Dankrede
Du hast. Du haast. Du Hase
Ansprache eines Gehetzten – über Sumo-Ringer, Wiener Schnitzel und den großen Schriftsteller Italo Svevo
Sumo-Ringer sind die Erfinder des Strings. Ein langer gerader Faden fährt von ihren Hüften zwischen ihre enormen Hinterbacken, verbreitert sich dann zu einem wimpelartigen Tuch, das ihnen vorn beim Herauskommen das Geschlecht deckt. Wie dieses beschaffen sein möchte, wüsste man gern, mit der hoffentlich erfüllten Erwartung, dass bei dem Schwartenkörper nichts mehr dafür übrig sein kann, also ein vollkommen atrophiertes Organ bedeckt wird, und wie bei allen riesigen Körpern gönnt man ihnen dies. Wäre das Organ aber atrophiert, sähe man es auch ohne rechtzeitig verbreiterten String nicht, es läge in einer Fettfalte, einer waagerechten Schoß-Wamme, ja sofern man diese überhaupt als Schoß-Wamme erkennte. Bei Verfettung, so erzählen ältere Sumo-Ringer den jüngeren, gehen einzelne Körperteile mit, sie haben Reserven, die sie zur Vergrößerung heranziehen, andere bleiben immer in Naturgröße, was du auch zu deiner Verriesigung tust.
Ich arbeite Svevo mit wenigen Schlägen heraus. Ich treibe zunächst eine Differenz zwischen ihn und Joyce. Svevo ist der Oberflächen-Treuere, bei ihm bleibt der Eindruck bestehen, man lese einen richtigen klassischen Text. Er ist immer heiter und schlechter Laune, beides stählern gleichzeitig. Seine grundlegenden reduktionistischen Maßnahmen sind so getroffen, dass immer eine Geschichte erzählt wird. Dies wäre unausstehlich, wäre die angewendete Reduktion nicht so unwiderstehlich. Ihre Anziehung rührt von der von ihr ausgehenden Destruktion, Zerlege-Kraft. Durch metaphorisch exaktes Nachbauen wird Svevo zu Triests Liquidator. Es mag mit der Zähigkeit, auch der Glitschigkeit der von Claudio Magris hingebungsvoll geschilderten Bourgeoisie zusammenhängen, dass sie Svevos Liquidation, Verzeihung, die durch Svevo applizierte Liquidation kommod überlebte.
Einen zweiten Keil treibe ich zwischen Svevo und mich. Ich bin kein Reduktionist, außer man, das heißt die formalen Umstände zwingen mich. Ich erzähle auch keine Geschichten, außer man findet dies; von diesem Finden bin ich abhängig.
Bei Svevo kommt, soweit ich sah und las, kein Fleischstück auf dem Teller vor. Italo, das passt nicht in deine ausgedehnten bürgerlichen Dekadenz-Metaphern. Hör dir das an. Wenn du die Zitrone aufs Wiener Schnitzel drückst, kriegst du eine zusätzliche Portion Vitamin C, das Wiener Schnitzel hat eine eigenartige Beziehung zur Zitrone, ganz grundsätzlich, es nimmt die Zitrone überallhin mit und legt sie fürsorglich neben sich, auch wenn sie noch gar nicht ausgedrückt ist. Zum Ausdrücken holt es dich herbei, es drückt sie nicht selbst aus. Man hat noch nie ein Wiener Schnitzel gesehen, das seine Zitrone selbst ausdrückte, das ist eine uralte Definition dieser Beziehung, die man nennen könnte: »Der eine lässt den anderen in aller Gemütlichkeit in Ruhe.«
Ich seh’s dir an, du bist einer, der dem Wirsing die kalte Schulter zeigt
