraketen und lässt sich von zwei US-Flugzeugträgern, 21000 amerikanischen Marines und 180 US-Kampfflugzeugen beschützen.

Japans Marine ist der chinesischen Armada überlegen