Angst vor Investoren Was ist an Deutschland so verlockend?

Ausländische Investoren kaufen hiesige Unternehmen und etablieren einen neuen, aggressiveren Kapitalismus. Zetern hilft nicht. Politiker, Unternehmer und Gewerkschafter können den Wandel gestalten

Das also ist eine Heuschrecke. Dunkler Anzug, Nadelstreifen natürlich, die Haare ordentlich zum Scheitel gekämmt. In den vergangenen Monaten hat Karsten von Köller den deutschen Banken zehntausend notleidende Kredite abgekauft, mehr als 6,1 Milliarden Euro hat er dafür bezahlt. Von Köller ist Deutschland-Chef des amerikanischen Risikofonds Lone Star. Er kauft, wenn keiner mehr kaufen will. Sein Geschäft ist eine große Wette: Lone Star spekuliert darauf, selbst faule Kredite noch zu Geld zu machen. 20 Prozent Rendite, schätzt man in der Branche, springen dabei heraus. In fünf bis acht Jahren will der Fonds das Land wieder verlassen. Es muss schnell gehen.

Auch wenn Franz Müntefering wahrscheinlich nicht weiß, wer Karsten von Köller ist: Leute wie ihn meint der SPD-Chef, wenn er die »Heuschrecken« geißelt. Wenn er von Finanzinvestoren spricht, die über das Land herfielen, es abgrasten und weiterzögen. Kapitalismuskritik ist en vogue. Bundeskanzler Gerhard Schröder beklagt das »entfesselte neoliberale System«, SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter will die »kapitalistischen Auswüchse« bekämpfen.

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Es ist ein starkes Bild, das vor allem Müntefering da transportiert. Die drohende Niederlage der SPD in Nordrhein-Westfalen vor Augen, wirbt er um jene, die fassungslos sehen, was in Deutschland gerade geschieht. Um die Hartz-IV-Empfänger, die nicht verstehen, wieso die Deutsche Bank Tausende Mitarbeiter entlässt, obwohl ihr Gewinn so hoch ist wie lange nicht. Die Opel-Arbeiter in Bochum und Rüsselsheim, die um ihre Jobs fürchten, weil sie vom Wohl und Wehe der Konzernmutter General Motors in Detroit abhängen. Die Angestellten des Versicherungskonzerns Gerling, der angeblich von einem Höllenhund gefressen werden soll – dem Finanzinvestor Cerberus. Münteferings Bild ist für all jene gemalt, die Angst um ihr Einkommen haben. Drei von vier Deutschen glauben nach einer Allensbacher Umfrage, dass die Zeiten härter werden.

Es ist ein starkes Bild, das Müntefering transportiert – aber es ist falsch. Der rote Parteichef unterteilt die Welt in schwarz und weiß, in böse und gut. Nur ganz so einfach ist es nicht.

Früher hieß es immer: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es den Menschen gut. Heute geht es der Wirtschaft gut, die Menschen aber fühlen sich schlecht. Und kein Politiker kann ihnen das erklären. Die Bürger verstehen nur, dass immer weniger Firmen ihre Arbeitskraft wollen – und dass Deutschland gleichzeitig immer mehr Geld anlockt. Die Heuschrecken kommen. Bloß warum ist dieses Land auf einmal so lecker?

Schon Mitte der neunziger Jahre wollten US-Investoren in den deutschen Markt eindringen, allein im Immobiliengeschäft mit zweistelligen Dollar-Milliardenbeträgen, sagt Wolfgang Richter, Partner der amerikanischen Anwaltskanzlei EY Law. Doch im rheinischen Kapitalismus hatten Finanzinvestoren nichts verloren. Die heimischen Banken und Versicherungen dominierten das Denken und Handeln der Firmenchefs. Sie versorgten die Unternehmen mit Kredit; gleichzeitig sorgten die Überkreuzbeteiligungen zwischen Banken, Versicherungen und Industriekonzernen für den Ruf der Deutschland AG als uneinnehmbare Festung.

»Früher war der Renditedruck deutlich geringer«, sagt Rudolf Rupprecht, der bis Ende vergangenen Jahres den Nutzfahrzeug- und Maschinenbaukonzern MAN führte. Bei ihren Beteiligungen waren die Banken in erster Linie Kreditgeber und nicht Aktionäre. Sie waren an der sicheren Rückzahlung der Kredite interessiert, an Reservepolstern für schlechtere Zeiten, an einer langfristigen Ausrichtung der Firmen – und weniger an kurzfristig hohen Renditen. »Die Aktionäre sind nicht schlecht behandelt worden, hatten aber nichts zu sagen«, sagt Reinhard Schmidt, Professor für Finanzierungsfragen an der Universität Frankfurt. »Im Prinzip haben Banken und Versicherer gemeinsam mit Gewerkschaften über die Unternehmen geherrscht.«

