debatte Stramme junge Männer in braunen Uniformen
Götz Alys Thesen führen in die Irre. Nicht deutsche »Hirnlosigkeit«, sondern Amerikas Aufstieg machte die »Volksgenossen« für Hitler anfällig
Götz Alys Buch »Hitlers Volksstaat« (S. Fischer Verlag) hat einen heftigen Streit ausgelöst (ZEIT Nr. 11/05 und Nr. 15/05). Der Historiker behauptet, dass vor allem die kleinen Leute Nutznießer der NS-Herrschaft waren. Mit sozialpolitischen Wohltaten habe sich das Regime die Gefolgschaft der Bevölkerung erkauft – finanziert vor allem durch die Enteignung der Juden und die Ausplünderung überfallener Länder. Der in Cambridge lehrende Wirtschaftshistoriker Adam Tooze widerspricht Alys These von der Gefälligkeitsdiktatur.
In der Debatte um Götz Alys Buch geht es um die Fundamentalfrage: Was hielt das »Dritte Reich« zusammen? Alys Antwort kommt pointiert im letzten Satz des Buches zum Ausdruck: »Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen.« Nicht die NS-Ideologie, auch nicht der Terror spielten eine ausschlaggebende Rolle, sondern materielle Vorteile, die mit dem Vermögen der Juden und später auch mit dem Reichtum der durch Deutschland besetzten Länder erkauft wurden.
Alys Schlusssatz aber deutet gleichzeitig auf einen weiteren Problemkreis. Bei Max Horkheimer hieß es ursprünglich: »Wer vom Kapitalismus nicht reden will, der sollte vom Faschismus schweigen.« Aly ersetzt den »Kapitalismus« mit den »einfachen Deutschen«. Er richtet den Blick auf die kleinen Leute, deren aktives Mittun für den Zusammenhalt des Regimes offensichtlich unersetzbar war.
Dieser Blick von unten ist nicht originell. Die Forschung geht seit Jahren in diese Richtung. Alys Erklärung ist in mehrfacher Hinsicht problematisch, und seine Versuche, seine Thesen zu verteidigen, vertiefen eher die Skepsis. Meine Kritik setzt vor allem an zwei Punkten an. Erstens ist die Interpretation des Verhaltens der »einfachen Deutschen« unplausibel; zweitens hat Aly die tatsächliche Ressourcenverteilung im Nationalsozialismus gründlich missverstanden.
Wie Hans-Ulrich Wehler in seiner Kritik im Spiegel (Nr. 14/05) klargestellt hat, ist das Verhaltensmuster, das Aly der deutschen Bevölkerung unterstellt, von einer großen Simplizität. Statt auf diese Kritik einzugehen, verschärft Aly seine These in seiner Antwort in der ZEIT (Nr. 15/05) . Der »Archetyp des deutschen Volksgenossen im 20. Jahrhundert« sei eine abscheuliche Figur: »Kaum Rumpf, kaum Hirn«, zugänglich für jede Beglückungsideologie, restlos bestechlich und konsequent verantwortungslos. So charakterisiert Aly den Hauptakteur seines Buches.
Aly versucht nicht einmal, eine flüchtige historische Kontextualisierung seiner Behauptungen vorzunehmen. Die Deutschen waren für ihn eben gefährliche kleine Materialisten, und wenn man seine Rede vom Archetyp ernst nimmt, dann sind sie es wohl heute noch.
Die Forschung scheut sich üblicherweise, über überzeitliche »Archetypen« zu diskutieren. Aber gehen wir mit Aly einen Schritt mit. Nehmen wir an, die damaligen Zeitgenossen wären tatsächlich von einer rastlosen Unzufriedenheit erfüllt gewesen, die sie anfällig machte für sozialpolitische Bestechungsversuche. Wenn das stimmt, dann sollten wir aber nicht bei der Moralkritik stehen bleiben, sondern nach dem Ursprung dieser Mentalität fragen.
Wir können dabei sogar an Hitler anknüpfen, der sich in seinem Zweiten Buch von 1928 über die unbefriedigten sozialen Wünsche der Bevölkerung so ausgelassen hatte: »Der heutige Europäer träumt von einem Lebensstandard, den er ebenso sehr aus den Möglichkeiten Europas wie den tatsächlichen Verhältnissen Amerikas ableitet. Die internationalen Beziehungen der Völker sind durch die moderne Technik … so leicht und innig geworden, daß der Europäer, als Maßstab für sein eigenes Leben, ohne sich dessen oft bewußt zu werden, die Verhältnisse des amerikanischen Lebens anlegt, dabei aber vergißt, daß das Verhältnis der Volkszahl zur Grundfläche des amerikanischen Kontinents ein unendlich günstigeres ist…«
Nicht eine den Deutschen eigentümliche »Hirnlosigkeit«, sondern der Aufstieg Amerikas und die zunehmende Globalisierung erklären die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, welche die »Volksgenossen« für Hitlers Heilslehre so anfällig machte. Womit wir – über einen doch recht kurzen Umweg – wieder beim Kapitalismus wären. Was Hitler schrieb, war eine weit verbreitete Auffassung in der Zwischenkriegszeit. Der plötzliche Aufstieg des amerikanischen Kapitalismus untergrub die alte Ordnung nicht nur von außen, in machtpolitischer Hinsicht, sondern auch von innen, durch die Destabilisierung der alltäglichen Lebenserwartungen.
