Das Café Wiest gegenüber dem Rathaus von Lenzkirch verströmt den spröden Charme einer Bahnhofsgaststätte. Hier kann man anonym bleiben. Ein Rentner überbrückt die Zeit bis zum Mittagessen mit einem Weizenbier. Ein Jugendlicher wartet auf den Bus. Uwe Müller* behält seine Jacke an und setzt sich vorne auf die Stuhlkante. Müller ist nicht sicher, ob es gut ist, jetzt schon mit Journalisten zu reden. Man könnte einen Grund finden, ihm die Abfindung zu streichen.

Müller gehört zum mittleren Management der Kadabell GmbH & Co. KG, eines Herstellers von professionellen Haarpflegeprodukten, besser bekannt unter dem Markennamen Kadus. Doch eigentlich ist das schon Vergangenheit. Das Lenzkircher Traditionsunternehmen Kadus wurde verkauft und im März geschlossen. Seit einigen Wochen ist der dreifache Familienvater nur noch damit beschäftigt, seinen Arbeitsplatz abzuwickeln.

Für Uwe Müller ist das alles unwirklich. Noch fährt er jeden Tag in die Firma. Noch scheint alles beim Alten. Nur beim After-Shave hat sich etwas geändert. "Meinen Duft habe ich aus Protest gewechselt", erzählt er. Das war damals, als im Sommer vergangenen Jahres der Schließungsplan verkündet wurde und ganz Lenzkirch gegen die Vernichtung der Arbeitsplätze durch den neuen Eigentümer Procter & Gamble auf die Straße ging. Die vom Konzern in Lizenz produzierte Duftmarke Hugo Boss riecht man in Lenzkirch seitdem nicht mehr gern.

Antonella Fleps hat keine Bedenken, öffentlich ihre Meinung zu sagen. Im Ort kennt jeder die energische Mittdreißigerin aus dem Kadabell-Einkauf, die im vergangenen Jahr zur Galionsfigur des Kampfes um Kadus wurde. "Es war diese Ungerechtigkeit, die ich nicht ertragen konnte", sagt die Rumänien-Deutsche über ihr Engagement, "dass wir geschlossen werden sollten, obwohl wir Gewinne gemacht haben."

Die Manager von Procter & Gamble würden Antonella Fleps vermutlich Naivität vorhalten angesichts der Realitäten einer globalisierten Welt. Doch Fleps ist längst nicht mehr die Einzige, die sich weigert, der ungebrochenen Renditelogik des internationalen Kapitals widerspruchslos zu folgen. Unter den Menschen mit bekannteren Namen ist es der CDU-Veteran Heiner Geißler, der seit Monaten unermüdlich und lautstark gegen das masochistische Einverständnis zu Felde zieht, mit dem die deutschen Eliten sich und dem Rest des Volkes immer wieder erklären, dass es schon in jedem Fall seine Richtigkeit habe, wenn Belegschaften ausgedünnt und Standorte verlagert werden. "Wo bleibt euer Aufschrei?", fragte Geißler einmal seine Politikerkollegen, wenn große Konzerne gesunde, kleine Firmen wie Kadus mit Inventar und Menschen aufkaufen, "als wären es Sklavenschiffe aus dem 18. Jahrhundert", um sie dann "zum Zwecke der Marktbereinigung oder zur Steigerung der Kapitalrendite und des Börsenwertes" dichtzumachen.

Der große Konzern, das ist in diesem Fall Procter & Gamble, der inzwischen größte Markenartikelhersteller der Welt, mit Hauptsitz in Cincinnati, Ohio. Von dort aus gesehen, dürfte die Firma Kadus im Hochschwarzwald nur ein unscheinbarer Satellit des riesigen P&G-Imperiums sein. Ein bloßes Anhängsel der Wella AG, deren Aktienmehrheit man im Jahr 2003 der zerstrittenen Wella-Erbengemeinschaft für rund 6,5 Milliarden Euro abgekauft hat. Für die Lenzkircher dagegen gehört das Kadus-Werk zum Ort wie die Kuckucksuhr zur Region. Die Lenzkircher sind stolz auf "ihr" Unternehmen.

Kurt Straßner etwa betreibt seit 34 Jahren schräg gegenüber vom Lenzkircher Rathaus seinen Friseursalon. Und genauso lange nutzt er Kadus-Produkte. Nicht aus Lokalpatriotismus, wie er sagt, sondern aus Überzeugung. "Die Farbe riecht gut, fühlt sich angenehm an. Tolle Ergebnisse, vor allem schöne Rottöne, gell," so Straßner. Mit Kadus, sagt er, gehe jetzt auch ein Stück Stadtgeschichte zu Ende. Denn gegründet wurde die Firma schon 1919 von dem Neustädter Friseurmeister Ludwig Kegel, der mit "Kegels Automatischem Desinfektor und Spüler" ein Gerät zur Desinfektion von Friseurscheren und Barbiermessern erfunden hat. "Damals grassierte ja die Bartflechte bei den Männern", erklärt Straßner.

So wie jeder in Lenzkirch die Geschichte vom Friseurmeister Kegel kennt, so kennt man sich auch untereinander. Geheimnisse haben hier keine lange Lebenszeit. Und so wusste jeder im vergangenen Sommer, dass die Geschäfte bei Kadus gut liefen. Der Export entwickelte sich erfreulich, und auch im allgemein stagnierenden Inlandsmarkt für Friseurbedarf hatte Kadus ein Umsatzwachstum zu verzeichnen. Eine Rendite von zwölf Prozent, hieß es, solle das Unternehmen abwerfen. Das sind schon gute Nachrichten, in so schlechten Zeiten.