Kann man Murakami lesen, wenn man traurig ist? Sollte man vorsichtshalber Proviantstückchen der Zuversicht im Gepäck haben, an denen während der Lektüre bei Bedarf zu kauen wäre, wie die Indianer es tun an ihren alten getrockneten Büffelhaut-Snacks auf den langen Reisen durch die Prärie? Murakami lesen heißt sich der Verlorenheit aussetzen, und bevor sich irgendjemand die falschen Vorstellungen macht, sei gesagt, dass bei solcher Lektüre aller Proviant, die Erinnerung an Glück, der Geschmack von Obhut, verloren gehen kann, anders ausgedrückt: Vielleicht lesen wir deshalb Murakami.

Haruki Murakami ist der japanische Meister der Sinnlosigkeit. Wobei der Begriff Meister vielleicht die falschen Assoziationen weckt, die von zackiger Kriegskunst, schnittiger Härte. Murakami aber ist ein Künstler des sanften Aufweichens von allen Grundlagen, auf denen wir die Existenz aufzusetzen gewohnt sind, Beruf und Freundschaft, Liebe und Zeit, weshalb seine Helden so unaufhaltsam und immer tiefer in die Einsamkeit sinken, wie es nur vorstellbar ist, auf den Boden eines Brunnens beispielsweise wie in Mr. Aufziehvogel oder in die Tiefen ihrer Seele, von denen aus das Rauschen der Welt nur nuschelnd zu ihnen durchhallt, oder sie werden hinweggeweht auf einem halsbrecherischen Weg, der sie über der Welt im eisigen Gebirge absetzt, im Niemandsland ihrer Furcht, wie es in dem Roman Wilde Schafsjagd geschieht, der jetzt nach langer Pause,wieder erschienen ist. Man könnte sagen, diese Entfernung von allen Sicherheiten, der Weg in die Erkenntnis der Verlorenheit, ist der eigentliche Handlungsstrang dieser Romane. Auch wenn Titel wie Wilde Schafsjagd totale Action versprechen, dann besteht Murakamis Kunst doch darin, eine wilde Jagd in eine innere Bewegung umzuwandeln.

In diesem Buch begleiten wir einen jungen Werbefachmann auf der Suche nach einem Schaf mit sternförmigem Brandmal, seine Irrfahrt führt in die Ödnis seiner Heimatstadt und bis in ein verlassenes Sommerhaus auf dem Rücken eines kalten Berges, wobei ihm unterwegs die Geliebte abhanden kommt, er aber endlich einem Jugendfreund namens Ratte begegnet, der allerdings schon tot ist und in einem Schafskostüm auftritt, das an der entsprechenden Textstelle so ratlos skizziert ist, als würde sich ein Kind an einem Burda-Schnittmuster abarbeiten.

Man sieht, bereits das Nacherzählen der Handlung eines Buches von Murakami birgt ein Risiko des Sichverlierens. Und verlangt Demut – die, sich lächerlich zu machen, wer liest denn solche Geschichten? Nun, tatsächlich nicht wenige, Murakami ist Kult, und wer wissen will, warum, muss sich mit vielleicht stotternden Antworten begnügen.

Der Held dieses Buches – ein Begriff, der diesen jungen, traurigen Mann keineswegs korrekt beschreibt – hat keinen Namen, ein No-Name also, dieser Ich-Erzähler. Einer, der auf den ersten Seiten dieses Buches zum Begräbnis einer verunglückten Freundin reist, mit der er als Student wie viele andere Männer vor und nach ihm oft geschlafen hat, an deren Namen er sich allerdings zehn Jahre später nicht erinnert. Und betrunken heimkehrt in seine kalte Wohnung (falls man es heimkehren nennen möchte, es ist, wie so vieles bei Murakami, eher das Gegenteil von dem, was es sein sollte), betrunken eher aus Gewohnheit denn aus Trauer, und in der Küche eine No-Face-Frau vorfindet, die ihren Kopf auf den Tisch vor sich gelegt hat, das Gesicht von den Haaren verschüttet. Seine Frau, sie ist nach der Scheidung vorbeigekommen, um auszuräumen, um nichts zurückzulassen, so scheint es ihm für einen Moment, als einen Unterrock auf der Stuhllehne, nach dessen Geruch er lechzt, der dann aber nicht aufzufinden ist, als die Frau die Wohnung verlassen hat. Intimität ist noch nicht einmal eine Erinnerung.