Nun ist andrerseits an diesem intimen Zusammenleben nichts gemütlich. Unter anderem wissen die beiden ja nicht, ob du zum Ausdrücken der Zitrone fähig bist, noch bevor du dein Vitamin C gehabt hast, na, natürlich kriegst du’s ja erst, wenn du erst die Zitrone ausgeträufelt hast und dann das Schnitzel isst, dann erst geht die Zitrone, also ein Teil der fleischlichen Beziehung, an dich über. Sehr oft kommt es vor, dass das Schnitzel die Zitrone vergessen hat, dafür gibst du sofort dem Kellner die Schuld. Es ist aber das Schnitzel, was für die Zitrone verantwortlich ist, oft lässt es sie zu Hause. Schwerer Bruch der Beziehungsregeln, kannst du als zufälliger Gast ja nicht wissen, wer geht denn, ehe er sich setzt, erst mal in die Küche und kontrolliert die Beziehungen, die diese kleinen Ferkel von Lebensmittel unter sich diskret geknüpft haben. Ganz richtig, sie würden’s dir nicht sagen, auch wenn du in die Küche gingst, aber allein der Wirsing, er ist einer der schlimmsten, ich sag dir jetzt nicht mehr, zum Glück wird er meist weggeworfen und kommt gar nicht auf den Teller, oder wenn er kommt mit seinen grausigen Gefährten, dann wirst du doch so intelligent sein, ihn wegzuwerfen oder mindestens stehen zu lassen. Ich seh’s dir an, du bist einer, der dem Wirsing die kalte Schulter zeigt, vermutlich schmetterst du ihn mit einem kurzen, bösen treffenden Satz nieder, dann hast du sowieso einen depressiven Wirsing vor dir auf dem Teller, der seinen Beziehungs-Vereinbarungen nicht mehr genügen kann, also, zum Beispiel muss er dann das Salatblatt, was auf ihm liegt und ihn beschlafen will, also auf dem Salatblatt ist natürlich die unentdeckte Weinbergschnecke, die es, das Salatblatt beschläft, also dieser von dir verschmähte und mit Beleidigungen eingedeckte Wirsing muss nun natürlich das Salatblatt über sich schlecht behandeln, und diese miese Stimmung unter den Lebensmitteln greift allmählich auf den ganzen Teller über.
Ich will jetzt nicht vom lodernd verzweifelnden Wiener Schnitzel reden, ein einmaliger Fall, Engadin, wir waren gerade an St. Moritz vorbei und mussten danken, ah, tanken, danken natürlich auch, wir mussten an einer Straßenkapelle am Silser See, grauenvoll eingezwängt, überhaupt kein Platz dort, Hotel Waldhaus frisst alles weg und quält seine eigenen Schnitzel, also wir dankten Gott, wir tankten Gott an einer Straßenkapelle, von deren Altar ein Schlauch ausging, der in die Öffung passte, nachdem wir das Deckelchen abgeschraubt hatten. Auf dem Altar schwammen Brotstückchen, natürlich als Nahrungsmittel in lebhafter Verzweiflung, sie hatten keinen Partner, sie fraßen das Zeug in sich hinein; aber zuerst triestinern wir das Hotel Waldhaus ein. Dieses Hotel sitzt auf einem Naturhügel, damit es Ausblick auf den See hat, übrigens der einzige See, der, flüchtig mit einem Zitronenteil vergleichbar, seine Perspektive nur der Längsachse entlang entfaltet. Du rundelst bereits die kurze steile Bergstraße zum Hotel hoch und arbeitest an deiner Überzeugung, im Speisesaal, er auf Lärchenwald hinaus, gebe es die besten Schnitzel, alle kollegial neben ihrer Zitrone.
Du betrittst den Aufenthaltsraum, um vor dem Essen noch dem zingarischen Trio zu lauschen, es hat sein Hackbrett zu Hause vergessen, aber das Hackbrett ist nur zu gegenwärtig, du kannst sie dir ohne diesen Hackbrett-Touch nicht vorstellen, sie entlocken ihren diversen Instrumenten immer das Hackbrett, es ist eine Musik unter der bereits vollzogenen Drohung des Hackbretts. Der Geiger zum Beispiel hat eine gewisse Art mit den ihm anvertrauten minderjährigen Saiten, er patschelt so zingarisch auf ihnen rum, wo sie rund und aus dem Schweinedarm ganz in der Nähe des Schnitzels gedreht sind, und der Aufenthaltsraum ist mit lauter ähnlichen und genau gleich alten Polstergruppen bis zum Rand oder bis zum Sims gefüllt, jede mit ihrem Stoffmuster, immer ein Sofa, das als bevetteltes Sorgemuttchen seine Frischlings-Fauteuils um sich gruppiert, gleich daneben die nächste schweizertriste Triestiner Familie.
