Roman Wenn der Schnee schmilztSeite 2/2
Sich zu wehren, gegen irgendetwas, das nützt in den Büchern von Murakami erwartbar gar nichts, weder dem Schnee noch den Menschen. Murakami exploriert besessen die Möglichkeiten, mit dem Dasein umzugehen, ohne sich zu wehren. Er bietet Fluchträume für alle, die den Schatten des Lebens nicht ausweichen, aber doch in ihnen überleben möchten. Auf den Inseln der Schönheit hält Murakami also den Irrsinn der Welt an, rein fiktional, natürlich nur für einen Textabschnitt. Dann schmilzt der Schnee, und es bleibt eine Ahnung von dem, was schön ist, als Trost, wenn auch nicht als Verpflichtung für irgendeine Aufruhr, so wie der junge Mann an das Meer seiner Kindheit fährt, von dem nur noch ein künstlicher Strandstreifen übrig ist, auf die Bucht schaut, den halb zugeschütteten Kanal, auf das Unkraut, die Hochhäuser, weint. Und Schluss. Hoffnung ist eine Erinnerung, sie muss ja nicht gleich in die Zukunft drängen.
Dies ist, wie gesagt, ein Buch aus den kritischen Jahrzehnten vor der Jahrtausendwende, aber eben kein gesellschaftskritischer ökologiebewusster oder gar politikkritischer Roman. Der Held strampelt am Gängelband übermächtiger Kräfte, wie in anderen Romanen von Murakami gibt es eine zynische Turmgesellschaft, deren Verwicklungen in mafiöse Wirtschafts- und Politikhändel ohne tieferes Interesse gestreift werden, was nur ein Zeichen dafür ist, dass keinerlei Aussicht besteht, die Verhältnisse aufzuklären oder gar zu wenden. Es gibt, einige wenige Male, Anklänge harter Verzweiflung, beim Gedanken an die Liebe mit der verunglückten Freundin ist da so ein Gefühl, »eine Trauer und ein Schmerz, als stieße ich mit der Hand an eine unsichtbare schwebende Wand«. Aber solche Bitterkeit ist nur eine Folie, vor der sich Ergebenheit umso sanfter entfaltet. Was zu der Frage zurückführt, ob Murakami zu ertragen ist, wenn man schon traurig ist. Nun, es ist so: Murakami zu lesen wirkt selbst tröstlich auf Leute, die noch gar nicht traurig sind, vielleicht ist das Murakamis Geheimnis.
Wilde SchafsjagdBelletristikAus dem Japanischen von Annelie OrtmannsHaruki MurakamiBuchDuMont Verlag2005Köln21,90299- Datum 21.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
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