Eigentlich müsste die Sache ziemlich klar sein. Die Kinder dieser Familie sind Opfer. Sie wuchsen auf in der berüchtigten Colonia Dignidad des deutschen Sektenführers Paul Schäfer in Chile, an einem Ort, wo gequält, gefoltert und sexuell missbraucht wurde. Doch wenn sie erzählen, hört man keine Klagen. Man hat das Gefühl, sie produzierten Nebel. Als könnten sie nur noch den Nebel ertragen. Jörg Schnellenkamp, 33, zum Beispiel, eines von sieben Geschwistern, hat die blauen Augen seiner Mutter, Locken, ein freundliches Gesicht. Er wählt seine Worte vorsichtig, als wäge er bereits die Reaktionen ab. "Ich habe damals nicht viel mit mir machen lassen", sagt der Student.

Hineingeboren in die berüchtigte Deutschensiedlung Colonia Dignidad, in eine Welt, über die jahrzehntelang nur spekuliert werden konnte: Was geschieht hinter diesen Mauern? Es ist heute erwiesen, dass dort oppositionelle Chilenen gefoltert wurden, Schäfer hatte beste Kontakte zu General Pinochet und dessen Regime. Jahrzehntelang verhinderte die Justiz jegliche Strafverfolgung, erst Mitte der neunziger Jahre begannen die Ermittlungen gegen den Sektenführer, der rasch untertauchte. Vor wenigen Wochen endete sein Versteckspiel, er wurde verhaftet. Die deutsche Justiz hat einen Auslieferungsantrag gestellt.

Besuch bei der Familie Schnellenkamp. Sie wohnt bis heute auf dem Gelände vier Autostunden südlich von Santiago de Chile gelegen. Vater Kurt, ehemaliger Vizepräsident der Colonia Dignidad, sagt: "So eine Jugend, wie meine Kinder sie hatten, hätte ich auch gerne gehabt." Er sitzt neben seiner Frau Elisabeth im Speisesaal der Villa Baviera. Das Mobiliar ist aus den sechziger Jahren, auf den Tischen stehen Plastikblumen, im Hintergrund singt Heintje. Schnellenkamp, 78, hat hellblaue Augen, grau meliertes Haar, eine kräftige Statur. Er will Stärke ausstrahlen, das wird schnell klar. Seine Frau wirkt dünn, zurückhaltend, auf den ersten Eindruck könnte man sie für warmherzig halten.

Das Paar redet am liebsten über die Anfangsjahre in der Colonia. Wie sie 1961 mit großen Hoffnungen dem ehemaligen Wehrmachtssoldaten Paul Schäfer nach Chile folgen, um "armen verwahrlosten Waisenkindern zu helfen". Beide suchten nach einem übergeordneten Sinn im Leben. Laienprediger Schäfer stellte Gott und Nächstenliebe über alle persönlichen Wünsche, Gemeinschaft über Familie. So wollten es auch die beiden.

Während Elisabeth Schnellenkamp damals half, das riesige Grundstück urbar zu machen, war Kurt Schnellenkamp eine Art Handelsvertreter und Organisationstalent der Colonia. Er besorgte eine Erbsendreschmaschine und baute die Steinbrecheranlage mit auf. Von solchen Sachen erzählt er heute gerne. Eher nebenbei heirateten Kurt und Elisabeth Schnellenkamp 1968. Auf ihrem Hochzeitsfoto lächeln beide glücklich in die Kamera. Ein Jahr später bekamen sie die Zwillinge Thomas und Maria. Es folgte fast jährlich ein weiteres Kind.

Die Schnellenkamp-Kinder wohnten, getrennt von den Eltern, im so genannten Kinderhaus, sie standen unter der Obhut von Kinderfrauen. "Wir konnten sie ja jederzeit besuchen", sagt Elisabeth Schnellenkamp. Sie kann nichts Schlechtes daran finden. Ein Familienleben war verpönt, die Erwachsenen sollten alle Kinder gleich behandeln. Die Erziehung lag vollkommen in anderen Händen. Die Mutter sagt: "Es ist ulkig, was jetzt daraus gemacht wird. Jedes Kind wusste doch, wer seine Eltern sind."

Erst später begriff Anna, dass Renate ihre Schwester war

Sie wussten es, doch zu spüren war es kaum. "Von meinen Eltern hatte ich so gut wie gar nichts", sagt Tochter Anna Schnellenkamp, heute 28. Für die Kinder war tio, "Onkel", Schäfer der Ansprechpartner. Anna ist zurückhaltend, zuvorkommend, verschüchtert. Ihre Kindheitserinnerungen drehen sich um strenge Tanten, Feldarbeit, Musikunterricht. "Als ich krank war, da kamen mich die Eltern besuchen", sagt sie. An viel mehr intime Situationen mit "Tante Elisabeth" und "Onkel Kurt" erinnert sie sich nicht. Als Anna etwa elf war, fragte sie eine Kinderfrau: "Willst du auch mal so groß werden wie Renate?" Langsam begriff sie, dass Renate ihre Schwester ist. "Ich fühlte mich zu den Schwestern hingezogen, aber ein besonderes Verhältnis konnten wir gar nicht aufbauen", sagt die dunkelhaarige, groß gewachsene Anna.