Wie antwortete der Nationalsozialismus auf diese Herausforderung? Mit einer »Gefälligkeitsdiktatur«, die nur die »reichen Volksgenossen«, die Juden und das Ausland zur Kasse bat? Nein, er antwortete mit einer volkswirtschaftlichen Mobilisierung sondergleichen. Trotz erdrückender außenwirtschaftlicher Probleme schaffte es Hitlers Regime zwischen 1933 und 1939, den Anteil der Rüstung am deutschen Volkseinkommen von weniger als einem Prozent auf mehr als 20 Prozent zu heben. In der Geschichte nichtstalinistischer Volkswirtschaften war das eine einzigartige Leistung. Und dieser Mobilisierungsvorteil des »Dritten Reiches« wurde gegenüber allen westlichen Ländern bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges behauptet.
Das »Dritte Reich« war eine Mobilisierungsdiktatur
Die Anstrengung ging, ganz unabhängig vom Modus der Finanzierung, direkt auf Kosten der deutschen Wirtschaft, und zwar in Gestalt von verringertem Konsum und vernachlässigten zivilen Investitionen. Bis 1938 war der unmittelbare Außenbeitrag unbedeutend, wenn man vom internationalen Schuldenmoratorium absieht, das Aly nicht einmal erwähnt. Als sich durch den »Anschluss« Österreichs und die anschließenden Eroberungen neue Möglichkeiten ergaben, wurden sie, so gut es ging, ausgenutzt. Aber Alys Behauptung, dass der größte Teil der Kriegskosten durch die Ausplünderung der besetzten Länder, der Juden und der Zwangsarbeiter finanziert wurde, ist eine Übertreibung.
Das »Dritte Reich« behauptete sich gegen seine Gegner nicht als Gefälligkeitsregime, sondern als Mobilisierungsdiktatur. Das aber steigert nur den Erklärungsbedarf. Wie konnte eine so fordernde Diktatur so populär sein? Aly weicht der Frage aus. Er spielt die Ansprüche des Regimes herunter.
Unbestritten ist, dass die NS-Diktatur in ihren Forderungen an die deutsche Bevölkerung geschickter vorging als das Kaiserreich. Aber die Steuergeschenke und die verschiedenen sozialen Wohltaten zählten wenig gegenüber den Ansprüchen der Rüstungsmaschinerie. Der Staat gab weniger zurück, als er nahm. Die Aussicht auf künftige Beute aus dem Ausland trug sicherlich dazu bei, die Stimmung zu heben.
Aly unterschätzt aber die Popularität Hitlers, vor allem aber unterschätzt er die Popularität der Rüstung. Die Wehrmacht war für das NS-Regime nicht nur ein äußeres Machtmittel, sie war auch eine der größten »Errungenschaften« des Nationalsozialismus – ungeheuer teuer und zugleich auch außerordentlich beliebt, und, wie der Krieg zeigte, von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen. Die Aufrüstung warf natürlich materielle Vorteile ab, für Kapitalisten wie auch für »einfache Deutsche«. Gleichzeitig befriedigte die Aufrüstung ideologische Bedürfnisse; ein wieder erwachter Militarismus war die eigentliche Antwort des Nationalsozialismus auf die Herausforderung des amerikanischen way of life.
Gegenüber der kollektiven Freude an der real existierenden Luftwaffe und den strammen jungen Männern in ihren braunen Uniformen verblasste die Enttäuschung über anhaltende Wohnungsnot und eingeschränkten Konsum. Mit dem Aufbau einer starken Wehrmacht und der Revision des Versailler Vertrags war für viele die Welt wieder in Ordnung. Nichts war für Hitlers Legitimation wichtiger als die außenpolitischen Erfolge der dreißiger Jahre, die mit den Siegen in Polen und Frankreich ihren Abschluss fanden.
Auch die Ausdauer des Regimes nach 1942 erklärt sich vor allem aus dem verzweifelten Zusammenhalt zwischen der kämpfenden Front und der Heimat – und nicht, wie Aly meint, aus den sozialpolitischen Wohltaten. Der gesamtgesellschaftliche Militarismus, ein hoch komplexes Geflecht aus Emotionen, Ideologemen und materieller Umverteilung, bildete den wirklich tragenden Pfeiler von Hitlers Regime. Mit Alys irreführender Formel der »Gefälligkeitsdiktatur« lässt sich dieser Zusammenhang auch nicht annähernd erfassen.
- Datum 28.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.04.2005 Nr.18
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