Svevo schreibt knappmeisterlich lakonisch, anders als fast jeder andere. Fast jeder andere hätte sich gefürchtet, bei solchem Schreiben in den Verdacht linguistischer Insuffizienz zu kommen. Er arbeitet mit verknappenden, äußerst coolen Ironisierungen, die es ihm erlauben, in die bürgerlich schrecklichsten Situationen mit vorgegebenem Gleichmut sich hineinzubegeben, die angestrebte Abstoßung zur Unerträglichkeit zu steigern. Als Erstes, so ist zu vermuten, verbarg er alle relevanten Vorgänge in seiner Prosa. Er schaffte die Empfindung für das Katastrophale ab, konnte von da an dieses seriell reihen. Cosini fan tutte, things happen, is was, Doc? Don Cosini, ein unentrinnbar eingeklemmter und beklommener Svevoscher Antiheld, freit zum Beispiel seine beabsichtigte Frau, doch auf der eingeseiften Planke drehen sich die Intentionen; er landet mit ihrer schielenden Schwester im Bett und vor dem Altar.
Svevos Liebesszenen liegen bereits bei der Anprobe im Endstadium
Das muss man erst mal in Prosa inszenieren können, damit es die Leser auch glauben oder für wahrscheinlich halten. Svevos Liebes- und Zuneigungsszenen liegen bereits bei der Anprobe im Endstadium der Verbrauchtheit, und zudem rätselt jeder, wie es dahin kommen konnte. Das Ziel, einmal erreicht, ist nie das Ziel. Es alimentiert allenfalls noch die Hinarbeit darauf zu, ehe es unauffällig durch den Hintereingang verschwindet.
In Una Vita schläft ein anderer Svevoider endlich mit der Nachbarin oder Familienfreundin. Sie lernen sich ja alle nie kennen, sondern kennen sich seit Jahrzehnten, um jede Überraschung auszuschalten. Er verlässt dann ihre Wohnung und winkt ihr auf der Straße zurück, aber genau so, wie er annimmt, dass jemand anderes in einer solchen Situation winken würde. Beim Winken und bei dem, was zum Winken führte, handelt er nicht selbst, sondern hat nur das, was wohl andere täten, im Kopf. Widerstände er dem eingebauten Konformismus-Druck, käme er um, der Konformismus selber lässt ihn am Leben, und was für ein Leben. Des is die Dekadenz, und bis Triest hinunter wirkt wohl noch Wien; falls denn nicht das Wien, das wir aus dieser Zeit zu kennen glauben, von Triest her verseucht wurde. Zweifellos gab der seltsame und zur Tarnung träge Ozean vor den Kränen der Hafenanlagen Freud sein Konzept des schlammigen Unbewussten ein.
In einer einfachen Formel ist Svevos Prosa ein Beschreibungs-Unternehmen des vorhandenen oder ausbleibenden Voluntarismus. Überall dort, wo die Figuren zur Verbesserung oder Korrektur ihrer Lebensumstände Willenszeichen setzen müssten, setzen sie keine. Überall dort, wo Umgebung und Schicksal sich ruhig halten müssten, um die prekäre Perspektive auf Minimalglück nicht zu trüben, setzen sie Bewegungszeichen. Obschon die von jeder heftigen Emotion freie Satzfolge verdinglicht wird, fast eine Waren-Folge auf dem Zahlfließband eines frühen Supermarkts, arbeitet Svevo bevorzugt mit Anthropomorphisierungen. Weit über die Figuren hinaus ist absolut alles bei ihm handelnde Figur, als solche aber nicht ohne weiteres zu entdecken, weil er sich auf das Kappen von Handlung verlegt und, wenn überhaupt, nur eine gekrümmte zulässt.
Svevo hebt die differenzierende Zeit-Dauer verschiedener Ereignisse auf, uniformiert sie in ihrer Länge. Alle denkbaren Dauern sind etwa gleich, weil alles in etwa in gleich viele Beschreibungssätze verpackt wird, die Sätze allesamt von höchster Alltäglichkeit, Unauffälligkeit, ja Schatten suchend, als herrschten vierzig Grad. Svevo verleiht den Vorgängen das ganz bestimmte Lähmende, das unausgesprochen Schreckliche, das nicht nur Zelluläre im Sinn monadischer Abgeschiedenheit, sondern auch im Sinne von realer Gefängniszelle. Der sensoriell tödliche Hochsicherheitstrakt Triest verbreitet nichts als still-panisch verängstigende Existenzunsicherheit.
