Maale Adumim

Es geht um einen winzigen Flecken unbebauten Landes im israelisch besetzten Westjordanland, ein Territorium von knapp zwölf Quadratkilometern – halb so groß wie George W. Bushs private Ranch in Texas, auf der vorige Woche Ariel Scharon zu Gast war, aber groß genug, um einen Keil zwischen Israel und seinen wichtigsten Verbündeten zu treiben. E1 heißt das Gelände. Wo heute Schafe und Bergziegen grasen, sollen in Zukunft israelische Siedler leben. 3500 Wohneinheiten wollen die Israelis hier errichten – und ziehen sich damit den Zorn der Amerikaner und der Palästinenser zu. Für Israel geht es um die Anbindung seiner größten Siedlung im Westjordanland an Jerusalem, für die Palästinenser um ein zusammenhängendes Gebiet für ihren zukünftigen Staat und für die Amerikaner um die Roadmap, die neue Siedlungsvorhaben der Israelis verbietet.

Östlich von Jerusalem und westlich der israelischen Großsiedlung Maale Adumim mit ihren 32000 Einwohnern liegen Israelis und Palästinenser im Wortsinn über Kreuz. Im Norden liegt Ramallah, im Süden Bethlehem, in der Mitte E1. Eine weiter östlich liegende Verbindung zwischen den palästinensischen Bevölkerungszentren wäre ein unzumutbarer Umweg. Also kommt es für beide Seiten auf E1 an. Nur eine Partei kann das Land haben, die andere wird auf Brücken oder Tunnel angewiesen sein.

Gegenwärtig sind es die Israelis, die Tunnel benutzen. Zehn Minuten dauert die Fahrt zwischen Jerusalem und Maale Adumim auf der neuen Tunnelstraße, die erst vor drei Jahren gebaut wurde. Nun aber wollen die Israelis das Land über ihrem Tunnel ebenfalls bebauen. In Zukunft sollen die Palästinenser eben über oder unter israelischem Land reisen, meint die israelische Regierung und bietet ihnen eine Schnellstraße an. Doch der so genannte Friedensfahrplan hat den Palästinensern einen zusammenhängenden Staat in Aussicht gestellt. Territoriale Kontinuität, argumentieren sie, lasse sich nicht mit Brücken und Tunneln herstellen. Außerdem geht es für sie um die Zukunft von Ostjerusalem. Je enger der Ring der israelischen Siedlungen sich um die Stadt schließt, desto mehr wird Ostjerusalem vom Westjordanland abgeschnitten und desto schwerer wird es in künftigen Verhandlungen durchzusetzen sein, dass daraus die Hauptstadt eines palästinensischen Staats wird.

"Die Baupläne in E1 verhindern ein künftiges zusammenhängendes palästinensisches Staatsgebilde", argumentiert der Knesset-Abgeordnete Ran Cohen von der linken Jachad-Partei. Er hält den Ausbau der Siedlung für "kriminell". Es gebe nur zwei Optionen, kontert Kabinettsmitglied Natan Scharansky: "Kontinuität zwischen Maale Adumim und Jerusalem – oder Maale Adumim wird in Zukunft eine Insel in palästinensischem Land werden."

Widerspricht das Bauvorhaben der Roadmap? Für Ariel Scharon ist diese Frage zweitrangig. Er will sich erst dann an den Friedensfahrplan halten, wenn die Palästinenser ihrem Versprechen nachkommen, die Terror-Infrastrukturen ihrer extremistischen Organisationen zu zerschlagen. Benny Kaschriel, Bürgermeister von Maale Adumin, hat noch ein anderes Argument für seine Baupläne. Die Siedlung werde von der israelischen Mehrheit längst als integraler Bestandteil Israels akzeptiert, argumentiert er. Die Bevölkerung wachse, man brauche eben neue Häuser. "Wir bauen im Gebiet von Maale Adumim", fügt er hinzu. "Wir bauen nicht aus." Das sei ein alter Trick, kontert Dror Etkes von der israelischen Friedensbewegung Peace Now: Man beschreibt für die israelischen Siedlungen zunächst riesige Stadtgrenzen, um dann jeden neuen Bau als bloße Erweiterung innerhalb der existierenden Grenzen ausgeben zu können.

Neu allerdings ist nichts an den Bauplänen, und sie stehen auch keineswegs kurz vor der Verwirklichung. In den neunziger Jahren war E1 im Rahmen des "Groß-Jerusalem-Projekts" des damaligen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin verplant worden; schon Rabin wollte die Siedlungen außerhalb der Stadtgrenzen an Jerusalem anschließen. Warum holt man diese alten Pläne ausgerechnet jetzt aus den Schubladen? Gegner wie Befürworter des Ausbaus sind sich einig: Kurz vor dem Abzug der 9000 Siedler aus Gaza will Scharon Wohnungspläne für 15000 Menschen in Maale Adumim vorweisen, um seine rechten Widersacher im Likud ruhig zu stellen, vor allem seinen ständigen Rivalen Benjamin Netanjahu.

Noch muss das israelische Kabinett darüber abstimmen, ob die international umstrittene Sperranlage auch Maale Adumim und Ariel einschließen soll. Falls ja, dann würden sie – nach der jüngsten Korrektur des Verlaufes durch den Obersten Gerichtshof – 8 statt, wie ursprünglich geplant, 16 Prozent des Westjordanlands verschlucken. Werden damit die Grenzen eines zukünftigen Palästinenserstaats vorweggenommen? Rechte Regierungsvertreter widersprechen heftig: Vor den Verhandlungen über den endgültigen Grenzverlauf wollen sie den Palästinensern auf keinen Fall so weit entgegenkommen – deren Staat fiele dann zwar deutlich kleiner als das 1967 besetzte Territorium aus, aber eben doch sehr viel größer, als es sich beispielsweise ein Ariel Scharon hätte träumen lassen, damals, als er noch der Vater der Siedlerbewegung war. Israelische Experten weisen außerdem darauf hin, dass bisher noch in allen Gesprächen mit den Palästinensern Grenzkorrekturen entlang der 1967er Linie akzeptiert worden seien. Stets sei Maale Adumim Israel zugeschlagen worden – aber immer im Austausch für ein anderes Territorium.