Der Nachmittag des 22. Juli 2004, an dem Nikolaus Laing zum ersten Mal den roten Schalter umlegte, war wolkenlos. Bruchteile einer Sekunde später drehte sich im Garten des Reihenhauses im kalifornischen El Cajon der Propeller eines ausgeschlachteten Sportflugzeuges: Mit seinem Handgriff hatte der deutsche Physiker ein Solarkraftwerk in Betrieb genommen, dessen Strom den Rotor auf Hochtouren brachte – und die Augen einer Hand voll Tüftler zum Leuchten.

Das Team um Laing hatte diesem Augenblick zwei Jahre lang entgegengearbeitet. In der Garage des Reihenhauses hatten das deutsche Physiker-Ehepaar Laing, drei US-amerikanische Techniker und ein britischer Enthusiast in Handarbeit den Prototyp eines Kraftwerks gefertigt, "das die Erzeugung von Elektrizität aus Sonnenstrahlung revolutionieren wird". Davon ist jedenfalls der 82-jährige Teamchef Laing überzeugt.

Das Solarkraftwerk in El Cajon, unweit von San Diego gelegen, erzeugt zwar wie herkömmliche Fotovoltaik-Systeme Elektrizität aus Sonnenstrahlen, allerdings mit einem deutlich höheren Wirkungsgrad. Dieser Effekt wird durch die Bündelung des Sonnenlichtes, die permanente Neuausrichtung der Anlage am Stand der Sonne und spezielle Fotozellen erreicht. Gemeinsam mit Spezialisten des amerikanischen Satellitenzellen-Herstellers Boeing-Spectrolab sowie des Optik-Unternehmens Jungbecker Technology aus dem nordrhein-westfälischen Olpe entwickelte das Team Solarstrom-Generatoren, bei denen die extrem leistungsfähigen Fotozellen einer hoch konzentrierten Sonnenbestrahlung ausgesetzt werden. Diese so genannten Konzentrator-Zellen erzeugen rund 800-mal mehr Strom als gleichgroße konventionelle Solarzellen aus Silizium. "Die Kraftwerke haben das Potenzial, künftig Kohle- und Atommeiler zu ersetzen", verspricht Laing.

Auch hierzulande setzen Wissenschaftler Hoffnungen auf diese Technologie. "Solarenergie aus Konzentratorzellen ist viel kostengünstiger als herkömmliche Fotovoltaik", sagt Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker, Vorsitzender des Umweltausschusses im Bundestag. Noch basieren mehr als 90 Prozent der am Markt verfügbaren Zellen auf dem Halbleitermaterial Silizium, noch gehören Module mit Wirkungsgraden von 15 Prozent schon zur Weltspitze. Die Zukunft jedoch dürfte den Konzentratorzellen gehören, mit denen sich deutlich höhere Wirkungsgrade erzielen lassen. Jüngst meldete das Fraunhofer-Institut einen europäischen Rekord von 35 Prozent, erzielt mit Zellen aus Gallium- und Germaniumverbindungen. "Damit könnten fotovoltaische Systeme einen Wirkungsgrad von mehr als 25 Prozent erreichen", glaubt Gerhard Willeke vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme.

Das Kraftwerk schwimmt in einem kreisrunden Bassin

Den Weltrekord beim Umwandeln der Sonnenstrahlung in Elektrizität hält allerdings Boeing-Spectrolab, dessen Zellen es auf 40 Prozent Wirkungsgrad bringen und die damit das 1200fache an Strom wie gleich große Siliziumzellen erzeugen können. Die Tüftler von El Cajon benutzen modifizierte Boeing-Zellen mit 37,5 Prozent Wirkungsgrad, attestiert das US-National Renewable Energy Laboratory (NREL), eine Abteilung des Washingtoner Energieministeriums.

Das 6,6-Kilowatt-Kraftwerk in El Cajon schwimmt in einem kreisrunden Bassin. Es misst 7,5 Meter im Durchmesser und besteht aus 17 Reihen dicht nebeneinander angeordneter Brenngläser, die das Sonnenlicht bündeln und auf die darunter liegenden Fotozellen werfen. Diese Konstruktionen sind auf einer Plattform montiert, die auf der kühlenden Wasserschicht schwimmt und sich durch Drehung immer exakt zur Sonne ausrichtet. So nutzt das Kraftwerk rund 80 Prozent der auf die Brenngläser treffenden Sonnenstrahlung. An einem durchschnittlichen kalifornischen Sonnentag könnten auf diese Weise bis zu 52 Kilowattstunden Strom erzeugt werden, sagt Nikolaus Laing.

Das Ehepaar hat die Idee seines Solarkraftwerkes über zwei Jahrzehnte vorangetrieben. 1982 ließ es sich erstmals sein "System eines im Wasser schwimmenden Solarkraftwerkes, dessen Fotozellen sich nach dem Azimut der Sonne ausrichten", patentieren. Später gründete das Physiker-Ehepaar die Firma Pyron Solar Inc., um das Fotovoltaik-System für großtechnische Anwendungen zu entwickeln. Sein vorerst letztes Patent mit der Registriernummer PCT/EP02/11309 stammt vom 14. Januar 2004. Darin bescheinigt das Europäische Patentamt, dass das Laingsche Solarstrom-Generatoren-System die Kriterien Neuheit, Erfindung und industrielle Anwendbarkeit erfüllt. "Damit haben wir uns an die Produktion gewagt", erzählt Inge Laing auf der Terrasse ihres zur Elektro- und Optikwerkstatt umgebauten Hauses, hoch über der geschwungenen Pazifikküste vor San Diego.