Dankrede Du hast. Du haast. Du HaseSeite 4/4

Ich habe jetzt ein Geheimnis verraten, eine Ratio, ein Verhältnis. Sie erinnern sich an die Passage mit dem Schreddern, ein unwillkommenes Ding, das mich mitriss, aber es waren vier vollständig zerstörte Personen in der Kabine des Wagens. Sie wurden gerettet, denn jede morgens nicht erscheinende Zeitung bedeutet Auferstehung für ganze Hekatomben. Nun zur Ratio: Bei dem in letzter Sekunde abgewendeten Unfall starben vier. Bei mir versackt immer einer. Ja, es ist nun bekannt, das Verhältnis zwischen mir und einer Zeitung ist eins zu vier, genau der Inhalt eines alltäglichen Vehikels.

Du hast, ja, du hast; man weiß, was ich meine. Ich stehe nackt bis aufs Verbum da. Es aber, Unterwäsche wie alles, ist fremd, steht als ein anderes da. Sein »a« ist lang: du haast. Du hast. Heißt, du rennst wie ein gehetzter Hase.



Jürg Laederach, geboren 1945 in Basel, schreibt mit seinen zahlreichen Romanen und Prosatexten etwas, was man reine Literatur nennen könnte – im Unterschied zur angewandten, die ihr Formprinzip aus der Dramatik einer Geschichte und ihrer Personen gewinnt. Bei Laederach verdankt sich die Form eher musikalischen Prinzipien (er ist ja auch Jazzmusiker): Rhythmuswechsel, Intonationsbruch, thematische Überblendung und Verschränkung. Wer sich frei macht von dem Wunsch nach der üblichen Verständigungsprosa, wird an dieser (gekürzten) Dankrede zur Verleihung des Italo-Svevo-Preises 2005 (den ihm die Jurorin Herta Müller zugesprochen hat) seine Freude haben.

 
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