Landwirtschaft Wiesenglockenblumen haben’s schwer

Der neue »Kritische Agrarbericht« sieht die Landwirtschaft mit den Augen von Bauern, Verbrauchern und anderen Lebewesen

Während der letzten Jahrzehnte haben die Landwirte in Deutschland die ständig fallenden Preise für ihre Erzeugnisse hingenommen wie Frost im Mai oder Hagel in der Erntezeit. Von gelegentlichen ritualisierten Demonstrationen abgesehen, haben sie sich auf die Vorgabe der europäischen Agrarpolitik eingelassen, immer billiger und damit intensiver zu produzieren. Obwohl sie wieder und wieder betonten, wie wichtig ihnen die bäuerliche Unabhängigkeit sei, unterwarfen sie sich den Risiken einer industrialisierten Landwirtschaft, machten sich von staatlichen Subventionen abhängig und beklagten ihren ökonomischen und gesellschaftlichen Niedergang, ohne sich dagegen zu wehren. Doch seit das neue Gentechnikgesetz den Anbau von manipulierten Pflanzen auf deutschen Äckern erlaubt, sind die Bauern aus ihrer Duldungsstarre erwacht. Im vergangenen Jahr sei »eine große, unabhängige agrarpolitische Bewegung entstanden, wie es sie seit Jahren nicht mehr gab«, schreibt die Gentechnikexpertin Mute Schimpf. »Und Bauern sind dabei die treibende Kraft.«

Fast hätten sie die Bienen und den Honig vergessen

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Der Kritische Agrarbericht 2005 dokumentiert diese bäuerliche Emanzipation. Seit 1993 stellt das AgrarBündnis, ein Zusammenschluss von 26 Verbänden aus den Bereichen Landwirtschaft, Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutz, jedes Jahr einen dicken Band mit Hintergrundberichten und Positionen zur Agrardebatte zusammen. Die Verbände – von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft bis zur Züchtervereinigung Schwäbisch-Hällisches Schwein – haben dabei die Landwirtschaft nicht allein als Wirtschaftszweig, sondern als Lebensweise im Blick, und daraus ergibt sich ihr Widerstand gegen die grüne Gentechnik. Die aktuelle Ausgabe 2005 mit dem Schwerpunkt Agro-Gentechnik berichtet über die Schwierigkeiten, die das neue Gesetz den Bauern macht: Der Anbau von Genpflanzen, so die Vorgabe aus Brüssel, muss grundsätzlich erlaubt werden, darf die gentechnikfreie Landwirtschaft aber nicht gefährden.

Genau das sei unmöglich, befürchten die über 11000 Bauern, die sich in über 50 gentechnikfreien Zonen organisiert haben, und damit sehen sie die Ökolandwirtschaft in Gefahr. »Das Beispiel Mexiko zeigt, wie scheinheilig das Koexistenz-Angebot der Gentechnik-Lobby ist«, schreibt der Agraringenieur Frank Augsten. Obwohl in Mexiko selbst der Anbau von gentechnisch veränderten Maissorten verboten ist, haben Kleinbauern und Nichtregierungsorganisationen herausgefunden, dass sogar in abgelegenen Regionen bis zu einem Drittel des traditionellen Mais gentechnisch verunreinigt ist. Solche Studien stellen die aktuellen Bemühungen um gesetzlich festgelegte Mindestabstände von Feldern mit und ohne Gentechnik infrage.

Die Flugstrecke von Bienen etwa könne bis zu zehn Kilometer betragen, erläutert der Imker Walter Haefeker. In seinem Aufsatz über die »neuen Gefährdungen der Bienenhaltung durch die Einführung der Agro-Gentechnik« legt er dar, wie die Bienen im neuen Gentechnikgesetz beinahe vergessen worden wären. Als im letzten Jahr Genpflanzen auf geheim gehaltenen Feldern erprobt wurden, behauptete die von der Industrie eingerichtete Hotline, Imker seien von der Freisetzung nicht betroffen, weil sich nach den Recherchen der Industrie in einem Umkreis von 200 Metern um die geheimen Anbauflächen kein Imker befände. »Auf die Imker kommen unbezahlbare Analysekosten zu«, schließt Haefeker. »Ohne Analysen wissen weder Imker noch Verbraucher, ob Gentechnik im Honig ist. Für Honig und andere Bienenprodukte ist die Wahlfreiheit nicht gewährleistet.«

Es sind Aufsätze aus diesen scheinbar unwichtigen Randgebieten, die den Kritischen Agrarbericht so wertvoll machen. Denn in der Ausgabe des Jahres 2005 steht, was den Verbrauchern in einigen Jahren Sorgen bereiten wird. Es ist zum Beispiel völlig ungeklärt, was passiert, wenn Honigbienen den Nektar gentechnisch veränderter Pharmapflanzen sammeln. Und da es beinahe überall in Deutschland Bienen gibt, ist es sogar wahrscheinlich, dass so etwas vorkommen wird.

Die generelle Erlaubnis von Genpflanzen bedeutet für alle, die dabei nicht mitmachen wollen, höhere Kosten. Mute Schimpf und Martin Hofstetter zeigen das am Beispiel der Futtermittelindustrie: »So reinigte die Ölmühle Mannheim ihr Werk zu Beginn des Jahres 2004 gleich eine ganze Woche lang, um den neuen Kundenwünschen nachzukommen und bloß keine unnötigen Verunreinigungen zu riskieren.« Das Sojaöl für die Lebensmittelindustrie verkaufte die Mannheimer Mühle also als gentechnikfrei. Das Schrot aus denselben Sojabohnen aber boten die Futtermittelhändler als »gentechnisch verändert« an. Kein schlechter Witz, schreiben Schimpf und Hofstetter, sondern Kalkulation: Durch die unsaubere Deklaration werden gentechnikfreie Futtermittel künstlich verknappt und deshalb teurer verkauft.

Die Bilanz des Agrarjahres 2004 – jenseits der Gentechnik und vier Jahre nach Beginn der Agrarwende: Schweinemäster und Kuhhalter bekommen immer weniger Geld für Fleisch und Milch, kleine Höfe schließen, fast 10000 Arbeitsplätze in der Landwirtschaft gingen verloren. Selbst die Biolandwirtschaft ist in finanzielle Not geraten: Für den Ökolandbau würden inzwischen die gleichen Gesetze des Strukturwandels wie für die konventionelle Landwirtschaft gelten, schreiben Frieder Thomas und Dietmar Groß. Dabei drohe der soziale und regionale Anspruch der Biolandwirte unterzugehen.

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