kino Kino für Erwachsene
In Sidney Pollacks Politthriller »Die Dolmetscherin« spielen Nicole Kidman und Sean Penn ein fabelhaftes Doppelsolo
Sechs Jahre lang hat Sidney Pollack keinen eigenen Film gedreht, er spielte selbst – etwa in Stanley Kubricks oder war als Produzent tätig. nun ist ein Thriller, eine psychologisch überzeugend motivierte Liebesgeschichte – und ein ausgesprochen politischer Film in einem, kurz, es ist Kino für Erwachsene. Ein größeres Lob lässt sich heute kaum aussprechen.
Silvia Broome (Nicole Kidman) arbeitet als Übersetzerin bei den Vereinten Nationen. Sie ist in einem Land im südlichen Afrika geboren worden, das in diesem Film den Namen Matobo trägt und irgendwo bei Simbabwe liegen könnte. Ihre Eltern waren weiße Siedler, die in einem endlosen Bürgerkrieg ums Leben kamen. Das machte die Tochter zu einer politischen Idealistin; in ihren Augen können nur Politik und Diplomatie den endlosen Völkermord in Afrika aufhalten. Eines Abends wird sie unfreiwillig Zeugin einer Verschwörung: Das Staatsoberhaupt Matobos soll ermordet werden. Die im Dunkeln geflüsterten Worte der Verschwörer versetzen Silvia in Angst, sie macht ein Geräusch, und man bemerkt sie in ihrer Übersetzerkabine, ab sofort ist sie eine Verfolgte. Das Drama nimmt ausgerechnet im Saal der UN-Vollversammlung seinen Ausgang. Wenigstens hier, dachte Silvia, am East River, wären die Dinge verstehbar und eindeutig, der Frieden und die Gewaltlosigkeit möglich. Pflichtgemäß wendet sie sich an den Sicherheitsdienst der UN. Und schon rückt der amerikanische Secret Service in Gestalt des Agenten Tobin Keller (Sean Penn) an.
Nicht dass den Amerikanern irgendetwas an Afrikas Schicksal läge, aber terroristische Akte in New York schätzen sie nicht. Der Secret Service muss nun das Leben Silvia Broomes schützen und gleichzeitig dasjenige des Diktators von Matobo, eines alten Schlächters, der sich aufgemacht hat, um vor den UN eine unwillkommene und überflüssige Verteidigungsrede zu halten. Die Staatsräson der USA beginnt sich in das Leben der Dolmetscherin einzufräsen. Tobin Keller ist für Silvias Sicherheit zuständig, er ist kein smarter Geheimdienstmann, im Grunde ist er ein Straßenjunge, der die Dinge mit der Faust regelt, der klassische New Yorker Cop.
Auch eine Art der Diplomatie: Sofort den Geheimdienst vorbeischicken
Und weil diese Cops stets melancholisch sein müssen, hat Keller gerade seine Frau verloren. Das Misstrauen zwischen Schützling und Beschützer sitzt tief. Es ist beinahe, als hätte Silvia mit großer Aufmerksamkeit Sidney Pollacks Film Die drei Tage des Condors gesehen: Der Staat betrügt dich, und am Ende will er deinen Kopf. Silvia weiß genau, dass der Secret Service sie nicht wirklich schützt und dass sie bei Bedarf den veränderten Interessen geopfert würde. So verhaken US-Agent und UN-Angestellte, Mann und Frau sich in einen Machtkampf. Der spielt sich als ein fabelhaftes Doppelsolo zwischen Nicole Kidman und Sean Penn ab, und was sich daraus entwickelt, würde man nicht unbedingt eine Romanze nennen, eher eine Love-Story im dauernden Schwebezustand. Ihr Aus- und Fortgang ist für den Zuschauer ebenso spannend und ungewiss wie die Politintrige.
