theater Wer hat Angst vor Horst Köhler? Wir nicht!

Bundespräsident Köhler hat am Berliner Ensemble in einer Feierstunde zum 200. Todestag von Friedrich Schiller gefordert, klassische Stücke ungekürzt und werktreu zu spielen. Zwei Theaterleute widersprechen ihm - Carl Hegemann, Chefdramaturg der Berliner Volksbühne, und Christoph Schlingensief, freier Regisseur in Berlin, Bayreuth und anderswo

Kernreaktionäre aller Bühnen, schaltet euch ab!

Die Geschichte allen bisherigen Theaters ist die Geschichte von Missverständnissen. Daran zumindest hat sich seit Lebzeiten Schillers, des dichtenden Nationalhelden, nichts geändert. Was Bundespräsident Horst Köhler am vergangenen Sonntag zum Schlechten bot, hat den scheintoten Zustand der (Theater-)Kultur und der (Kultur-)Politik einmal mehr ganz klassisch unter Beweis gestellt. Dass sich Köhler gut eine Woche zuvor nicht in die lange Schlange derer einreihte, die Harald Juhnke als größten Staatsschauspieler seit Gerhard Schröder heilig sprachen, hätte den Deutschlanddarsteller fast ehren können. Der medial zu Grabe getragenen Anteilnahme entzog er sich jedoch nur deshalb, weil er zur Eröffnung des Deutschlandjahres in Japan weilte, Modenschauen eröffnete, Teezeremonien bestaunte und im Tokyoter Nationalmuseum eine Ausstellung mit Schätzen der Berliner Museumsinsel eröffnete. Genau auf diese Insel will Köhler nun auch das Theater verbannen.

Vermutlich noch vom Jetlag gezeichnet, hielt er Morgenandacht in der Kapelle der Berliner Theatertouristen und gewährte den in diesem Jahr wie Unkraut aus dem Boden schießenden Schiller-Groupies tiefe Einsichten in sein Kulturverständnis, wonach Theater unter dem abgewetzten Brandzeichen »Moralische Anstalt« musealer Charakter zukommt. Der Bundespräsident wäre zu unser aller Gunsten an diesem Morgen lieber im Bett geblieben, schließlich, so George Bernard Shaw, »ist auch Schlafen eine Form der Kritik, vor allem im Theater«. So aber bot er einer gewohnt devoten Zuhörerschaft den Blick in einen Abgrund, an glatt geschmirgelten Kreidefelsen entlang. Dass er nach nicht einmal einem Jahr Amtszeit schon zum Leichenschänder werden und sich am Theater vergehen muss, zeigt deutlich, wie es um Deutschland steht.

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Der Bundespräsident (oder sein Redenschreiber) leidet an Selbstüberschätzung – und weil er diese mit dem überwiegenden Teil der Theaterschaffenden gemein hat, hat er allen Grund, sich nach jüngsten Kanzelreden zu Arbeitsmarkt und Turbokapitalismus jetzt ebenso inhaltsleer zum Theater zu äußern. Seine Auf- oder Abbruchparolen wirken schon seit geraumer Zeit ähnlich umständlich einstudiert wie eine Rezitation der Bürgschaft. Auch dass seine Aussagen außerhalb des Theaters niemanden interessieren, geschweige denn Schwung in die nicht nur finanziell maroden Läden bringen, ist ein gerechtes Schicksal, das er mit jenen Kantinenleichen des deutschen Theaters teilt, die von sich selbst meinen, das Theater zu retten, indem sie diesem (und damit sich selbst) »Bildungsaufträge« zuschustern.

Wer hat Angst vor Horst Köhler? Natürlich lynchen wir, die Theaterangestellten und -kritiker aller Bühnen, ab sofort seine Moralpredigt. Angesichts ihrer Naivität hat sie es einerseits verdient. Andererseits genießen wir das Gefühl, dass da draußen noch jemand herumirrt, der Theater für relevant hält. Gleichzeitig können wir uns so herrlich fadenscheinig, wie Theater nun einmal auch hinter den Kulissen ist, vorgaukeln, dass man mit uns tatsächlich noch rechnet.

Diese theatrale Weltanschauung legt den Kardinalsfehler frei. Es ist das ewige Besserwissen, das Theater für viele an den Bühnenrand der Unerträglichkeit gezerrt hat, dieses ekelhaft altkluge »Wir hier oben erklären euch da unten mal kurz die Lage«. Wüsste man es nicht besser, könnte man beinahe glauben, Regisseure und Schauspieler seien humane Idealisten und ideale Menschenkenner, die vor lauter Gerechtigkeitssinn, Friedens- und Freiheitsdrang zur Publikumsbelehrung läuten; Nachhilfeunterricht für Köhlers Volksverdummte, die den Schiller in der Schule noch immer nicht gerafft haben. Dabei sind viele Regisseure und Schauspieler selbst das Geschwür im Theaterorganismus, dozierendes Leergut, das mit den Idealen, die es vor sich herträgt, rein gar nichts zu tun hat.

»Vielleicht«, so Köhler, könne eine neu geschaffene Kulturnation »uns aus einer selbstvergessenen Verschlafenheit aufwecken«, will sagen: Köhler können wir vergessen, und das Theater kann weiterschlafen. Ein achtbares Friedensangebot. Vielleicht aber hat Köhler damit im Sinne aller Vielflieger und Japantouristen statt müder Matineen auch nur ausschweifende Schiller-Soireen angemahnt! Diesem bewusstseinserweiternden Stürmer und Dränger ist alles zuzutrauen.

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