Wer alles über den Totalitarismus wissen will, kann alles von Adorno, Arendt und Kogon lesen. Oder sich 124 Minuten lang den Großen Diktator (1940) von Charlie Chaplin ansehen. Einen besseren Schnellkurs gibt es nicht, und deshalb ist dies ein unheimlicher Film: Wie konnte der "Tramp" schon damals mit ein paar Rollen Zelluloid mehr Durchblick produzieren als hernach Regalmeter von gelehrten Büchern?

Alle Wesenszüge hat Charlie herausgearbeitet: den Führerkult, die Erotik der Gewalt, die Massenaufmärsche, die Selbstunterwerfung der Beherrschten, die Hahnenkämpfe im innersten Kreis, die Notwendigkeit des inneren und äußeren Feindes, den Expansionismus, den Allmachtsanspruch, der die totalitäre Architektur von Mussolinis Monsterklassizismus bis Moskau prägte. Selbst Hitlers gestörte Sexualität hatte Chaplin durchschaut: in der Szene, wo sich Adenoid Hynkel die busige Sekretärin grapscht, sich dann aber doch nicht traut und sie erleichtert fallen lässt, als das Telefon klingelt.

Mit nachtwandlerischer Sicherheit sagt Chaplins Garbitsch-Goebbels den Katechismus aller Totalitären auf: "Demokratie, Freiheit, Gleichheit sind Volksverdummung. Deshalb werden diese Ideen alle beseitigt. Alle werden den Interessen des Staates durch absoluten Gehorsam dienen. Juden und Nicht-Arier sind Staatsfeinde." Bei Lenin waren es Kulaken und Nicht-Proletarier.

Die analytische Brillanz macht aber nur die eine Hälfte des Chaplinschen Genies aus. Die andere ist ein Slapstick-Feuerwerk, das im Zitatenschatz der Filmgeschichte verewigt worden ist. Einer der ersten Höhepunkte ist das Ballett des Rasiermessers, das an der Kehle des Kunden nach den Klängen des 5. Ungarischen Tanzes von Brahms hin- und herfliegt. Wer kennt nicht Hynkels Danse macabre mit der Weltkugel, die als Ballon in seinen Händen zerplatzt? Oder das Germano-Kauderwelsch des Doppelkreuzlers, in dem nur zwei richtige deutsche Wörter, "Wienerschnitzel" und "Sauerkraut" vorkommen, dazu das verballhornte "Dschuden" und "schtraf". Das Mikrofon, das ängstlich vor Hynkel zurückweicht? Oder den Running Gag, bei dem er Marschall Herring (Goering) andauernd degradiert und befördert? (In der totalitären Wirklichkeit durfte sich kein Unterling je seines Status – oder Lebens – sicher sein.) Schließlich der Zweikampf der Eitelkeiten zwischen Hynkel und Benzini Napaloni (Mussolini, hinreißend gespielt von Jack Oakie), der seinen Höhepunkt in einem Büfett-Krieg mit Würsten und Spaghetti erlebt. Im Nachkriegs-Italien wurden alle Szenen mit Napalonis Frau weggeschnitten, um Mussolinis Witwe Rachele zu schützen. In Spanien war der Film bis 1975 verboten.

Eine Legende besagt, dass Chaplin diesen Slapstick nie gedreht hätte, wenn er von dem "mörderischen Wahnsinn" des Regimes gewusst hätte. In Wahrheit wusste er es, hatte er doch die Ereignisse akribisch verfolgt. Den Oscar bekam er 1940 trotz fünf Nominierungen nicht. "Geehrt" wurde er aber von Hitler, der sich über Portugal eine Kopie besorgen ließ.