Sex spielt, um gleich das Murakami-verdächtigste Thema anzusprechen, natürlich in diesem wie anderen Büchern von Murakami wie ja gelegentlich auch außerhalb von Büchern eine zentrale, wenn vielleicht letztendlich überschätzte Rolle. Sex oder das Verlangen danach, das in der Historie des Romanes ja so etwas wie ein Treibmittel der Handlung ist, weil es die Menschen eben zueinander treibt oder doch wenigstens aus ihrer Ecke heraus, Sex benutzt Murakami geradezu als Handlungsstopper. Sex wirft die Menschen auf sich selber zurück. Sex, könnte man sagen, implodiert. Es ist eine Art, Vereinzelung auszuloten, vielleicht der Grund, warum Murakami seine Personen so viel miteinander schlafen lässt, die verunglückte Freundin eben mit jedermann, die ausziehende Ehefrau mit dem neuen Freund, die neue Geliebte mit reichen Freiern und zwischendurch mit ihm, dem No-Name, wofür er gerne das Wort vom Geschlechtsverkehr verwendet.

Nur in einer Hinsicht finden wir ihn vom Strudel der Leidenschaft erfasst – in der Beziehung zu ihrem Ohr: "Eine Windung kreuzte mit schier unvorstellbarer Kühnheit die ganze Fläche des Bildes, eine andere schuf mit geheimnisvoller Sorgfalt kleine Schattierungen, und wieder eine andere erzählte die zahllosen Legenden eines antiken Wandgemäldes. Die Ebenheit der Ohrläppchen übertraf noch den Schwung der Windungen, und vor der üppigen Fülle ihres Fleisches verblasste alles Leben." Lust versinkt in der Betrachtung. Vielleicht ist es die zu Anfang des Buches schon tote Frau, die das Klügste über Sex gesagt hat, sie habe Sex, sagt sie, um etwas von der Welt zu begreifen, und auf seine Frage, ob ihr das gelungen sei, sagt sie: "Ja."

Mehr Wahrheit ist nicht zu haben bei Murakami. Sehr viel mehr Nähe gestattet er dem Personal nicht. Oder seinen Lesern, man könnte auch sagen: Murakami beschützt sie vor zu viel Nähe. Weshalb bei den Personen auch keine großen Entwicklungen oder Erkenntnissprünge zu erwarten oder zu befürchten sind oder gar das Aufbrechen von unerwarteten Tiefen der Seele oder der Gefühle. Wir finden hier stille Gestalten auf einer weiten Ebene von Geschehnissen, die auf vielfache Weise nirgendwo hinführen und im leisen, geradezu matten Ton erzählt werden. Geschehen solcher Art, wie es sich zwischen Mann und Frau ereignen kann (zu Trennungen heißt es: "Es gibt drei Möglichkeiten: Vergessenwerden, Verschwinden und Sterben"), oder jenes, das sich zu den merkwürdigsten Lebensläufen verdichtet, oder natürlich auch der Irrsinn des Geschäftslebens oder der Politik, in dessen Sog diese jungen Menschen geraten, die sich gerade beruflich etabliert haben oder glauben, auf feste Beziehung bauen zu können, und dann merken, ihr Leben war eine Art von Missverständnis. Kein unmodernes Thema übrigens für ein Buch, das vor 20 Jahren geschrieben wurde. Und heute vielleicht besonders bedrückend, da das Gefühl der Stagnation gegenwärtiger ist als damals, als es immerhin eine Jugendkultur des Aufbegehrens gab. Wo sich noch nicht diese Sehnsucht nach einer Befindlichkeit breit machte, der das Innehalten im Niemandsland der Orientierungslosigkeit, das Murakami geschickt erzeugt, als so unendlich sexy erscheint, das Schweben in einer Wattewelt, in der wir zwar nach unten sinken, aber keine wirklich gemeinen Schläge erwarten müssen oder gar ein hartes Aufschlagen, flotter dans l’air trop lourd, wie Kate Ryan heute so tranceerzeugend singt. Vielleicht ist das aber alles nur ein Missverständnis, womöglich beruht der Sog eines Murakami-Textes gerade auf dem Gegenteil dieser arretierten Verzweiflung, liegt die Verführung ja in jenen Momenten, die im Text wie Inseln in einem Meer von Trauer auftauchen, überraschend sinnliche Wahrnehmungen, von Ohren eben, nicht selten aber auch Beschreibungen von Licht und Himmel, präzise, detail- und empfindungsbesessen. Da ist dieser Morgen auf der Schafswiese, hoch in den Bergen, als der Schnee kommt, der junge Mann ist nun schon am Ende seiner Reise, da fällt der Schnee und hört schon wieder auf. "Hier und da rissen die vollen Wolken auf wie Lehm, und einfallendes Sonnenlicht überflutete in prächtigen Säulenbündeln die Weide", schreibt Murakami. "Die ganze Erde war wie mit kleinen, harten Zuckerkörnchen bestreut, jedes einzelne fest am anderen hängend, als wolle es sich gegen das Schmelzen wehren."