architektur Die perfekte Welle

Hamburg baut ein Wahrzeichen: Mitten im Hafen soll ein grandioses Konzerthaus entstehen. Es könnte die Stadt erneuern – oder ruinieren

Ein Haus zwischen Himmel und Erde, zwischen der Stadt und dem Fluss, zwischen Traum und Wirklichkeit. Vor ein paar Jahren noch lagerten hier die Handelsfirmen ihre Kakaobohnen. Nun aber steht der Trutzbau, eine Kaaba ganz aus Backstein, leer und wäre bestimmt abgerissen worden, hätte sich die Leere nicht mit einer verführerischen Idee gefüllt: Über dem alten Klotz, so der Plan, soll ein Ort für die Musik entstehen. Hamburg will sich eine Elbphilharmonie bauen, ein architektonisches Wunderwerk, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Symbol eines großen Aufbruchs soll der Bau werden, ein weithin leuchtendes Wahrzeichen und vielleicht gar der Anfang einer großen Verwandlung.

Absurd mag das klingen für den, der von den Landungsbrücken ostwärts zum Kaispeicher A wandert, den kalten Wind im Genick und die verlassenen Hafenbecken vor Augen. Eine Burg ist dieser Bau, so schroff wie die ganze Gegend hier, die lange Zollausland war. Und doch ein Ort der Überwältigung. Nur muss man hoch hinaus, am besten aufs Dach des Kaispeichers, wo sich die grandiose Weite des Hafens auftut und der Blick über die Häuser und Straßen etwas von der hanseatischen Zurückhaltung offenbart. Es gibt in dieser City keine Skyline wie in Frankfurt, nur vereinzelt wagt sich ein Kirch- oder Büroturm empor. Ansonsten zählt Understatement. Oder besser: zählte.

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Denn was auf dem Kaispeicher A entstehen soll, kommt einem jähen Mentalitätsbruch gleich. Künftig wird sich die Stadt selbst auf den Sockel stellen. Schluss mit der vornehmen Dezenz! Wo jetzt noch der Kies unter den Füßen knirscht, soll sich schon bald eine fulminante, 103 Meter hohe Glaswelle erheben. Ein Gebäude, das die Hamburger zum Blick auf sich selbst einlädt.

Stolze 196 Millionen Euro wird der Traum mindestens kosten

Geplant ist ein öffentlicher Platz auf 37 Meter Höhe, von dem aus sogar die Alster zu sehen sein wird, darüber ein Luxushotel, viele Luxuswohnungen, vor allem aber zwei Konzertsäle, eine Philharmonie für 2200 und ein Kammermusiksaal für bis zu 600 Besucher. So wird die Kaufmannstradition, verkörpert vom alten Speicher, künftig nur noch Sockel sein und als Parkhaus für die Besucher dienen; obenauf hingegen residiert plötzlich die Kultur. Eine seltsame, eine symbolische Verdrehung des Gewohnten: Als wäre es eine Allegorie auf ganz Hamburg, beginnt sich das Abweisende des Kaispeichers zu öffnen, das Stoische lockert sich, und das Rationale schlägt kühne Wellen.

So haben es sich die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron zusammen mit ihrem Partner Robert Hösl ausgedacht. Vor gut einem Jahr brachte ein privater Investor die Skizzen für eine Elbphilharmonie in die Öffentlichkeit, und sofort wurden sie in der Stadt euphorisch aufgenommen. Mehr noch als von den Entwürfen selbst ließen sich die Politiker von dem Versprechen locken, dass dies spektakuläre Haus quasi umsonst zu haben sein sollte. Es würde sich, so hieß es, durch das Hotel und die Apartments selbst finanzieren. So musste Ole von Beust, der Bürgermeister, nicht lange zögern: Er beschloss, die Planungen für das Konzerthaus so rasch wie möglich voranzutreiben.

Inzwischen weiß jeder, dass die Gratisverheißung eine Illusion war. Vorige Woche hat die Realisierungsgesellschaft der Stadt Hamburg ReGe eine erste Finanzprognose für das Projekt veröffentlicht: 196 Millionen Euro werden Um- und Aufbau kosten. Gut die Hälfte davon sollen private Investoren tragen, maximal ein Drittel der Bausumme will die Stadt übernehmen. Den Rest erhofft man sich von Mäzenen und Sponsoren. Die Kostenschätzung enthält noch viele Unwägbarkeiten: Wie gut die Angebote der rund 50 privaten Investoren wirklich sind, die auf die Ausschreibung reagiert haben, werden erst die Verhandlungen der nächsten Wochen zeigen. Der Ausbau des Kaispeichersockels zum Parkhaus ist mit 35 Millionen Euro veranschlagt, von denen wohl zumindest ein Teil die Stadt als Erschließungskosten übernehmen muss. Auch ob der wünschenswerte direkte U-Bahn-Anschluss finanzierbar und realisierbar sein wird, ist noch ungeklärt.

Die Architekten sind mit ihren Entwürfen da schon weiter: In einer Präsentation konnten sie jetzt erste Eindrücke davon vermitteln, wie die Philharmonie von innen aussehen wird. Und ihre Bilder lassen die hohen Zahlen glatt vergessen. Erstaunlicher noch als das Äußere, so viel lässt sich sagen, wird das Innere dieses Konzerthauses werden – ein Raum für alle Sinne. Da wird der Besucher, der eben noch in den Weiten der Aussichtsplattform stand, wie durch einen hellen Höhleneingang hinaufgezogen in das Foyer, in sich verschlungen wie ein Gehörgang. Hier ist der große Saal schon zu spüren, der über den Besuchern zu schweben scheint und tatsächlich etwas Klangkörperliches besitzt, so weich, so geschmeidig ist er geformt.

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