Sozialreport »Hier waren wir noch nie«
Hamburg-Wilhelmsburg ist ein Stadtteil der sozialen Gegensätze. Arm und Reich leben hier in Sichtweite, doch sie begegnen sich nicht mehr
Inzwischen sollen in Hamburg-Wilhelmsburg mehr Sozialarbeiter als Kampfhunde herumlaufen. Das war vor acht Jahren umgekehrt, als viele Leute die Rechtsradikalen gewählt hatten und Reporter dort recherchierten. »Auf der Elbinsel«, schrieben sie, »liegt der Traum von einem solidarischen Leben begraben.« – »Die Zukunft Hamburgs liegt im Süden«, sagt heute der Senator für Stadtentwicklung. Es ist an der Zeit, einmal nachzusehen, jetzt, wo so viel von sozialen Gegensätzen oder gar Klassen die Rede ist.
Der Schnellbus 34 fährt noch dieselbe Strecke, aber auf dem Stadtplan an der Bushaltestelle vor dem Hamburger Hauptbahnhof erkennt man nur den Anfang der Route. Die Karte reißt genau dort ab, wo Wilhelmsburg beginnt. Der Bus überquert die Elbbrücken, fährt den Vogelhüttendeich entlang, links aschgraue Hausfassaden. Wilhelmsburg. Zwei türkische Mädchen hüpfen vergnügt durch die hintere Tür in den Bus, der Fahrer befiehlt übers Mikrofon: »Beide nach vorne. Bezahlen.« Rotenhäuser Straße, ein Mann in einer zerschlissenen Jeansjacke stolpert herein. Er setzt sich und fällt sogleich in einen unruhigen Schlaf. Draußen richtet sich der Frühling ein, die rosarot blühenden Kirschbäume gab es vor acht Jahren nicht. Auch die Parkbänke am Adolf-Menge-Platz sind neu. Es müsste hier viele Menschen geben, die stundenlang auf Bänken sitzen, weil kein Arbeitgeber auf sie wartet. Tausende Menschen, ganze Häuserblocks voller Banksitzer, die Aprilsonne hat schon ziemlich viel Kraft, aber die Bänke bleiben leer. Vielleicht, weil die Bänke vor den Häusern noch immer konkurrieren müssen mit den Fernsehsofas in den Häusern. Die Sofas haben wohl wieder gewonnen.
Als der Fahrer an der Haltestelle Kirchdorf-Süd stoppt, steigt der Mann mit der Jeansjacke schwankend aus, der ganze Bus stinkt inzwischen nach Bier. Kirchdorf-Süd, Endstation. Ein Gebirge aus bemaltem Beton. Zwölf, dreizehn Geschosse, Einheitsbalkone, ein Planungsideal der siebziger Jahre, eine sozialdemokratische Vision vom »Schöner Wohnen«, unter Umständen die letzte Vision, die sich Hamburger Sozialdemokraten leisten konnten.
Dahlgrünring 3, hinter der Eingangstür sitzt eine ältere Frau in einer Art Büro, es gibt jedenfalls einen Telefonapparat. Die Frau sagt, sie sitze in der »Loge«, als »Hausbetreuerin« in der Spätschicht. Der städtische Wohnungskonzern Saga hat in seinen Wohntürmen Pförtnerlogen eingerichtet. Saga bedeutet Siedlungs-Aktiengesellschaft Hamburg, war einst für das Einmauern sozialdemokratischer Visionen zuständig, inzwischen wird unentwegt renoviert.
Pakete nehme sie für die Sozialmieter an, sagt die Hausbetreuerin, wachsam müsse sie bleiben, Jugendliche hätten einmal Scheiben eingeschlagen. Da mischt sich plötzlich eine resolute Kollegin ein und sagt: »Nee, hier keine Interviews. Ich muss Sie im Büro abgeben. Kommsemit.« Ach, die Marlies, sagt Kommsemit atemlos im Stechschritt, mit der Marlies könne man doch nicht reden, 1-Euro-Job, Notnagel, mit der nicht. Eine Bürotür öffnet sich, Kommesemit händigt den Besucher aus. Auf ein Clip-Board ist ein Blümchen gemalt. »Hier sind unglaubliche Gelder reingeflossen«, sagt Kathrin Essmann, Betriebsleiterin »Quartierspflege«, eines Projekts des Wohnungskonzerns Saga. »Im städtischen Reinigungsverzeichnis«, sagt sie, »steht dieses Viertel nicht drin.« Die Saga ist für die Sauberkeit zuständig.
Keine leichte Aufgabe. In Wilhelmsburg fliegt alles aus dem Fenster und landet auf dem Rasen, in Büschen, auf Gehwegen. Pausenlos werfen Leute Zigarettenkippen herunter, leere Schachteln, Plastikflaschen, Müllbeutel, und meist sei nicht zu erkennen, wer das tue, es komme ja alles von so weit oben. Immer wieder warf jemand benutzte Babywindeln herunter, und einmal wurde ein Passant getroffen. Einmal flog ein ausrangierter Kühlschrank aus dem zwölften Stock, dann ein Einkaufswagen aus dem dreizehnten. Einmal wühlte ein Sozialarbeiter verärgert in einer heruntergeworfenen Mülltüte und fingerte einen Umschlag mit einer genauen Adresse heraus. »Ich gehe zu deinem Vater«, sagte er, als ein Junge öffnete. Aber so etwas ändert nie viel. »Dieses Viertel ist ein Verbrechen«, sagt Essmann.
Fällt ein Hausbetreuer ein paar Tage lang aus, bleiben die Bewohner wieder sich selbst überlassen. Dann scheißen Hunde wieder ins Treppenhaus, weil ihre Besitzer nicht mit dem Aufzug nach unten fahren wollen. In den Aufzug haben vorher Kleinkinder oder Hunde von Nachbarn gepisst. Dann liegt Müll im Treppenhaus, und vor der Loge rauchen Jugendliche Crack. Kehrt der Hausbetreuer zurück, fliegt wieder mehr Abfall, der vorher im Treppenhaus landete, aus dem Fenster, und die rauchenden Jugendlichen verziehen sich nach draußen in eine unbeobachtete Ecke. Hingucken, weggucken, Müll draußen, Müll drinnen, die kommunizierenden Röhren von Wilhelmsburg.
Nachdem der Hamburger Senat eingesehen hatte, dass er sich um Wilhelmsburg kümmern müsse, wurde dieses Viertel zu einem Experimentierfeld für soziale Arbeit, das fing vor acht Jahren gerade an. Zu Hilfe gekommen sind viele engagierte Menschen, zupackende, nachdenkliche Bürger. Wilhelmsburg gleicht inzwischen einer erzieherischen Maßnahme. Man soll sich jetzt schlecht fühlen, wenn man etwas Schlechtes getan hat – und sich danach das Schlechte abgewöhnen. Das war der Plan.
- Datum 08.04.2009 - 13:31 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
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