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Als erster Regisseur durfte Pollack in den New Yorker Gebäuden der UN drehen

Pollacks Dolmetscherin ist ein hervorragend fotografierter New-York-Film. Sein Tempo ist nicht einmal besonders hoch, das steigert die Intensität, und wenn es in einem Thriller so etwas wie »dezente« Actionszenen geben kann, dann sieht man sie hier. Den Geheimdienst umgibt kein Glamour. Seine Agenten sind nur die Meute des typisch amerikanischen Verfolgungswahns, springen auf, wenn es einen Befehl gibt, aber wer gut, wer böse ist, begreifen auch sie bald nicht mehr. Die UN auf der anderen Seite lösen das Versprechen der klassisch-modernen Klarheit ihrer Architektur nicht ein. Pollack filmt sie als muffiges Labyrinth. Als erster Filmregisseur überhaupt durfte er an Originalschauplätzen drehen. Seine UN sind nicht der Ort des Guten, höchstens der Ort eines Versuchs zum Besseren.

Und so gerät der Agent Tobin mehr und mehr ins Trudeln. Möglicherweise wird Silvia gar nicht von den Verschwörern bedroht, sondern gehört ihnen an. Immerhin lebt ihr Bruder in Afrika und kämpft dort gegen Matobos Diktator. Vielleicht ist die Außenseite dieses politischen Attentats eine klug kalkulierte Täuschung.

Tobin verliebt sich, aber er traut Silvia bis zum Schluss nicht. Instinkte können trügen, und trotzdem muss er handeln. In einem solchen Moment wird das Private politisch. Augenblicke der Krise, der Entscheidung für oder gegen jemanden, für die eigene Moral oder für die gesellschaftliche Anpassung sind immer Initialzündungen in Sidney Pollacks Filmen. Er erklärt: »Das Politische zwischen Mann und Frau bildet das Rückgrat meiner Filme. Es leitet mich an, sogar im Genre der Komödie, beispielsweise in Tootsie. Da war das Rückgrat ein Mann, der ein besserer Mann wird, indem er sich in eine Frau verwandelt. Das ist mein Anfang: Hier der schlechtere Mann, dort der bessere, und dazwischen liegt der Film. Wenn ich ihn als böse zeigen kann, weiß ich, wie ich ihn in einen Besseren verwandeln kann. Das gilt nur für die Männer. Frauen sind die Stärkeren, sie sind von vornherein stabiler. Für gewöhnlich erreichen die Kerle nicht das Niveau der Frauen, ich weiß auch nicht genau, wieso. Am Ende finden sie leider nicht zueinander. So ist das eben.«

Auch in der Dolmetscherin entwickelt sich etwas, wenngleich der paranoide Staat am Schluss wieder die Oberhand behält. Der Showdown ist furios, überraschenderweise fließt jedoch kein Blut. Die Welt bleibt Kriegsschauplatz und Afrika ohne Hoffnung. Nicht einmal die Liebesgeschichte zwischen Silvia und Tobin endet glücklich. Pollack sagt: »In diesem Film gibt es keinen Sieger. Mich interessierte an den beiden, dass sie, umwölkt von Traurigkeit, eine Neigung zueinander fassen, ohne dass diese Beziehung sexuell wird oder eine Love-Story im konventionellen Sinn. Mir gefällt der Gedanke, dass sie sich irgendwann wiederfinden.« Immerhin existiert die Möglichkeit der Liebe. Sidney Pollack ist ein Elegiker. In seinen Filmen mischt er wie ein goldsuchender Alchimist des Mittelalters heftig reagierende Substanzen, hoffend, beim Knall möge ein wenig Glück entstehen.

 
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