kuba Vom Hören sagen
Vorleser unterhalten in Havannas Tabakfabriken die Arbeiter. Vor allem den jungen Tabaqueros erklären sie dabei die Welt – ganz im Interesse der Revolution
Kein Zweifel, dass es dem Ende zugeht. Der Mann hustet, keucht, ringt heiser um letzte Worte. Während 1400 Augen die Lider senken, 1400 Hände Tabakblätter rollen und 700 Menschen auf den Tod warten, der auf den letzten Seiten des Buches gestorben wird. Der Vorleser gibt dem Monolog des moribunden Romanhelden Stimme und Ausdruck. Seine Unterarme ruhen auf der Tischplatte, dazwischen das Mikrofon, sehr nah an seinen Lippen. Er atmet schwer.
Die Arbeiter der Zigarrenmanufaktur Partagás hatten gepfiffen, als er am Nachmittag das letzte Kapitel ankündigte. Jesús liest langsam, leise dann, wenn sich das Tuscheln unaufmerksamer Zuhörer in seinen Bariton mischt, damit es ruhiger wird. Die Arbeitsbänke der Tabaqueros sind zum hölzernen Podium des Vorlesers ausgerichtet wie Schultische zu einem Lehrerpult, an der Stirnseite des Saals im obersten Stockwerk der Fabrik. An einer langen Tafel, unter zwei Porträts, von denen eines Che Guevara, das andere den kubanischen Revolutionshelden Frank País zeigt, sitzt Jesús, der Vorleser, die Füße gegen die untere Querleiste des Tischs gestemmt.
Seine Schwester ist Lehrerin, sein Bruder Tabaquero, Arbeiter in einer Zigarrenfabrik, in einer der vielen Manufakturen Havannas. Man könnte sagen, dass Jesús so etwas wie die berufliche Schnittmenge seiner Geschwister bildet. Partagás feiert in diesem Jahr ihr 160-jähriges Bestehen, Jesús Pereira Caballero seinen 43. Geburtstag und 19 Jahre Betriebszugehörigkeit. Eigentlich wollte er Schauspieler werden. Das hat nicht geklappt, nicht ganz jedenfalls. Jesús sagt, dass er seinen Beruf liebt. Er surft auf rauen Reibelauten durch das Gespräch am Tresen des Verkaufsraums. Draußen auf der Straße bieten junge Männer Touristen mit gesenkter Stimme Zigarren zu Schleuderpreisen an. Gefälscht oder geklaut, offenbar geduldet.
Die Geschichte der Vorleser beginnt gegen Mitte des 19. Jahrhunderts. 1865 soll der erste lector eingestellt worden sein, in El Figaro, USA. Am Anfang bezahlten die Arbeiter selbst die Lesenden, meist Männer, die geistige Nahrung zur kunstvollen Verbindung von Tripa, Capotes und Capa zu liefern, zu einem Produkt also, das bis heute den kubanischen Nationalstolz stützt. Die Stille, in der sich die Monotonie der manuellen Arbeitsabläufe vollzieht, erlaubt, was in der Industrie schon wegen des Maschinenlärms unmöglich wäre.
Weil sich die Vorleser selten auf den unterhaltsamen Aspekt ihrer Arbeit beschränkt haben, weil sie neben belletristischen bald auch politische Texte lasen, weil kritische Arbeiter, die begriffen, dass Karl Marx etwas mit ihnen zu tun hat, dem Kapital lästig fielen, trat schon 1866 das erste Verbot für das laute Vortragen aus Büchern und Zeitschriften in Zigarrenmanufakturen in Kraft. Es gab Proteste, das Verbot wurde aufgehoben, wieder ausgesprochen, nach Protesten entschärft, erneut verhängt. Rückschläge und Aufstände, Lesungen trotz allem, im Geheimen, wo sie öffentlich nicht stattfinden konnten – bis zum Sieg der kubanischen Revolution im Januar 1959, die sich maßgeblich auf die stark politisierten Tabaqueros und ihre mächtigen Gewerkschaften stützte.
Um zu verstehen, warum die Geschichte der Vorleser auch eine Geschichte des Widerstands beschreibt, reicht die Gegenwart von Partagás nicht aus. Es braucht Menschen dafür, die erzählen können, wie es früher war, Menschen wie Enrique Mons Difurniau. »Lesen hat mir nie viel Spaß gemacht«, sagt Mons und schnauft in die rauschende Ruhe der Klimaanlage im salón de ventas des staatlichen Zigarrenfachhandels, Casa del Habano, dem er seit sieben Jahren vorsteht. »Wenn ich heute trotzdem weiß, worum es in Die Elenden von Victor Hugo geht, dann nur wegen der Vorleser in den Fabriken.«
Als Mons anfing zu arbeiten, war er elf Jahre alt und hatte drei Jahre lang die Schule besucht, das siebte von zehn Geschwistern. »Meine Leseunlust hat sicher viel damit zu tun, dass ich die Schule erst nach der Revolution abschließen konnte.« Die Bücher, die er kennt, hat er gehört, nicht in der Hand gehabt, »die Russen, die Engländer, die Deutschen«, Doña Barbara und Der Graf von Montecristo, kubanische Autoren, historische Berichte, Biografien und – »na sicher, Mädchen, das auch« – Gedichte. Enrique Mons ist 62 Jahre alt. In der Brusttasche seiner weißen guayabera, dieses kurzärmeligen kubanischen Hemdes, steckt eine Auswahl verschiedener kleiner Formate.
- Datum 28.04.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.04.2005 Nr.18
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