Es gibt heute nur sehr wenige Filme, die sich mit dem aberwitzigen Sicherheitsbedürfnis der USA auseinander setzen, ohne auf die eine oder andere Art in Propaganda zurückzufallen. Pollack weiß, dass ein politischer Unterhaltungsfilm in diesen Zeiten Gefahr läuft, wie ein bizarres Klonwesen zu wirken. Im Gespräch sagt er: »Meine Filme sind heute eher die Ausnahme als die Regel. Hollywood hat als Publikum junge Männer im Blick, die hungrig auf Action sind. Alle paar Jahre mache ich einen Film gegen den Trend – der dann trotzdem funktioniert. Vor zwanzig Jahren waren alle besessen von Zurück in die Zukunft. Ich drehte Jenseits von Afrika, langsam, weise, für reife Leute. Alle sagten, das wird ein Desaster. Was passierte? Erst sah sich das ältere Publikum den Film an, dann wurden die Jungen neugierig.«
Sein neuer Film wird schneller Interesse wecken, denn er nutzt die Stimmungslage in den USA atmosphärisch und dramaturgisch geschickt für seine Handlung. Mit wehenden Mänteln rauschen die Geheimdienstler an den Sicherheitsschleusen des UN-Gebäudes vorbei, brüllen: » Secret Service! « Ein Schwarzer hält sie auf: »Tut mir leid, aber das ist nicht Territorium der Vereinigten Staaten.« Das wüste, nicht zu kontrollierende New York, die Wildbahn der gewaltsamen Mikropolitik, steht hier gegen die Welt der diplomatischen Konfliktregelung, zwei Weltanschauungen und zwei politische Denkrichtungen prallen aufeinander. »Wenn man einen Film wie diesen macht«, sagt Pollack, »kann man gar nicht vermeiden, dass er wie ein Kommentar zur aktuellen Situation wirkt. Als ich mit ihm anfing, dachte ich, es gibt zwei Bereiche, in denen wir seit 5000 Jahren nichts dazugelernt haben: im Verhältnis zwischen Mann und Frau und in der sich daraus entwickelnden Politik. Wir lösen unsere Probleme immer noch mit Gewalt, aber der Traum der UN besteht darin, auf Gewalt zumindest in der Politik zu verzichten.«
Die Protagonisten gehören unvereinbaren Welten an. Beide tragen schwer an ihren Erinnerungen, sie werden sie nicht los, das macht sie unfrei, politisch wie erotisch. Aber die Weltlage zwingt sie plötzlich dazu, ihr Leben infrage zu stellen. Sie müssen sich, während ihr persönliches Wertesystem bröckelt, ein Stück weit auf den anderen einlassen: »In jedem meiner Filme zwinge ich den Mann und die Frau zu einer Auseinandersetzung. Der Ausgangspunkt hier ist eine Frau, die von Worten geradezu besessen ist, die tief von der Wirkung der Wörter überzeugt ist. Tobin dagegen denkt, dass Wörter nur zum Lügen gut sind, er glaubt an Instinkte.«
Als erster Regisseur durfte Pollack in den New Yorker Gebäuden der UN drehen
Pollacks Dolmetscherin ist ein hervorragend fotografierter New-York-Film. Sein Tempo ist nicht einmal besonders hoch, das steigert die Intensität, und wenn es in einem Thriller so etwas wie »dezente« Actionszenen geben kann, dann sieht man sie hier. Den Geheimdienst umgibt kein Glamour. Seine Agenten sind nur die Meute des typisch amerikanischen Verfolgungswahns, springen auf, wenn es einen Befehl gibt, aber wer gut, wer böse ist, begreifen auch sie bald nicht mehr. Die UN auf der anderen Seite lösen das Versprechen der klassisch-modernen Klarheit ihrer Architektur nicht ein. Pollack filmt sie als muffiges Labyrinth. Als erster Filmregisseur überhaupt durfte er an Originalschauplätzen drehen. Seine UN sind nicht der Ort des Guten, höchstens der Ort eines Versuchs zum Besseren.
Und so gerät der Agent Tobin mehr und mehr ins Trudeln. Möglicherweise wird Silvia gar nicht von den Verschwörern bedroht, sondern gehört ihnen an. Immerhin lebt ihr Bruder in Afrika und kämpft dort gegen Matobos Diktator. Vielleicht ist die Außenseite dieses politischen Attentats eine klug kalkulierte Täuschung.
Tobin verliebt sich, aber er traut Silvia bis zum Schluss nicht. Instinkte können trügen, und trotzdem muss er handeln. In einem solchen Moment wird das Private politisch. Augenblicke der Krise, der Entscheidung für oder gegen jemanden, für die eigene Moral oder für die gesellschaftliche Anpassung sind immer Initialzündungen in Sidney Pollacks Filmen. Er erklärt: »Das Politische zwischen Mann und Frau bildet das Rückgrat meiner Filme. Es leitet mich an, sogar im Genre der Komödie, beispielsweise in Tootsie. Da war das Rückgrat ein Mann, der ein besserer Mann wird, indem er sich in eine Frau verwandelt. Das ist mein Anfang: Hier der schlechtere Mann, dort der bessere, und dazwischen liegt der Film. Wenn ich ihn als böse zeigen kann, weiß ich, wie ich ihn in einen Besseren verwandeln kann. Das gilt nur für die Männer. Frauen sind die Stärkeren, sie sind von vornherein stabiler. Für gewöhnlich erreichen die Kerle nicht das Niveau der Frauen, ich weiß auch nicht genau, wieso. Am Ende finden sie leider nicht zueinander. So ist das eben.«
Auch in der Dolmetscherin entwickelt sich etwas, wenngleich der paranoide Staat am Schluss wieder die Oberhand behält. Der Showdown ist furios, überraschenderweise fließt jedoch kein Blut. Die Welt bleibt Kriegsschauplatz und Afrika ohne Hoffnung. Nicht einmal die Liebesgeschichte zwischen Silvia und Tobin endet glücklich. Pollack sagt: »In diesem Film gibt es keinen Sieger. Mich interessierte an den beiden, dass sie, umwölkt von Traurigkeit, eine Neigung zueinander fassen, ohne dass diese Beziehung sexuell wird oder eine Love-Story im konventionellen Sinn. Mir gefällt der Gedanke, dass sie sich irgendwann wiederfinden.« Immerhin existiert die Möglichkeit der Liebe. Sidney Pollack ist ein Elegiker. In seinen Filmen mischt er wie ein goldsuchender Alchimist des Mittelalters heftig reagierende Substanzen, hoffend, beim Knall möge ein wenig Glück entstehen.
- Datum 21.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 21.04.2005 Nr.17
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