Aus und vorbei. Heute liegt die Rendite auf das eingesetzte Kapital in Deutschland nach Berechnungen der Investmentbank Goldman Sachs genauso hoch wie im Rest der EU (siehe Grafik auf der nächsten Seite). Dax-Unternehmen wie MAN, Siemens oder die Deutsche Bank orientieren sich an den Renditen ihrer internationalen Konkurrenten. »Die Sonderrolle, die Deutschland gespielt hat, ist Vergangenheit«, sagt Dirk Schumacher, Volkswirt bei Goldman Sachs. Das macht das Land für Investoren schmackhaft.

Deutschland erlebt einen rasanten Wandel. Die Interessen der Aktionäre stehen auf einmal ganz oben – wie überall im globalen Kapitalismus. Es ist ein Wandel mit klarer ökonomische Ursache: Der große Aktiencrash Anfang des neuen Jahrtausends führte direkt in die Krise der deutschen Großbanken; seither fallen die Geldhäuser als Finanziers weitgehend aus. Kaum eine Woche vergeht, in der sich nicht eine Bank von einer Unternehmensbeteiligung trennt.

Verstärkt wird der Bedeutungsverlust der Banken noch durch strengere internationale Vorschriften. Etwa die neuen Kreditregeln, die ausgerechnet in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Darlehensvergabe bremsen. Oder die Bilanzierungsregeln, die verhindern, dass Unternehmen stille Reserven für schlechte Zeiten bilden.

All das lässt die Manager nun um jeden Prozentpunkt Rendite kämpfen. Wer zu wenig bringt, wird von der Börse bestraft – und automatisch zum Übernahmekandidaten. Beispiel MAN: Seit seinem Antritt im Januar 2005 verkauft der neue Vorstandschef Håkan Samuelsson die Randgeschäfte des Mischkonzerns, er lässt Standorte schließen, will Kosten sparen. Die Großaktionäre Allianz, Münchener Rück und Commerzbank haben ihre MAN-Aktien verkauft, jetzt steht der Konzern ohne Schutz da. Und der Kapitalmarkt hasst Konglomerate. Also trimmt Samuelsson das Unternehmen auf Effizienz.

Seine Sorge gilt vor allem den großen Beteiligungsfinanzierern, den Private-Equity-Firmen. Sie lauern auf Fehler der etablierten Konzerne, um diese zu kaufen. Zwischen 2002 und 2004 hat sich der Wert der Übernahmen in Deutschland durch diese Investoren verdreifacht – auf 20 Milliarden Euro. Aber auch die Finanzinvestoren selbst stehen unter Druck. Sie haben ihren Geldgebern, meist großen Pensionsfonds, überdurchschnittliche Renditen versprochen – für die private Altersvorsorge amerikanischer Lehrer, Feuerwehrleute oder Fabrikarbeiter. Erfüllen sie die Vorgabe nicht, bekommen andere Fonds das Geld.

»Es ist der Zwang zum Erfolg«, sagt Karsten von Köller, der den Renditedruck aufrechterhält. Von Köller kennt noch die alten Tage der Deutschland AG. Früher war er Chef der Rheinhyp, die auf die Vergabe von Hypothekenkrediten spezialisiert war. Bis Anfang der neunziger Jahre habe die Eigenkapitalrendite keine Rolle gespielt, sagt er, erst nach und nach habe sich diese Kennzahl durchgesetzt, die heute das Maß aller Dinge sei. Von Köllers Wandlung vom Bankier zum Investor steht für die Veränderung des deutschen Kapitalismus. Aber ist der Mann deshalb tatsächlich eine Heuschrecke?

Schwarz oder weiß, böse oder gut: Vor knapp zwei Jahren übernahm eine Gruppe um den Finanzinvestor Apax den Kabelbetreiber Kabel Deutschland. Fünf Jahre lang hatte die Vorbesitzerin, die Deutsche Telekom, nichts mehr ins Kabelgeschäft investiert; der Verkauf an ein Unternehmen aus der Branche scheiterte am Kartellamt. Ohne Investor hätte Kabel Deutschland (KDG) kaum eine Chance gehabt. »Damals hat niemand an dieses Investment geglaubt«, sagt Apax-Manager Nico Hansen. Heute hat KDG 2500 Mitarbeiter, rund 150 mehr als bei der Übernahme. Sind diese Finanzinvestoren böse?

