1. Mai

Eier gegen Müntefering

Der SPD-Vorsitzende erntete bei der Kundgebung in Duisburg schwere Proteststürme. Seinen Parteikollegen ging es bei den traditionellen Veranstaltungen zum 1. Mai nicht viel besser. Applaudiert wurde meist nur den Gewerkschaftern, die die Reformpolitik Schröders kritisieren

Seine Kapitalismus-Schelte nützte ihm diesmal wenig. Mit lauten Buh-Rufen und einem schrillen Pfeifkonzert wurde Franz Müntefering am Sonntag von rund tausend aufgebrachten Arbeitern, Arbeitslosen und Gewerkschaftern in Duisburg empfangen. Unter dem Glasdach der Gießerei im Landschaftspark-Nord brodelte es, als der SPD-Vorsitzende zur Maikundgebung des DGB-Niederrhein hinter das Mikrofon und vor ein Meer aus Protestplakaten trat.

Vereinzelter Beifall und »Münte, Münte«-Rufe wurden immer wieder von Trillerpfeifen und »Lügner, Hau ab«-Sprechchören übertönt. Auf Transparenten forderten Teilnehmer »Mehr Arbeitsplätze für Jugendliche« und Solidarität unter den Beschäftigten: »Duisburger reiht Euch ein, jeder kann der nächste sein.«

Drei Polizisten mussten das Rednerpult mit Schutzschildern abschirmen. Einige Eier flogen aus dem hinteren Teil der Menge Richtung Bühne und zerplatzten auf dem Plexiglas. Verschwitzt und erschöpft gab sich Müntefering nach seiner halbstündigen Rede kämpferisch. »Es sind schwierige Zeiten, aber ich gehe nicht an die Seite.« Von Duisburg aus fuhr Müntefering nach Bonn, wo er am Abend bei einer Rede von einer Kirchenkanzel aus auf einen freundlicheren Empfang hoffte.

Ein schweren Stand hatte auch Peer Steinbrück in Gelsenkirchen. »Märchenonkel, Märchenonkel« und »Lügner« schallte es dem NRW- Ministerpräsidenten drei Wochen vor der Landtagswahl entgegen. Der SPD-Regierungschef versuchte das gellende Pfeifkonzert soweit wie möglich zu ignorieren. Er nahm Unternehmen in die Pflicht, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Beim Publikum gab es hitzige Diskussionen. Vor allem die Jüngeren protestierten lautstark, während die Älteren lieber zuhören wollten. »Pfeifen kanst du, aber hast du auch schon einmal gearbeitet?«, fuhren sie wütend die Störer an.

Leichter hatte es dagegen Michael Sommer. Der Gewerkschaftschef fuhr bereits am frühen Morgen geruhsam mit dem Schiff von Heidelberg nach Mannheim zur zentralen DGB-Kundgebung. »So schön bin ich noch nie zum 1. Mai gefahren«, sagte er nach dem Ablegen der »Heidelberg«. »Der 1. Mai ist nicht nur ein Kampftag, sondern auch ein Feiertag für uns.« Begleitet wurde er von rund 600 Menschen und einem zweiten Schiff, der »Schloss Heidelberg«.

Der Grünen-Bundesvorsitzende Reinhard Bütikofer und Baden- Württembergs SPD-Chefin Ute Vogt, die mit Sommer auf der rund zweistündigen Bootstour auf dem Neckar fuhren, nutzten die Zeit wie der DGB-Chef zum ausgiebigen Sonnenbad. Beide Schiffe waren mit Gewerkschaftsfahnen beflaggt, unter Deck gab es Musik und Comedy- Auftritte.

An Land marschierte der Zug dann mit dem DGB-Chef an der Spitze zur Kundgebung auf dem Mannheimer Marktplatz, wo sich rund 7000 Teilnehmer versammelt hatten. Auf Transparenten standen Parolen wie: »Gegen Arbeitsplatzabbau« oder »Kanzler - Vertrauen verspielt, unglaubwürdig, perspektivlos«.

Gerhard Schröder vernahm solche Botschaften nur über den Fernsehschirm. Er hatte nach den massiven Protesten der Gewerkschaften gegen seine Reformpolitik wie im Vorjahr auf einen Auftritt bei einer Mai-Kundgebung von sich aus verzichtet. Der Kanzler blieb lieber zu Hause in Hannover und verbrachte einen der seltenen Sonntage gemeinsam mit der Familie.

Krawalle, die ebenfalls schon Tradition haben, gab es an diesem 1. Mai kaum. In Berlin, sagte die Polizei nach dem Wochenende, verliefen sie so friedlich wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. Dennoch kam es zu 193 Festnahmen, 52 Polizisten wurden verletzt. Gegen 22 Randalierer wurden Haftbefehle erlassen, weitere sollen folgen.

Krawalle bei Neonazi-Kundgebungen überschatteten den 1. Mai-Feiertag in Leipzig und Worms. In Leipzig erlitten bei gewalttätigen Ausschreitungen 76 Menschen Verletzungen, darunter 66 Polizisten. Mehr als 100 Randalierer wurden vorläufig festgenommen. In Worms wurden bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und linken Gegendemonstranten zehn Beamte verletzt, einer von ihnen schwer.

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  • Quelle (c) dpa, 1. 5. 2005
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