INTERVIEW Der Kanzler und die lieben Zwerge

Wolfgang Nowak, ehemals Spitzenbeamter im Kanzleramt, über die Hackordnung im Zentrum der Macht, die Maske des Joschka Fischer und die Abgründe einer Welt, die die Fernsehserie »Das Kanzleramt« an Kälte weit übertrifft

DIE ZEIT: Herr Nowak, was ist Macht?

Wolfgang Nowak: Ich habe mal jemanden aus dem französischen Widerstand getroffen, der schilderte, wie er als junger Mann eine Bombe trug, um ein Attentat auf einen Potentaten des Vichy-Regimes zu verüben. Er sagte: »Sie können sich gar nicht vorstellen, welche unheimliche Macht ich empfunden habe, als ich mit der Bombe durch die Straßen ging. Keiner wusste es, aber ich wusste: Ich bin Herr über Leben und Tod.« Jeden Augenblick alles, was um einen herum ist, verändern zu können, dieses Gefühl des Grenzenlosen, das ist wirkliche, wenn auch perverse Macht – in diesem Fall eine Macht, die für den Betrachter unsichtbar ist. In dem Augenblick, in dem er sie erlebt, ist er tot.

Anzeige

ZEIT: Sie beschreiben eine geheime Macht. Meistens aber ist die Macht auf das Gegenteil aus, sie will sich zeigen.

Nowak: Man geht zum Beispiel beim Chef des Bundeskanzleramts durch eine ganze Flucht von Zimmern, die sagen: Du trittst ein in das Reich des Mächtigen. Wenn man in das Vorzimmer kommt, sitzen da ausgewählte Sekretärinnen, Referenten flüstern, und alles führt zu der einen Tür, hinter der der eine sitzt. Wenn Sie in sein Zimmer kommen, wissen Sie sofort, wie die Macht zu Ihnen steht: Steht Kaffee auf dem Tisch, ist die Macht Ihnen gnädig gestimmt. Werden Sie entlassen, gibt es nicht mal Wasser. So wird der Eindruck von Macht erzeugt, Macht ist ja auch ein Schein.

ZEIT: So sehr, dass die Mächtigen manchmal selbst nicht mehr zwischen Scheinwelt und Wirklichkeit unterscheiden können?

Nowak: Natürlich, jeder Mächtige verliert irgendwann den Kontakt zur Realität. Die Realität setzt sich aus persönlichen Referenten und Abteilungsleitern zusammen und aus gelegentlichen Auftritten, wo einem alle zujubeln. Deswegen wäre es klug, Spitzenämter auch in Deutschland auf zwei Legislaturperioden zu beschränken. Dann hätten wir mehr gesunde Politiker. Ob jemand einen Machtkoller hat oder nicht, kann man übrigens sehen, indem man sich seine Mitarbeiter anguckt. Die Mitarbeiter, die jemand sich auswählt, entstellen ihn zur Kenntlichkeit. Schwache Chefs multiplizieren sich selbst, sie fördern das Unwesen von schwachen, intriganten Subchefs, die umso erfolgreicher sind, je besser sie die Neurosen ihrer Chefs widerspiegeln, buckelnde Zwerge, deren Ziel es ist, alles vom Chef zu wissen. Teilweise ist das verständlich: Wenn man Chef ist, kommen ständig Leute, die über Probleme berichten. Da wird man süchtig nach einem guten Wort.

ZEIT: Und sucht sich seine Zwerge?

Service