Ob Senator Entertainment, KarstadtQuelle oder Walter Bau – immer öfter sitzen bei Verhandlungen auch ganz spezielle Investoren mit am Tisch. Firmen wie Lone Star, Cerberus oder Apollo, die Schulden angeschlagener Firmen kaufen und die Unternehmen so unter ihre Kontrolle bringen. Sie jonglieren mit Begriffen wie High Yields, Asset-based Securities, Convertibles und mit dem Schicksal der Arbeitnehmer. »Die Karawane startete vor zwei Jahren«, sagt Ansgar Zwick von der Investmentbank Houlihan Lokey Howard & Zukin, und sie hat vor allem ein Ziel: Deutschland (siehe Grafik). Auf bis zu 300 Milliarden Euro wird hierzulande das Volumen der faulen Kredite in den Büchern der Banken geschätzt. Wer diesen Schatz heben will, darf nicht zimperlich sein. Cerberus kappt beim Autozulieferer Peguform mehrere hundert Stellen, Apollo wollte vergangenes Jahr den Kabelbetreiber Primacom liquidieren – und die Aktionäre vorher mit einem Kleckerbetrag abfinden. Sind diese Finanzinvestoren gut?

Bleiben die Hedge Fonds. Seit Wochen opponiert Christopher Hohn, Chef des britischen Fonds TCI, gegen die Deutsche Börse. Erst stemmte er sich gegen den Plan von Börsenchef Werner Seifert, die Börse London zu übernehmen, dann wollte er an Seiferts Kriegskasse. Nun verlangt er seinen Rücktritt. Für Finanzminister Hans Eichel ist so etwas das Signal, das kurzfristige Denken der Hedge Fonds zu geißeln, die »nur das schnelle Geld machen wollen«. Für den Hamburger Wirtschaftsprofessor Michael Adams zeigt das: Aktionäre nehmen endlich ihre Kontrollfunktion wahr. Ist dieser Finanzinvestor böse?

So steckt auch die Kapitalismuskritik der Sozialdemokraten voller Widersprüche. Erst die rot-grüne Bundesregierung hat den steuerfreien Verkauf von Unternehmensbeteiligungen ermöglicht – jetzt kritisiert man die Käufer. Und hatte Walter Riester, der Arbeitsminister, der 2002 den Einstieg in die private Altersvorsorge ebnete, etwa kein rotes Parteibuch? Nun wundert sich sein Parteichef über die unzähligen Fonds, die das Geld der künftigen Rentner vermehren sollen – und dabei selbst kräftig verdienen.

Die soziale Marktwirtschaft, auf die sich die SPD beruft, sollte einen Weg jenseits von Sozialismus und purem Kapitalismus beschreiten. Die Unternehmen verzichteten auf Rendite und zahlten tendenziell höhere Löhne, die Arbeitnehmer wiederum verzichteten auf Streiks. Doch dieser Konsens zwischen Kapital und Arbeit ist zerbrochen.

Seit 2003, sagt Sylvain Broyer, Deutschland-Volkswirt der französischen Investmentbank Ixis, »schlägt sich das Wirtschaftswachstum nur noch auf der Kapitalseite nieder«. Dabei sind die Finanzinvestoren bloß die Agenten dieses Wandels. Deutschland wird angelsächsisch. Das bedeutet: mehr Dynamik, aber auch mehr Ungleichheit, weniger Stabilität und dafür mehr Innovationen – siehe Vereinigte Staaten. Doch auf diesen Wandel ist Deutschland genauso wenig vorbereitet wie offenbar Franz Müntefering.

Ein Zurück zum rheinischen Kapitalismus gibt es nicht, allen Verbalattacken zum Trotz. Gerade die exportorientierte deutsche Wirtschaft kann sich nicht abschotten, und ohne ausländisches Beteiligungskapital stehen viele Mittelständler vor dem Aus. Und wer soll angesichts der Zurückhaltung der heimischen Geldhäuser sonst noch Gründer finanzieren? »Die haben oft gute Ideen und ein gutes Team, aber keine Sicherheiten«, sagt Norbert Irsch, Chefvolkswirt der staatlichen KfW-Bankengruppe. »Das überzeugt heute kaum ein Kreditinstitut.«

Der alte Konsens weicht neuen Konflikten. Experten halten es da nur für konsequent, dass in den Unternehmen auch die Verantwortung klarer verteilt wird. Binnen drei Jahren könnte die Mitbestimmung im Aufsichtsrat kippen, das Kontrollgremium dann nur noch aus Vertretern der Anteilseigner bestehen, schätzt Michael Kramarsch von der Personalberatung Towers Perrin. Die Gewerkschaften wären dann unabhängiger und könnten wirksamer protestieren.

Bislang neigen deutsche Arbeiter noch immer so wenig zu Streiks wie einst im rheinischen Modell. Auch das, sagt ein Banker, finden Investoren an diesem Land so toll.

 
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