Die Entdifferenzierung der Zeitdauer individueller Vorkommnisse nimmt den Figuren ihr Interventionsrecht – in diesem Sinn kommen bei Svevo keinerlei Willensäußerungen vor, jeder Voluntarismus ist tot, die Figuren folgen einer zäh fließenden Zeitschleimspur, die alles überzieht wie Lebertran – die Zeitgleichförmigkeit nähert das Empfinden der Figuren wie des Lesers der paralysierten Aufmerksamkeit eines Zellenbewohners an, eines Höchststrafen-Sträflings, der seinen Kerker nur mit seinem or not to be, dem Selbstmord verlassen kann. Dem Not-to-Be-ischen leiht Svevo in einer Robert Walserschen Sinnvolte fast ausschließlich gute Laune; zumindest kann sich der Leser gegen sie nicht wehren. Ernst mag der Tod sein, das Absterben ist immer zum Lachen.
Bei Svevo ist eine solide Temporalität gesetzt, nichts in seiner Prosa ist je vom Verschwinden noch während des Erwähntwerdens bedroht, ja er möchte das wohl gern, aber er kann es in keiner Sekunde darstellen, er kann auch seinen meinetwegen soliden stabilen Figuren keinen solchen Akzent mitgeben, und damit kommt der geniale Gleichnisbauer in den Verdacht seiner Bürgerlichkeit: ein großer Künstler, der auch nur die entfernteste, mit dem Teleskop noch wahrnehmbare Qualität eines Tonio Kröger einfach nicht schafft, dem hingegen jegliche Morbidität Aschenbachs mit dem venezianischen Goldilock-Knaben bereits im abenddämmerigen Triest mit einer einfachen benachbarten Frau gelingt. Die eventuell eintretende Abstoßung durch die zeitlupenartigen Lakenreißereien wird nie anders geschildert denn als leichter Widerwille vor einem zäh verlaufenden Geschäftsgang, dessen Erfolgskurve sich nicht mehr aufrichtet.
Ich mag bizarr denken, es macht mir Vergnügen, aber es fällt auf, dass keine Svevosche Familienfigur jemals eine andere aus dem Kreis als Stellvertreter beiziehen könnte, um die versäumten und während des Lebens liegen bleibenden Erfolge doch noch zu erzielen. Die endogene Impotenz der Svevoschen Familienzirkel ist enorm. Der Schreiber kann es nicht, er kann es nur vollkommen beschreiben, sein Bruder kann es noch weniger, aber der kann es nicht einmal beschreiben.
Zum Versacken möchte ich nicht viel sagen. Mir ist wie jedermann klar, dass es ein Versacken ganz allein, per se, nicht gibt. Es muss jemand versacken, na gut, da nehmen wir mich selber, dann kann ich auch um mich blicken, und siehe da, alles versackt, nun weiß ich zu viel von Philosophie, um wirklich außerhalb meiner etwas anderes anzunehmen, auch wenn sich der Irrtum hält. Dieses Versacken ist eine alltägliche Selbstverständlichkeit und gehörte nicht erwähnt, wäre es nicht für seine außerordentliche Heftigkeit und Gründlichkeit.
Nun kann die Heftigkeit eines Versackens auch nur wiederum lehmig sein, die größte Heftigkeit wäre demnach die größte Lehmigkeit, ein Abrutschen, ein schmatzendes Sich-Öffnen im Grund, und alles fährt hinein, das Schmatzen schließt sich über ihm. Ich kann dies alles nur wissen, weil ich es unausgesetzt erlebe, bloß bleibe ich im Gegensatz zum Versackenden übrig, ich selber könnte sagen, ich versacke, und gleichzeitig muss ich Zeugnis davon ablegen. Dieses Zeugnis macht mir Sorgen, denn mit der Zeit erkenne ich ja doch, dass gerade es das Versacken einleitet. Ich kann nicht behaupten, ohne das Zeugnis wäre alles in Ordnung, aber es versackt weniger, wir kommen also zum dummen Schluss, dass die grundsätzliche Beschädigung vom Zeugnis oder vom Zeugnisablegenwollen dieser Beschädigung ausgeht. Ich bin die Tageszeitung der fortlaufenden Zerstörung durch Einsinken und bringe genau wie dieses Medium nur Dinge, die es ohne mich nicht gäbe.
