die zukunft des kapitalismus Das Leben in Amerika ist angenehm. Aber kein Modell für alle

Die Welt hat ein gemeinsames Schicksal. Sie muss es sich zurückerobern, denn sonst droht das Reich der Begierde und des Verlangens unseren Planeten aufzufressen

Ich finde, sie wäre eine gute Idee«, hat Mahatma Gandhi bekanntlich auf die Frage geantwortet, was er von westlicher Zivilisation halte. Dasselbe hätte er auch über den Kapitalismus sagen können. Mit den Augen des Ostens betrachtet, war der Kapitalismus, verstanden als »unsichtbare Hand« des Marktes, nie mehr als eine Fiktion. Er galt als eine Maskerade, hinter der sich Imperien und Imperialismus verbargen.

Es ist merkwürdig, dass der Fall der Berliner Mauer weithin noch immer als Bestätigung des »Kapitalismus« verstanden wird. Denn in Wahrheit deuten die weltweiten Erfahrungen der vergangenen 15 Jahre viel eher darauf hin, dass ungebremster Kapitalismus unweigerlich imperiale Kriege und die Expansion von Imperien auslöst. Müsste nicht vielmehr die nahezu unbestrittene Herrschaft eines einzigen Systems in der Tat eine Epoche des universellen Friedens herbeiführen? Oder doch zumindest eine Ära, in der große Übereinstimung über die geeigneten Mittel zur Gewährleistung von Frieden herrscht?

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Was wir erleben, ist das genaue Gegenteil. Wir befinden uns in einer Periode außergewöhnlicher Instabilität und Angst, konfrontiert mit der Aussicht auf eine ständige Ausbreitung nur notdürftig getarnter Kolonialkriege. Tatsächlich herrscht heute weniger Einigkeit über die geeigneten Mittel zur Wahrung und Schaffung von Frieden als zur Zeit der Gründung der Vereinten Nationen.

Besonders in der angelsächsisch-amerikanischen Welt werden Kapitalismus und Imperium heute wieder als zusammengehörig betrachtet – als ein einziges Gesamtpaket, das sich von der alten »zivilisatorischen Mission« kaum unterscheidet.

Nun war ich nicht dabei, als in den vergangenen Jahrhunderten dieses Produkt auf den Markt gebracht wurde. Deshalb fange ich gerade erst an zu begreifen, wie groß die Attraktivität ist, die es besonders für die Einfältigen und Wohlmeinenden besitzt. Im Jahr 2003, kurz vor dem Ausbruch des Irak-Krieges, beschrieb ein bedeutender New Yorker Chefredakteur – ein Mann von großer Erfahrung und gemeinhin liberalen Ansichten – mir gegenüber den Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten der Gegenwart und den Imperien der Vergangenheit. Die Differenz bestehe darin, dass die Vereinigten Staaten, anders als die früheren Großmächte, nicht hauptsächlich im eigenen Interesse handelten.

Ich hielt dem Chefredakteur entgegen, er sei ungerecht: nicht gegenüber den Vereinigten Staaten, sondern gegenüber den großen Mächten von einst. Denn dass Imperien häufig edle Ideale verfolgen, ist eine Tatsache – das Problem liegt aber in den Methoden, die sie dabei anwenden und die regelmäßig die behaupteten Ziele und Zwecke untergraben. Warum? Weil der Prozess des Eroberns, des Besetzens und der Ausübung von Herrschaft Wirklichkeiten erschafft, die dann als Alibis verwendet werden, um die Verwirklichung der hehren Ideale immer weiter zu vertagen.

So vertraten einige Jakobiner die Auffassung, dass die Sklaverei in den französischen Kolonien notwendig sei. Ganz in diesem Sinne verwaltete John Stuart Mill, Autor des Buches Über die Freiheit, Hunderte von Millionen eroberter Inder. Und ganz in diesem Sinne wird immer wieder behauptet, Folter sei durchaus mit dem Versprechen künftiger Freiheit vereinbar.

Nichts davon ist neu: Freiheit ist ein altes imperiales Versprechen. Bereits die spanischen Eroberer des 16. Jahrhunderts bedrängen die Eingeborenen von Amerika, die neue Ordnung freiwillig hinzunehmen. Täten sie es nicht, »werden wir machtvoll in euer Land einfallen und Krieg gegen euch führen … wir werden euch, eure Frauen und eure Kinder gefangen nehmen und versklaven … und wir erklären, dass die Todesfälle und Verluste, die dies dann mit sich bringen wird, eure eigene schuld sind.«

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