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»Harte Schule« – das ZDF schickt Schüler und Lehrer auf Zeitreise zurück in die fünfziger Jahre

Bevor es losging, packte sie noch ein paar Sachen ein, die sie eigentlich nicht mitnehmen durfte: Deo, Zahnpasta, Schminke. Kera Rachel Cook ist 16 Jahre alt, besucht das Lise-Meitner-Gymnasium in Böblingen. Im Sommer 2004 geht sie auf Zeitreise, zurück in die Fünfziger, wird ein Schulmädchen aus dem Jahr 1954. Einen Monat soll sie für den ZDF-Vierteiler so leben und lernen wie vor 50 Jahren. Auf Burg Hohenfels am Bodensee, dort wo sonst die Unterstufe des Elite-Internats Schloss Salem unterrichtet wird. 24 Schüler und sechs Lehrer hat das ZDF für die öffentlich-rechtliche Zeitreise ausgewählt. Während der Dreharbeiten im Sommer 2004 sind sie vier Wochen lang abgeschottet von der Gegenwart, kein Handy, kein Fernsehen, kein Besuch. Kera wird mit drei anderen Mädchen in einem Zimmer schlafen, eine Schuluniform tragen, die Haare zu Zöpfen flechten, aufstehen, wenn der Lehrer das Klassenzimmer betritt, aufstehen, wenn sie ihm antwortet, den Taschenrechner mit dem Rechenschieber vertauschen, abends um zehn Uhr das Licht löschen.

Beim Casting setzte sich Kera gegenüber knapp 500 Bewerbern durch. Auch Maximilian Mersch ist dabei, er ist 17 Jahre alt, geht auf die Waldorfschule in Backnang. Alle Schüler haben die 10. Klasse erfolgreich abgeschlossen, sie kennen sich untereinander nicht, es sind gute Schüler und schlechte dabei, »damit die Mischung stimmt«, sagen die Fernsehleute. Kera und Maximilian müssen in eine Kamera sprechen, einen Fragebogen zu Hobbys und Interessen ausfüllen und erklären, warum sie mitmachen wollen. Sie möchten wissen, wie die Oma zur Schule ging. Wer sagt, weil er ins Fernsehen will, bleibt draußen. Alle sechs Lehrer waren in den Fünfzigern Schüler. Sie unterrichten nach Lehrplänen von 1954 Latein, Deutsch, Mathematik, Erdkunde, Sport, Musik und Kunst, Biologie und Gartenbau. Und sie sollen den Schülern Disziplin, Ordnung, Höflichkeit und Pünktlichkeit beibringen und die Klasse auf einen Abschlusstest vorbereiten.

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Kera leitet eine Theatergruppe und geht gern shoppen, Klamotten seien ihr heilig, sagt sie, an Wochenenden gehe sie lange aus, in Diskotheken, manchmal, bis sie schließen, sie tanze gerne, zu Black Music, zu Techno, trinkt Wodka. Vier Wochen ohne Internet, ohne MP3-Player, ohne Alkohol und Zigaretten, ohne Disko. Wie würde das werden? Es sei auf jeden Fall »krasser« geworden, als sie es sich vorgestellt habe, sagt Kera hinterher. Einen persönlichen Gegenstand darf jeder mitnehmen, Kera entscheidet sich für ihr Kissen, die Schminksachen versteckt sie im Blumenkasten. Auch Maximilian schmuggelt ein paar Dinge: Zigaretten und Feuerzeug versteckt er auf den Klos, hinter der Spüle, da sind keine Kameras.

Welche Vorstellung hatte Kera von den Fünfzigern? Keine konkrete, sagt sie. Dass die eigentlich gar nicht so weit weg sind, aber doch vieles ganz anders war. Auch Maximilian wusste nicht viel mehr, »nur dass die Schule strenger war«.

1954, das Wunder von Bern, Deutschland wird Fußballweltmeister, in Berlin tagt die Viermächtekonferenz, Bubi Scholz boxt sich zum Sieg. Fernsehen ist Luxus, ein Tischgerät von Grundig kostet 1000 Mark. Ein Angestellter im öffentlichen Dienst verdient im Monat 938 Mark. Im Klassenzimmer drohen noch Tatzen und Rohrstock, die Gerichte gestehen Lehrern ein Gewohnheitsrecht auf körperliche Züchtigung zu. Erst Ende der sechziger Jahre verbieten die Länder Körperstrafen (siehe Interview S. 82).

Vor dem Rohrstock müssen sich Kera und Max nicht fürchten, ganz so weit will man es mit der Authentizität dann doch nicht treiben. Trotzdem, der Strafenkatalog auf Burg Hohenfels ist dick: Hof fegen, Schuhe putzen, Kartoffeln schälen, Texte abschreiben, Strafrunden um den Sportplatz laufen.

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