Ich erinnere bei dieser Gelegenheit an die wenig beachtete, aber auffällige Anekdote, die mir, wenn auch sonst niemandem, eine Ungeheuerlichkeit schien. Es war ein schwerer Verkehrsunfall in der Rubrik »Unglücksfälle und Verbrechen« geschehen. Das Verbrechen stand noch aus, allerdings war die Suche nach dem Schuldigen noch nicht angelaufen, also war ein Verbrechen später noch möglich, wenn man sorgsam zu Gange ging. Nicht weniger als vier Personen, zwei vorn und zwei hinten, waren bei dem Unfall zermalmt worden, und um das Grauenvolle ihres Wegräumens der Mitwelt mitzugeben, waren sie nicht versackt, sondern liegen geblieben, allerdings tot, geschreddert, unkenntlich bis auf die Stockzähne. Dies alles stand bis in die Einzelheiten in der Zeitung, welche insbesondere die Unkenntlichkeit der Geschlechtsorgane beklagte und einen Airbag für die Genitalien bei Unfällen vorschlug. Mitten im Drucken des Artikels geriet ein Stahlstift so unglücklich in die Rotationspresse, dass die ganze Morgenauflage stecken blieb, am nächsten Morgen keine Zeitung. Bei der Kontrolle des Unglücksfalls, diesmal des wichtigeren, nämlich jenes der Zeitung, stellte sich heraus, dass weder der Unfall, geringere, des Autos stattgefunden noch die vier Personen zermalmt worden waren. Auch von geschredderten Gesichtern war keine Rede, sie sahen so gut aus wie immer, etwas hässlich, aber nicht abstoßend hässlich, verheert, aber nicht über das übliche Maß hinaus, versackt, aber unmerklich. Sie hatten den Unfall kommen sehen, hatten alle viere nach dem Steuer gegriffen und es nach links herumgerissen, landeten unverletzt im Graben. Rekonstruktion ergab, dass das Ausweichmanöver auf die Sekunde mit dem Stehenbleiben der Rotationspresse zusammengefallen war.
Man weiß, was ich meine. Ich stehe nackt bis aufs Verbum da
Die Zeitung hatte demnach, ähnlich wie ich, dringend von diesem Unglücksfall Zeugnis ablegen wollen, hatte ihn eigens zu dem Zweck erzeugt und hatte ihn bei ihrem Steckenbleiben im Druck gleich wieder aufgehoben. Ich bin viel sanfter als die Zeitung, aber ich bin auch viel kleiner, ich bin weniger durchgreifend im Erzeugen wie im Vernichten, aber für mich interessieren sich auch viel weniger Leute, übrigens von extremer Kultur, übrigens mit geringem Fassungsvermögen; bereits ein Unfall auf der Straße schweift ihnen zu weit ab, sie wollen ihr eigenes Versacken lesen, aber garniert, verannehmlicht, am liebsten in einer Art philosophischer Abhandlung, worin dieses Versacken allein, ohne Person und Grund auftritt.
Ich habe jetzt ein Geheimnis verraten, eine Ratio, ein Verhältnis. Sie erinnern sich an die Passage mit dem Schreddern, ein unwillkommenes Ding, das mich mitriss, aber es waren vier vollständig zerstörte Personen in der Kabine des Wagens. Sie wurden gerettet, denn jede morgens nicht erscheinende Zeitung bedeutet Auferstehung für ganze Hekatomben. Nun zur Ratio: Bei dem in letzter Sekunde abgewendeten Unfall starben vier. Bei mir versackt immer einer. Ja, es ist nun bekannt, das Verhältnis zwischen mir und einer Zeitung ist eins zu vier, genau der Inhalt eines alltäglichen Vehikels.
Du hast, ja, du hast; man weiß, was ich meine. Ich stehe nackt bis aufs Verbum da. Es aber, Unterwäsche wie alles, ist fremd, steht als ein anderes da. Sein »a« ist lang: du haast. Du hast. Heißt, du rennst wie ein gehetzter Hase.
Jürg Laederach, geboren 1945 in Basel, schreibt mit seinen zahlreichen Romanen und Prosatexten etwas, was man reine Literatur nennen könnte – im Unterschied zur angewandten, die ihr Formprinzip aus der Dramatik einer Geschichte und ihrer Personen gewinnt. Bei Laederach verdankt sich die Form eher musikalischen Prinzipien (er ist ja auch Jazzmusiker): Rhythmuswechsel, Intonationsbruch, thematische Überblendung und Verschränkung. Wer sich frei macht von dem Wunsch nach der üblichen Verständigungsprosa, wird an dieser (gekürzten) Dankrede zur Verleihung des Italo-Svevo-Preises 2005 (den ihm die Jurorin Herta Müller zugesprochen hat) seine Freude haben.
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- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
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